• aktualisiert:

    kurz vorgestellt: Zum Tolstoi-Jahr

    „Ich kann nicht länger in diesen Verhältnissen des Luxus leben, in denen ich bisher lebte, und tue nun das, was alte Männer in meinen Jahren für gewöhnlich tun: Sie gehen fort aus dem weltlichen Leben, um in Zurückgezogenheit und Stille ihre letzten Tage zu verbringen.“ Tolstoi ließ diesen seinen Worten Taten folgen. Mitten in der Nacht des 28. Oktober 1910 verließ er Familie und Ehefrau, Sofja, die ihm während 48 Jahren Ehe 13 Kinder geschenkt hatte, und begab sich auf eine seine letzte Reise. Der Moralist hatte über den Literaten und Edelmann gesiegt. Seit Jahrzehnten schon, spätestens aber seit seiner als „Wende“ verbrämten religiösen Kehre 1881 konnte er Bergpredigt und das Institutionelle einschließlich der Ehe nicht mehr auf einen Nenner bringen. Literarischen Niederschlag fand Tolstois Hadern mit der Ehe in seiner Novelle Kreutzersonate, die jetzt in einer Neuübersetzung vorliegt. In der Literaturgeschichte einmalig dürfte sein, dass ihm seine Ehefrau mit ihrem Roman „Eine Frage der Schuld“ direkt antwortete. Beide Texte sind jetzt in der Manesse-Bibliothek der Weltliteratur zusammengefasst und mit instruktiven Nachworten versehen. Von dem Ringen der Eheleute gibt auch ein zum hundertsten Todesjahr erstmals erschienene Edition des Insel-Verlags von Briefen Zeugnis, aus dem auch das eingängliche Zitat stammt. Sofjas Flehen vom anderen Tag – „Ljowotschka, mein Liebster, kehre nach Hause zurück, Lieber, rette mich vor einem neuen Selbstmordversuch“ – blieb unerhört. Wenige Tage später starb Tolstoi auf einer Bahnstation an Lungenentzündung – umlagert von der Weltpresse. Seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Nihilismus, den er durch sein säkularisiertes Christentum – das Reich Gottes in uns, Glaube ja, Kirche nein – zu überwinden suchte, machten ihn zum Stichwortgeber der Zeit und zum Vorläufer Gandhis, Albert Schweitzers und Martin Luther Kings. 1903 wählten ihn die Leser des Berliner Tagblatts zum bedeutendsten Mann der Gegenwart. Der evangelische Kirchenhistoriker Martin Tamcke hat jetzt mit „Tolstojs Religion“ dessen spirituelle Biografie vorgelegt und zeigt – eigene Sympathien nicht verhehlend – auf, wie sehr Tolstoi mit seinem anti-dogmatischen Affekt am Beginn der religiösen Moderne steht. DT/om

    „Ich kann nicht länger in diesen Verhältnissen des Luxus leben, in denen ich bisher lebte, und tue nun das, was alte Männer in meinen Jahren für gewöhnlich tun: Sie gehen fort aus dem weltlichen Leben, um in Zurückgezogenheit und Stille ihre letzten Tage zu verbringen.“ Tolstoi ließ diesen seinen Worten Taten folgen. Mitten in der Nacht des 28. Oktober 1910 verließ er Familie und Ehefrau, Sofja, die ihm während 48 Jahren Ehe 13 Kinder geschenkt hatte, und begab sich auf eine seine letzte Reise. Der Moralist hatte über den Literaten und Edelmann gesiegt. Seit Jahrzehnten schon, spätestens aber seit seiner als „Wende“ verbrämten religiösen Kehre 1881 konnte er Bergpredigt und das Institutionelle einschließlich der Ehe nicht mehr auf einen Nenner bringen. Literarischen Niederschlag fand Tolstois Hadern mit der Ehe in seiner Novelle Kreutzersonate, die jetzt in einer Neuübersetzung vorliegt. In der Literaturgeschichte einmalig dürfte sein, dass ihm seine Ehefrau mit ihrem Roman „Eine Frage der Schuld“ direkt antwortete. Beide Texte sind jetzt in der Manesse-Bibliothek der Weltliteratur zusammengefasst und mit instruktiven Nachworten versehen. Von dem Ringen der Eheleute gibt auch ein zum hundertsten Todesjahr erstmals erschienene Edition des Insel-Verlags von Briefen Zeugnis, aus dem auch das eingängliche Zitat stammt. Sofjas Flehen vom anderen Tag – „Ljowotschka, mein Liebster, kehre nach Hause zurück, Lieber, rette mich vor einem neuen Selbstmordversuch“ – blieb unerhört. Wenige Tage später starb Tolstoi auf einer Bahnstation an Lungenentzündung – umlagert von der Weltpresse. Seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Nihilismus, den er durch sein säkularisiertes Christentum – das Reich Gottes in uns, Glaube ja, Kirche nein – zu überwinden suchte, machten ihn zum Stichwortgeber der Zeit und zum Vorläufer Gandhis, Albert Schweitzers und Martin Luther Kings. 1903 wählten ihn die Leser des Berliner Tagblatts zum bedeutendsten Mann der Gegenwart. Der evangelische Kirchenhistoriker Martin Tamcke hat jetzt mit „Tolstojs Religion“ dessen spirituelle Biografie vorgelegt und zeigt – eigene Sympathien nicht verhehlend – auf, wie sehr Tolstoi mit seinem anti-dogmatischen Affekt am Beginn der religiösen Moderne steht. DT/om

    – Martin Tamcke, Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag 2010, 154 Seiten, ISBN: 978-3458174837,

    EUR 17,90

    – Lew Tolstoi, Kreutzersonate, Sofja Tolstaja, Eine Frage der Schuld. Manesse Bibliothek 2010, 429 Seiten, ISBN: 978-7175-2260-7, EUR 19,95

    – Lew Tolstoj, Eine Ehe in Briefen.

    Insel Verlag 2010, 494 Seiten, ISBN: 978-3-458-17480-6, EUR 22,90