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    Würzburg

    Johannes Paul II. - Dramatiker des Herrn

    Johannes Paul II. verkörpert wie kein anderer Papst das Drama des christlichen Glaubens. Doch eigentlich wollte der Pontifex auf einer ganz anderen Bühne spielen.

    Es dämmert. Himmel und Wasser scheinen ineinander überzugehen. In der endlosen grau-blauen Weite der Ostsee leuchten die Lichter der Schiffe. Auf einem steht ein älterer Mann mit Blick auf das offene Meer gerichtet. Sein leuchtend roter Umhang flattert im Wind. An was denkt er? Ahnt er, dass das kommunistische Regime, das seine Heimat fest im Griff hält, im Begriff ist zu bröckeln? Macht sich der Nachfolger Petri Gedanken über die Zukunft seines Kirchenschiffes? Das Bild bietet Spielraum für Symbolik. Rot, die Farbe der Herrscher, aber auch die des Blutes der Märtyrer. Stichwort Märtyrer: Es war das Fest Allerheiligen im Jahr 1946, an dem Karol Wojtyla zum Priester geweiht wurde. Ob hier ein Indiz für seine eigene Heiligsprechung 68 Jahre später lag, bleibt der Spekulation überlassen.

    „Ich denke in theatralischen Bildern“

    Für den Papst-Biographen Garry O'Connor ist es klar, dass Johannes Paul II. ein Mann der Symbole war. Kein Ereignis veranschaulicht dies besser als das Drama vom 13. Mai 1981: Der Papst fiel einem Attentat zum Opfer und wurde lebensgefährlich von einer Kugel getroffen. Der Arzt, der das Kirchenoberhaupt operierte, sprach von einem Zickzackkurs der in den Bauch geschossenen Kugel, nur wenige Millimeter vorbei an lebenswichtigen Organen. Kaum war der Papst wieder bei Bewusstsein, kam ihm in den Sinn, dass der Anschlag exakt auf den Jahrestag der Marienerscheinung von Fatima fiel. Kann das Zufall sein? „Eine Hand hat die Kugel abgeschossen, eine andere hat sie gelenkt“, war er sich sicher. Der Papst, so O'Connor in seiner Biografie „Universal Father“, deutete das Geschehen aus einer geistlichen Perspektive.

    Damit war er nicht alleine. Während der vielen Wochen im Krankenhaus, wo unzählige weltliche und geistliche Führer ihr tiefes Mitgefühl gegenüber dem Pontifex ausdrückten, legte Kardinal Hume die Geschehnisse folgendermaßen aus: „Der Papst ist jetzt vereint mit den unzähligen Opfern der Gewalt unserer Tage. Er, genau wie sie, folgt den Fußspuren eines Meisters, des selbst grausam gefoltert und umgebracht wurde. Der Papst, der sich weigert zu verurteilen, ist bereit zu vergeben – genau wie sein Meister.“ Christliches Drama auf seinem Höhepunkt als aristotelische Mimesis des Evangeliums. Ein Jahr später drückte er der Muttergottes seinen Dank in einem Besuch der Wallfahrtsstätte aus. Seitdem befindet sich die Kugel, die aus seinem Bauch entfernt wurde, vergoldet in der Krone der Marienstatue. Schließlich, als der gut gelaunte Johannes Paul zu seiner Genesung in Castel Gandolfo ankam, begrüßte er die Menge mit einem Witz darüber, dass sich ihr Hymnen-Singen während seiner Abwesenheit verbessert habe – um gleich darauf feierlich zu verkünden: „Und jetzt beginnt Akt 2.“

    Große Mythen und geheimnisvolle Metaphern

    Es gibt Orte, die Wojtyla sein Leben lang nicht losließen und die er selber stets in sich trug. Das Polen seiner Kindheit und Jugend war eine Schatztruhe, gefüllt mit historischen Ereignissen und mächtigen Symbolen. Die Schwarze Madonna von Czestochowa, die „Königin von Polen“, symbolisierte die polnische Seele. Die Wawel-Kathedrale, das Herz Krakaus, die nicht nur das Grab von Stanislaus, dem Nationalheiligen, beherbergt, sondern auch die letzten Ruhestätten polnischer Könige, Kriegshelden und Nationaldichter, ist ein Sinnbild für die tonangebende Formation Wojtylas' jungen Geistes. Neben den antiken Sagen waren es vor allem die ruhmreichen Siege aus der polnischen Geschichte, die der „Kapitän“, wie Karols Vater genannt wurde, seinem Sohn und den Freunden in lebhaften Bildern erzählte. „Die Kirche“, sagte Wojtyla kurz nach seiner Wahl zum Papst, „brachte Polen Christus.“ Die polnischen Literaten des 19. Jahrhunderts, die zugleich glühende Patrioten waren, trieben Opfermotive an die Spitze. Sie stellten Polen als den Christus unter den Nationen dar, das durch seine Aufopferung nicht nur das eigene Volk, sondern die ganze Menschheit erlösen und universale Freiheit manifestieren wird. Nur wenige Nationen haben eine dermaßen theokratisch-eschatologische Vision der Geschichte.

    In diesem Umfeld der großen Mythen und geheimnisvollen Metaphern wurde Karol groß. Als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft für das Theater. Sein Lehrer und Freund, der acht Jahre ältere Mieczyslaw Kotlarczyk, sah in seinem Schützling ein großes Talent und führte ihn in die großen Dramen der Weltliteratur – Hamlet, Faust und Jedermann – ein. Von Beginn an spielte Karol die Hauptrollen in dem Schultheater und hatte eine Vorliebe für dramatische, seriöse Werke. So spielte er Haimon, den Verlobten der Antigone in Sophokles Drama, den Dichter-Helden Henryk in „Die ungöttliche Komödie“ von Krasinsky oder einen polnischen König, der beim Adel in Ungnade gerät wegen seiner Hochzeit mit einer Bürgerlichen in einem Stück von Stanislaw Wyspianski. Alle Dramen waren die der damals populären neo-romantischen, patriotischen und mit der Boheme sympathisierenden Literaten wie Adam Mickiewicz oder Cyprian Norwid. Ersterer prophezeite in einem Gedicht von 1848 einen slawischen Papst voraus.

    „Ich habe die größere Freiheit gewählt“

    Mehr denn je plante Wojtyla, Schauspieler zu werden. An der Universität schloss sich Wojtyla der Experimentaltheatergruppe „Studio 39“ an, in der er bis 1943, zuletzt im Untergrund, wirkte. Das Klima um ihn herum wurde rauer. Er befasste sich innerlich mit dem Leid und dem Schmerz, der ihn äußerlich umgab und verarbeitete ihn literarisch in Form der beiden Dramen „Hiob“ und „Jeremia“. „Ich habe ein neues Stück geschrieben, griechisch in der Form, christlich im Geist, ewig in der Substanz, wie Jedermann“, schrieb Karol einem Freund. In „Jeremia“ verband er den das Unheil ankündigenden Propheten in den Gestalten von zwei Priestern, die dem polnischen Adel den Untergang Polens prophezeien, sollten sie nicht auf die Wege Gottes zurückkehren. Der Konflikt zwischen den beiden Berufungen in Wojtyla, der des Schauspielers und der des Mannes Gottes, nahm zu. 1941, auf der Suche nach einem Sujet für ein neues Drama, fand er einen Charakter, dessen inneres Dilemma ihn faszinierte. Es handelte sich um Adam Chmielowski, der, geboren 1846, im Krieg für die Unabhängigkeit Polens kämpfte und von den Russen gefangen wurde. Ihm gelang die Flucht nach Paris, wo er Malerei studierte und nach der Rückkehr in seine Heimat als ein gefeierter Maler lebte. Hier brach Adam mit der Kunst. Er trat dem dritten Orden der Franziskaner bei und lebte von nun an als Armer unter den Armen und Bettlern. Bruder Albert, wie er nun genannt wurde, gründete eine eigene Kongregation, die sich um die Randgruppen auf Krakaus Straßen kümmerte.

    Diese Komplexität aus heroischen Tugenden, künstlerischen Talenten, priesterliche Berufung und ein Gefühl für Mission faszinierte Wojtyla. Unter dem Titel „Der Bruder unseres Gottes“ widmete er ihm ein Drama, das seine innere Entwicklung vom Künstler zum Mönch beleuchtet. Karol lässt ihn über die Kunst diskutieren, darüber, dass sie alles von einem abverlangt, keinen Raum für einen Rivalen lässt. Ist es Karol Wojtyla, der hier durch Adam um den richtigen Weg ringt? Der Maler fühlt, dass die Kunst nicht die Kraft hat, sein tiefstes Inneres zu befriedigen. Er beschließt, einem „anderen Bild“, nämlich dem Christi, zu folgen. Das Drama endet mit der Entscheidung Adams, ein Franziskaner zu werden. „Ich weiß mit Sicherheit, dass ich die größere Freiheit gewählt habe“, sind seine Schlussworte. Diese größere Freiheit wählte auch der „echte“ Adam, Karol Wojtyla. Er, der ein Schauspieler werden wollte, entschied sich, auf einer anderen Bühne, in einem anderen Drama, zu spielen. In diesem seinem persönlichen Drama überließ er Gott die Rolle des Regisseurs, der ihn zu einem Hauptprotagonisten auf der Bühne der Kirche und der Welt machte. Am Barmherzigkeitssonntag, dem 27. April 2014, versetzte die Kirche dem Meisterwerk Karol Wojtyla den letzten Pinselstrich, indem sie ihn zur Ehre der Altäre erhob.

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