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    Engel

    Christian Lehnert versucht, sich literarisch den Engeln anzunähern

    Der Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert versucht, sich literarisch den Engeln anzunähern.

    Christian Lehnert
    Foto: Imago Images

    Mit dem paradoxen Titel „Ins Innere hinaus“ nähert sich der Ausnahme-Schriftsteller Christian Lehnert in seiner Funktion als Dichter und Theologe einem schwierigen Themenkomplex. Er schreibt über Wesen, über die eigentlich so gar nichts Konkretes gesagt werden kann. Richtung ist vorgegeben: in die Divergenz, nach innen und zugleich nach außen, eine contradictio in adjecto, von Lehnert als Oxymoron verwendet. Auch in seinem letzten Prosaband „Der Gott in einer Nuß“ (2017) hat Lehnert sich dieses Stilmittels bedient.

    Christian Lehnert, Jahrgang 1969, ist als Theologe Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig, war aber auch viele Jahre lang als Pfarrer tätig. Er kennt sich aus in der Wissenschaft und der Seelsorge, kann sich seinem Thema von zweierlei Peripherien nähern, um zum Zentrum zu kommen. In einem „Als ein Vorwort“ lässt Lehnert einen anderen, einen Kumpel aus seiner Zeit als Bausoldat, für ihn formulieren, worin das ganze Paradox besteht, die Unmöglichkeit, etwas Unbeschreibbares zu beschreiben: „Wer niemals eine Berührung mit einer anderen Realität hatte, nie einen Schauder empfand, weil etwas nah kam, das im tiefsten Sinn guttat und doch Angst machte, wird in meinen Zeilen nichts finden, was ihn interessieren oder was er verstehen könnte. Wer nie plötzlich überwältigt wurde von einem gewöhnlichen Eindruck, und es war darin mehr, viel mehr als das Wahrgenommene, der wird in diesem Text keine Erklärung für mein Tun finden. Denn ich kann es selbst nicht erklären, ich kann höchstens auf Ihr Mitgefühl oder Ihre Neugier hoffen. Begründen kann ich nichts.“ Womit sogleich der Ton angeschlagen ist.

    „Was da in mir expandierte,
    grell und überwältigend, war haltlos.“

    Denn in jene Zeit, in der Lehnert als Pazifist in der ehemaligen DDR als Bausoldat dienstverpflichtet wurde, fiel seine Erfahrung einer Transzendenz, die es laut kommunistischer Doktrin nicht gab und nicht geben durfte: „Was da in mir expandierte, grell und überwältigend, war haltlos. Der Eindruck war heftig wie ein Kopfschmerz. Halluziniertes Licht, eine panische Offenheit, sie brach in mir auf, tiefste Fremde im Eigenen, verstörend jenseitig und auf eine nie gekannte Art tröstlich, und ich nannte es später in meinem bilderschaffenden, engelsverwandten Herzen auch einmal ,Gott‘.“ Auf dieser Folie nähert sich Lehnert seinem Thema, den Engeln. Er versteht es, sie aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, wobei er sich immer bewusst ist, wie heikel gerade in der heutigen aufgeklärten, abgeklärten und höchstens esoterisch einem Numinosen zugewandten Welt dieses Unterfangen ist. „Engel sind Kurzschlüsse, blitzartig gezündet zwischen unvereinbaren Polen, als Wunder, Unvorhersehbares, als Verwandlungskräfte. Sie durchschlagen schockartig die gewohnten Verläufe. Doch entsteht da kein Zwischenraum, sondern es fallen vielmehr Gegensätze in eins, und es zuckt, undenkbar, eine Entladung, ein Anfall, Aufschrei durch die Wirklichkeit, die für Bruchteile von Sekunden ein zitterndes Ganzes wird.“

    Lehnert lässt keine Langeweile aufkommen

    Natürlich weiß Lehnert, dass eine solche Beschreibung nicht von jedem nachvollzogen werden kann. Und so wählt er eine Mixtur aus Poesie, nacherzählter biblischer Geschichten, philosophischer Reflexionen, religionswissenschaftlicher Exkurse und aphoristischer Einsprengsel, die keine Langeweile aufkommen lassen. Immer wieder drängt es einen beim Lesen zum Zurückblättern und Nachschlagen. Weil man der Engelgestalten nicht habhaft werden kann, freut man sich an Zitaten von Mystikern wie Jakob Böhme, Johannes Tauler, Hildegard von Bingen oder auch eines Ludwig Wittgenstein, dessen bekanntes Diktum aus dem tractatus logico-philosophicus „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ Christian Lehnert mit seinem Nachdenken über Engel geradezu konterkariert. Aber eben dieser Wittgenstein wusste auch: „Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als – begrenztes – Ganzes.“

    Und so kann Lehnert in allem, was er in seine Betrachtungen über den Glauben, über Gott, einbezieht, auch gleichzeitig Engel wirken sehen: „Was Augustinus und Luther als Glaube verstanden, die innere Aneignung einer Zusage, einer Verwandlung und Heilung, die längst schon geschehen sind, aber nur durch die eigene Annahme für mich wirklich werden können, also die innere Verwirklichung des Gottes durch das Vertrauen in ihn, eine Bewegungsform, die zugleich ein ruhendes Empfangen ist, hinaus aus der Verschlossenheit des Menschen in sich selbst – das ist eine andere Sprachform für die Wirklichkeit der Engel.“

     

    Einmal erlebte Lehnert im Katherinenkloster auf dem Sinai bei der Betrachtung der Ikone von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria ein Außer-sich-Sein, das ihn in seinem Innersten erschütterte: „Die Bilderwand wies hinüber; ihre Stofflichkeit, Holz und Wachs und Blattgold, war offen ins Unstoffliche, in den Lichtschein.“ Und so dachte er weiter. „Ikonisches Schreiben – das wäre ein Schreiben, das nicht hat, was es sagt, und danach sucht und dabei singt und atmet und sich ans Schweigen anlehnt, so dass die Worte heimkehren in Gestalten, die als Zeichen mehr sind als Zeichen, denn sie verwirklichten das Unsagbare ihres Wortsinns.“ Und das ist es, was Christian Lehnert in diesem Buch tut. Er lädt den Leser ein, ihm dabei zu folgen und dabei vielleicht ähnliche Erfahrungen zu machen, die auf und in eine ganz wesentliche zurückführen, in eine Doppelchörigkeit wie im Gesang von Engeln. Denn, so folgert Lehnert: „Doppelchörig ist unser Leben“. Und: „Niemand wird allein geboren... Was geboren wird, wird hineingeboren, und der Glaube sagt: in die Geborgenheit.“

    Wer mag sich von solchen Gedanken nicht mitnehmen lassen – ins Innere hin-aus? Man kann dann vielleicht auch erfahren: „Er ist die Fülle des Unaussprechlichen in einem Augenblick – tief im Keller der Seele, wo die Mauern das Erdreich berühren, und von dort durchströmt der Klang das ganze Haus.“


    Christian Lehnert: Ins Innere hinaus – Von Engeln und Mächten. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 234 Seiten, EUR 22,–

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