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    Genderpunkte

    Gender spaltet Frankreich

    Kann die neue Rechtschreibung für Schüler sinnvoll sein? Der Kampf um die Kultur tobt zwischen Ideologie und Bewahrung der Sprache.

    Sprachmanipulationen waren schon immer ein Einfallstor für gesellschaftliche Veränderungen. Letztendlich blieben sie meistens wirkungslos, denn die Sprache ist ein lebendiger Organismus, der sich entwickelt und nicht von oben oder seitens radikaler Minderheiten oktroyiert werden kann. Man denke an die sprachpolitischen Eingriffe während der Französischen Revolution. Der Revolutionskalender etwa – der die Tagesheiligen und die traditionellen Bezeichnungen der Wochentage und Monate abschaffte –, überdauerte nur 13 Jahre, dann hob man ihn wieder auf.

    Heutige Bestrebungen, die organisch gewachsene Sprache in eine für alle Sprecher verpflichtende Gendersprache – eine sogenannte geschlechtergerechte Sprache – umzuwandeln, bestehen nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich versuchen vor allem linke und feministische Gruppen, der Sprachgemeinschaft eine Diktion überzustülpen, die angeblich zur Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen soll. Die „écriture inclusive“ („inklusive Schrift“ oder „inklusives Schreiben“), die im Deutschen der „Gendersprache“ entspricht, wird bei unseren Nachbarn äußerst kontrovers diskutiert.

    Die Académie Française spricht von Behinderung

    Vom derzeitigen Innenminister Gérard Darmanin und seinen Kollegen in den Netzwerken verwendet, wird Gendersprache nicht nur von der Mehrheit der französischen Bevölkerung abgelehnt. Die Volksvertreter handeln mit ihrer absichtlichen Falschschreibung auch gegen eine 2017 vom damaligen Premierminister an den öffentlichen Dienst ergangene Anweisung, die Gendersprache nicht zu verwenden. Vorläufiger Höhepunkt des Kulturkampfes um die französische Sprache ist die Initiative eines Abgeordneten der Regierungspartei La République en Marche. François Jolivet hat ein Gesetz vorgeschlagen, mit dem die inklusive Schrift in allen Bereichen der Gesellschaft verboten werden soll.

    Worum geht es? Was im Deutschen die den Texten aufgezwungenen Sternchen oder Unterstriche sind, repräsentiert im Französischen der „point médian“, der „Zwischenpunkt“. Dieser steht zwischen männlicher und weiblicher Form eines Substantivs. Weiter erschwert wird das Lesen durch die Hinzufügung der Pluralendung „s“. In den Universitätseinladungen für Studenten mutiert beispielsweise die frühere Formel „liebe Studenten“ zu folgendem Text, mit dem die künftigen Akademiker eingeladen werden, sich mit ihrer Kontaktperson zu verbinden: „Cher.e.s étudiant.e.s, vous etes convoqué.e.s pour venir rencontrer vos interlocuteur.trice.s pour l?année“. Doch nicht nur Punkte werden innerhalb eines Wortes gesetzt – auch monströse Wortschöpfungen werden als neue Pronomen eingeführt: „iels“ als Verschmelzung von „ils“ und „elles“, „toustes“ für eine Kombination aus „tous“ und „toutes“.

    Inklusive Schrift

    Der Ursprung der inklusiven Schrift geht auf militante universitäre Kreise zurück. Die schweigende Mehrheit der Bevölkerung wollte – wie hierzulande – nicht glauben, dass sich die Gendersprache jemals ausbreiten könnte. Dennoch hat sie sich immer mehr durchgesetzt, vor allem in der Verwaltung und an den französischen Hochschulen, sodass sie heute in den amtlichen Mitteilungen das Französische ersetzt hat. Und das, obwohl ihre Verwendung durch ein offizielles Rundschreiben des damaligen Premierministers Édouard Philippe am 21. November 2017 in allen verordnungsrechtlichen Texten untersagt wurde. Die Académie Française, die über die französische Sprache wacht, hatte schon 2017 die Unlesbarkeit gegenderter Texte angeprangert und betont, dass sie für das Erlernen der französischen Sprache eine große Behinderung darstellten. Sie sprach sogar von einer „tödlichen Gefahr“ für die französische Sprache, „für die sich unsere Nation gegenüber den künftigen Generationen von nun an zu verantworten hat“. Doch die Abgeordneten der Linken ließen sich durch die Anordnung aus dem Jahr 2017 nicht bremsen. Linke und grüne Bürgermeister verwenden sie offiziell, Verbände und Schulen benutzen sie ebenfalls bevorzugt.

    Wer nicht lesen kann, kann Rechte nicht verteidigen

    Im letzten Februar haben nun 115 Abgeordnete der französischen Nationalversammlung (auch aus der kommunistischen Partei und dem Rassemblement National von Marine Le Pen) auf Initiative von François Jolivet einen Gesetzesvorschlag gemacht, der sich zum Ziel setzt, „in Verwaltungsdokumenten (Berichte, Studien, Sitzungsprotokolle, Statistiken, Dienstanweisungen, Rundschreiben, im E-Mail Verkehr an den Kunden, offizielle Publikationen im Internet …) den Gebrauch der sogenannten inklusiven Schreibung zu verbieten“. De facto handelt es sich darum, das ministerielle Rundschreiben von 2017 zu erweitern. In dem Vorschlag wird darüber hinaus der Militantismus der Anhänger der Inklusivschrift verurteilt, die „alle Mittel anwenden, um in der Gesellschaft ihre ganz persönliche Sicht durchzusetzen, die in keiner Weise eine Mehrheit hat“. Darüber hinaus erinnert man daran, dass die französische Sprache „ein Faktor der Integration, der Zugehörigkeit und der Ausstrahlung der französischen Kultur“ ist, die es den Menschen ermöglichen soll, miteinander mündlich und schriftlich zu kommunizieren.

    Im Figaro fasst Jolivet die Gründe für sein Engagement gegen die Gendersprache zusammen: Einige Eltern von Legasthenikern hätten ihm gesagt, dass ihre „Kinder Schwierigkeiten haben, infolge der sogenannten ,inklusiven‘ Schreibung bestimmte Dokumente zu lesen, insbesondere die Schreibung mit dem ,point méridian‘“. Dieser verhindere das Lesen. Dennoch veröffentlichten WHO, UN und Europäische Union ihre Dokumente in der inklusiven Schrift.

    Kontraintuitiv und unlesbar

    Doch „wenn man nicht imstande ist, ein Dokument zu lesen“, so Jolivet weiter, „kann man nicht seine Rechte geltend machen und auch nicht eine Verwaltungsmaßnahme infrage stellen“. Französisch-Lehrer aus anderen Ländern hätten ihm zudem ihre „Verwunderung“ mitgeteilt. Für Jolivet ist die inklusive Schrift „kontraintuitiv, unlesbar und ausschließend – daher spaltet sie“. Sein Ziel sei es, eine „verständliche Schreibung zu erhalten. In einer Zeit, in der die Menschen sich nicht mehr verstehen, geht es nicht darum, ihnen die Schrift wegzunehmen, sondern sie zu erhalten. Sie ist es, die die Menschen verbindet“.

    „Die inklusive Schrift bedroht die Schulbildung unserer Kinder, obwohl schon viele große Schwierigkeiten haben, die Grammatik und Rechtschreibung zu beherrschen.“

    Damit der Gesetzesvorschlag Erfolg haben kann, hat man sich als Zielmarke 200 Unterzeichner unter den Parlamentariern gesetzt. Ferner sollen mit einer Petition bis September 100 000 Unterschriften gesammelt werden, um sie Bildungsminister Blanquer zu überreichen. Bis jetzt sind bei der vom Bildungsverband „SOS Éducation“ initiierten Petition mehr als 26 000 Unterschriften zusammengekommen. In diesem Gesuch heißt es: „Die inklusive Schrift bedroht die Schulbildung unserer Kinder, obwohl schon viele große Schwierigkeiten haben, die Grammatik und Rechtschreibung zu beherrschen.“ Daher bitte man den Bildungsminister, „die Praktiken der Lehrer scharf zu verurteilen, die sie verwenden, fördern oder sie in den Arbeiten ihrer Schüler mit Zusatzpunkten belohnen“.

    Die Generaldelegierte von SOS Éducation, Sophie Audugé, resümiert: „Die inklusive Schrift ist diskriminierend für die Kinder, die unter einer kognitiven, auditiven oder visuellen Behinderung leiden. Tatsächlich schließt sie eher aus, als dass sie einbezieht.“

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