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    Würzburg

    Ideologische Ziele werden zur Prämisse historischer Forschung

    Der Marburger Geschichtsprofessor Eckard Conze sorgt mit seinem Buch über das Deutsche Kaiserreich für Verwirrung – bahnt sich ein neuer „Historikerstreit“ an?

    Ein Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm II. an der Hohenzollernbrücke wurde mit Farbe verunstaltet. Köln, 26.06.2020 ***
    Schwierige Zeiten für die Protagonisten des Deutschen Kaiserreiches: Das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm II. an der H... Foto: Imago Images

    Geschichtspolitik besitzt im Rahmen der politischen Bildung und der Identität durchaus eine Bedeutung, hilft bei der Beantwortung der Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, Größe und Schuld, Gelingen und Versagen zu begreifen. Doch Geschichtspolitik benötigt das Widerlager historischer Forschung. Werden aber, wie gegenwärtig zu beobachten ist, ideologische Ziel zur Prämisse der historischen Forschung, will Geschichtswissenschaft im Kampf für „das Gute“ mittun, will sie selbst Akteur und Aktivist sein, verabschiedet sie sich von ihrer Wissenschaftlichkeit. George Orwell beschrieb die Motivation aktivistischer Historiker in dem erfahrungsgesättigten Roman „1984“ so: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.“ Das Schlüsselwort lautet Herrschaft. Wer die Wirklichkeit verliert, muss ideologische Konstruktionen als Wirklichkeitssurrogate kanonisieren.

    Die Wiedervereinigung 1990 hat eine historische Anomalie beendet, deren Zustandekommen Deutschland zu verantworten hatte. Für das bundesdeutsche juste milieu, für die herrschenden linken und linksliberalen Kreise, stellte die Wiedervereinigung Deutschlands allerdings den Supergau dar.

    Für Trittin war die Mitte 1994 schon „rechts“

    Ulrich Schacht und Heimo Schwilk gaben 1994 den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ heraus, um eine Diskussion darüber anzuregen, wie und in welcher Weise sich Deutschland verstehen und politisch in Europa und in der Welt einbringen soll. Sie gingen von der richtigen Feststellung aus, dass das wiedervereinigte Deutschland nicht einfach die Fortsetzung der Bundesrepublik mit vergrößertem Haushalt sein könne. Jürgen Trittin, der die deutsche Wiedervereinigung als „Anschluss“ denunzierte, behauptete zur gleichen Zeit, dass die Republik nach rechts rutsche und die Gefahr aus dem Bürgertum, aus der Mitte käme. Für Trittin war die Mitte damals schon „rechts“. Je weiter aber die Achse der Republik nach links verschoben wird, umso gröber und umso lauter wird seitdem vor einem Rechtsruck gewarnt.

    Deutschland loswerden durch Auflösung in der EU

    Schwilks und SchachtsFrage stellte für das linksliberale und linke juste mileu der Bundesrepublik den Ernstfall dar. Mit ihrer gesamten medialen und kulturellen Macht ging dieses Milieu gegen jede Diskussion über die deutsche Nation vor. Die Schaffung eines europäischen Zentralstaates, euphemistisch Vertiefung der Vereinigung genannt, die von niemandem in Europa mit der Konsequenz und der Ungeduld vorangetrieben wird, wie von den deutschen Eliten, motiviert eigentlich in erster Linie nicht der Wunsch nach einer europäischen Einigung, sondern vielmehr das Verlangen, das wiedervereinigte Deutschland so schnell wie möglich loszuwerden, indem man es in die EU auflöst.

    „Zu diesem Zweck bleibt ihm nichts weiter übrig,
    als fest die Augen vor den zivilisatorischen Leistungen
    des Kaiserreichs zu verschließen“

    Daraus ergibt sich geschichtspolitisch die Notwendigkeit, die Frage der Nation ausschließlich unter dem Aspekt des Nationalsozialismus und wieder einmal die deutsche Geschichte als Vorläufer der Nazi-Diktatur darzustellen. Letztlich befindet man sich damit auf dem Boden von Georg Lukacs einflussreichem Buch: „Die Zerstörung der Vernunft“, in dem Lukacs die deutsche Geistesgeschichte als Wegbereiter des Nationalsozialismus begriff, wie es in dem Untertitel „Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler“ zum Ausdruck kam. Adorno bemerkte dazu, dass es sich hierbei um die Zerstörung von Lukács? eigener Vernunft handele.

    Im gewissen Sinn tritt der Marburger Geschichtsprofessor Eckard Conze mit seinem Buch über das Deutsche Kaiserreich in die Fußstapfen des ungarischen Philosophen. Den Schrecken der Wiedervereinigung im Nacken, die Abscheu davor, dass Deutschland eine normale Nation wird, unternimmt Conze den Versuch, das deutsche Kaiserreich aus der Tradition der Bundesrepublik auszuschließen. Zu diesem Zweck bleibt ihm nichts weiter übrig, als fest die Augen vor den zivilisatorischen Leistungen des Kaiserreichs zu verschließen, vor der Demokratisierung Deutschlands, der Liberalisierung, den Höchstleistungen in Wissenschaft, Technik, Kultur, Kunst, Dichtung und Literatur und Wirtschaft, der Sozialgesetzgebung.

    Conze fällt in der Forschung 40 Jahre zurück

    Der Versuch, die Errungenschaften des Kaiserreichs zu leugnen, führt zu semantischen Verrenkungen der allerartistischsten Art: „Das Wahlrecht war demokratisch, aber es beförderte die Parlamentarisierung nicht.“ Der durchaus ernst gemeinte Satz hat den geistigen Gehalt der Behauptung: Es regnet zwar in Strömen, aber die Erde wird nicht nass.

    Um die widerlegte These von der hauptsächlichen Kriegsschuld Deutschlands aus der Mottenkiste zu holen, stellt Conze die Historiker Gerhard Ritter und Fritz Fischer gegenüber. Symptomatisch für Conzes Methode ist, dass er Ritters Verstrickung im Dritten Reich benennt, aber die wesentlich stärkere Verbundenheit Fischers mit den Nazis verschweigt. Darin kann man einen Mangel an Seriosität oder ein Übermaß an argumentativer Not sehen. Mit der gleichen Intensität, mit der Fischer im Dritten Reich mit den Nazis zusammenarbeitete, verfocht er nach 1945, um sich zu exkulpieren, die These von Deutschlands Schuld am Kriegsausbruch 1914. So wird Conze auch die „Distanz zu Bismarck“ zum „Gradmesser für die Liberalität in Politik und Gesellschaft. Umso mehr müssen daher Bestrebungen von rechtspopulistischer und neonationalistischer Seite zu denken geben, Bismarck erneut als Referenzfigur zu etablieren und sich politisch auf ihn und seinen Nationalstaat zu beziehen.“ Damit fällt Conze hinter die Ergebnisse historischer Forschung von vor vierzig Jahren zurück. Selbst der marxistische Historiker Ernst Engelberg war damals weiter als Conze heute.

    "Geschichtpolitischer Konsens" soll zum Denkkorsett werden

    Der Marburger Professor blendet den Zusammenhang von Demokratie und nationaler Einheit einfach aus, der nach dem Befreiungskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft den Kampf der Bürger, der Studenten in den Burschenschaften, aber auch der Handwerker in ihren Bünden für Demokratie und ein einiges Deutschland als Nationalstaat, über die Revolution von 1848 und 1849, bis hin zum deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik gleichermaßen bestimmte.

    Wenn Conze die „Erosion eines geschichtspolitischen Konsenses“ befürchtet, spricht er all jenen aus dem Herzen, die sich vor der Geschichte fürchten und deshalb bemüht sind, die Geschichte umzuschreiben. Der „geschichtspolitische Konsens“ ist kein starres Formelwerk, sondern bestenfalls eine Momentaufnahme fachhistorischer Diskussion, die mit Argumenten und nicht Verdächtigungen geführt werden sollte. Conzes Bestrebungen scheinen von Teilen der Historikerzunft und der FAZ unterstützt zu werden. Wenn Geschichtswissenschaft so stark unter ideologischen Druck gerät, wird sich wohl ein neuer „Historikerstreit“ nicht verhindern lassen.

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