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    Berlin

    Futur 2: Die Zukunft ist schon vorbei

    Das Gespenst der Volksfrömmigkeit geht um. Die Corona-Krise deckt die Schwäche eines dienstleistungsorientierten Kirchenbildes auf. Eine Rückbesinnung auf die Tradition könnte Alternativen aufzeigen.

    Ellis County, KS USA
    A Lone Wooden Christian Church at Dusk Sunset Skies in the Western Kansas Prairie Foto: Max Maximov (360904281)

     

    Ein Gespenst geht um in der katholischen Kirche Deutschlands: das Gespenst des "Retrokatholizismus". Seit einigen Jahren ist in den Kreisen der akademischen Theologie, der kirchlichen Gremien und Verbände eine wachsende Irritation über das zunehmende Interesse gerade jüngerer Katholiken an Frömmigkeitsformen zu beobachten, die die sogenannte "Konzilsgeneration" vermeintlich "überwunden" hatte   wie etwa Beichte, Mundkommunion oder eucharistische Anbetung. In der Corona-Krise scheint sich dieser Trend verstärkt zu haben   zumindest in der Wahrnehmung seiner Kritiker. So äußerte etwa die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop ihr Unbehagen gegenüber "Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe", "Sakramentsprozessionen durch leere Straßen", der "Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter" sowie "Generalabsolutionen und Ablässe[n] im Jahr 2020".

    Angst vor Volksfrömmigkeit

    Unter (ihrem Selbstverständnis nach) "progressiven" Kräften innerhalb der Kirche grassiert, wie es scheint, die Angst vor der Wiederkehr einer totgeglaubten Volksfrömmigkeit, die wie Nicole Kidman in Alejandro Aman bars Horrorfilm "The Others" durch die Gänge eines alten Hauses schleicht, das längst von Anderen bewohnt wird. Allerdings besteht die Pointe dieses Films gerade darin, dass aus der Sicht der Hauptfigur   die wohl nicht zufällig eine strenggläubige, traditionelle Katholikin ist   die neuen Bewohner des Hauses die Gespenster sind; und sie zeigt sich entschlossen, mit ihren Kindern in dem Haus auszuharren, von dem sie überzeugt ist, dass es nach wie vor ihr gehört.  

    Etabliertes Narrativ

    Dass ein Aufschwung traditioneller Frömmigkeitspraktiken derartige Abwehrreaktionen auslöst, lässt erkennen, dass dadurch ein scheinbar fest etabliertes Narrativ über Fortschritt und Zukunftsfähigkeit in der Kirche infrage gestellt zu werden droht. Dass das Modell "Volkskirche"   das in seiner Blütezeit wesentlich davon lebte, dass die Kirchenmitgliedschaft und auch ein gewisses Mindestmaß an aktiver Teilnahme am kirchlichen Leben zur gesellschaftlichen Normalität gehörten und Gesellschaft und Kultur in einem solchen Maße christlich grundiert waren, dass auch persönlich eher wenig religiöse Individuen davon in gewissem Sinne mitgetragen wurden   im Zeichen galoppierender Mitgliederverluste nicht länger tragfähig ist, wird quer durch die innerkirchlichen Lager und Fraktionen kaum mehr bestritten. Umso verbissener tobt der Kampf darum, was zukünftig an die Stelle dieses Kirchenmodells treten soll und welche Art von Reformen dieser Transformationsprozess erfordert.  

    Religiöser Markt

    Etwa seit der Jahrtausendwende herrscht in dieser Debatte   zunächst vor allem in der EKD, zunehmend aber auch in der katholischen Kirche  das Paradigma eines religiös-weltanschaulichen "Marktes" vor, auf dem die Kirche mit anderen Anbietern konkurrieren und sich darum marktkonform und kundenorientiert verhalten müsse. Eine solche Ökonomisierung des eigenen Selbstverständnisses bedingt, wie der Religionssoziologe Jens Schlamelcher festgestellt hat, eine schleichende "Zweck-Mittel-Umkehrung": Die Überzeugung, man habe den Menschen etwas Einzigartiges   die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament   zu bieten, tritt zurück hinter das Bestreben, die eigene Marktposition zu halten oder möglichst zu verbessern, und zu diesem Zweck sucht man das eigene Angebot den Wünschen und Vorstellungen der Adressaten anzupassen.

     

     

    Soja-Latte-Bourgeoisie

    Der konsequent zu Ende gedachte, wenn auch dank der schieren Massenträgheit etablierter volkskirchlicher Strukturen wohl nicht so leicht zu verwirklichende Zielpunkt solcher Überlegungen wäre ein Selbstverständnis der Kirche als Anbieterin individuell bedarfsgerechter spiritueller Dienstleistungen   und als solche bräuchte sie gar keine Mitglieder mehr, sondern nur noch Kunden. Einen Eindruck davon, wie so etwas aussehen könnte, bietet beispielsweise eine bereits im Frühjahr 2015 im Magazin "Futur 2   Zeitschrift für Strategie & Entwicklung in Gesellschaft und Kirche" erschienene "Zukunftsvision für die Kirche", verfasst vom Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer. Was dort als eine erstrebenswerte Zukunft für die Kirche entworfen wird, dürfte so manchem Leser eher als eine Horrorvision erscheinen: eine moralistisch-therapeutische Wellness-Spiritualität für Besserverdienende, eine Kirche für die Soja-Latte-Bourgeoisie.  

    Falsche Zielgruppe

    Ein grundlegender Webfehler dieses Konzepts besteht allerdings darin, dass die angepeilte zahlungskräftige Kundschaft  die häufig mit den Sinus-Milieus der "Performer", "Expeditiven" und "Hedonisten" identifiziert wird  für ihre spirituellen Bedürfnisse, sofern sie überhaupt welche hat, schlichtweg keine institutionelle Kirche braucht. Gerade die Corona-Krise hat das deutlich gezeigt: In der Phase der ersten Lockerungen der Pandemie-Bekämpfungsmaßnahmen sah man die werberelevanten Zielgruppen beim Friseur Schlange stehen, aber nicht bei irgendwelchen kirchlichen Angeboten. Man hätte dies freilich schon vorher wissen können. So sah etwa der unlängst verstorbene Theologe Johann Baptist Metz, der bereits vor 40 Jahren eine sich abzeichnende Umwandlung der alten Volkskirche in eine "Angebots- beziehungsweise Servicekirche" diagnostizierte, in diesem Modell keineswegs die Zukunft, sondern war im Gegenteil der Überzeugung, diese Vision einer vermeintlichen Modernisierung der Kirche habe "ihren historischen Zenit und in diesem Sinn ihre gesellschaftliche Zukunft" im Großen und Ganzen bereits hinter sich. Insofern erscheint der Name des Magazins, in dem der erwähnte Essay des Essener Generalvikars erschien, unfreiwillig bezeichnend: Schließlich ist das Futur 2 eine Zeitform, die etwas ausdrückt, was in der Zukunft schon wieder Vergangenheit sein wird.  

     Wiederentdeckung der Tradition

    Ein Trend zur Wiederentdeckung von Traditionen der Kirche, die jahrzehntelang eher zurückgedrängt worden und in Vergessenheit geraten waren, kann daher als durchaus natürliche Reaktion auf die Wahrnehmung verstanden werden, die institutionelle Kirche in Deutschland laufe einem fehlerhaften Verständnis von Fortschritt nach und die aktuell mit großem Aufwand betriebenen "Reform"-Prozesse zielten in eine grundsätzlich falsche Richtung. Ebenso wie man, wenn man sich im Wald verlaufen hat, gut daran tut, zunächst an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren, anstatt aufs Geratewohl einen Weg "nach vorn" zu suchen, wenden sich verunsicherte Gläubige der Tradition zu, um wieder Orientierung zu finden.

    Wenn Kritiker dieses "Retrokatholizismus" darin eine rein nostalgische und ästhetizistische Regression sehen, dann ist zu empfehlen, dies als Warnung vor einer durchaus realen Gefahr ernst zu nehmen   und gleichzeitig zu betonen, dass die Rückbesinnung auf die Tradition durchaus nicht bedeuten muss (und auch nicht bedeuten sollte), sich in eine idealisierte Vergangenheit zurückzuträumen, die so ideal schließlich gar nicht gewesen ist. Vielmehr sollte es darum gehen, im reichen Fundus der Tradition nach vergessenen oder in der jüngeren Vergangenheit voreilig verworfenen Schätzen zu suchen und diese für die Gegenwart und Zukunft nutzbar zu machen. In einem Beitrag für das "Crisis Magazine" vergleicht der Literaturwissenschaftler Anthony Esolen diese Vorgehensweise mit der Instandsetzung eines alten Hauses, bei der unter einem hässlichen Linoleum-Bodenbelag ein wertvoller alter Holzfußboden zum Vorschein kommt. Eine Bewegung, die Tradition in diesem Sinne nicht als etwas Abgeschlossenes und Museales betrachtet, sondern als einen lebendigen und in die Zukunft weisenden Prozess, kann in der Kirche derzeit wohl fast nur von der Basis ausgehen, da die höheren Ebenen des institutionellen Apparates überwiegend in eine gänzlich andere Richtung unterwegs sind. Aber gerade dieser Umstand eröffnet auch Freiräume für neue innerkirchliche Basisbewegungen, sofern sie dazu bereit sind, diese Räume zu besetzen.   


    tl;dr

    Die Corona-Krise hat viele vermeintliche Gewissheiten erschüttert 
    auch auf dem Gebiet innerkirchlicher Richtungskämpfe.
    Verfechter der Idee einer modernen, kundenorientierten
    Dienstleistungskirche sehen sich mit der Frage konfrontiert,
    ob es für ihre Vision überhaupt eine Nachfrage gibt; gleichzeitig
    ist eine Renaissance traditioneller, lange als veraltet angesehener
    religiöser Praktiken zu beobachten.
    Eröffnet sich hier ein Weg in eine unerwartete Zukunft? 

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