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    Warschau / Washington / Brüssel

    Europa kann nicht auf seinen transzendenten Mythos verzichten

    Europa hat im Jahr 2020 gleich mehrere Nagelproben nicht bestanden. Grund dafür ist auch ein mangelndes Bewusstsein für die eigene Identität und ein eigenes Narrativ.

    Karl der Große mit Europa-Fahne
    An die Stelle der alten res publica christiana ist ein säkularer Ersatz getreten, der sich allein aus aufgeklärt-revolut... Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

    In Polen droht der linksliberale Umschwung, in den USA führt ein katholisch getaufter Präsidentenkandidat radikale Puritaner ins Weiße Haus, die im Sommer Straßenschlachten und Bilderstürme begrüßten. Zeitgleich meldet sich mit Nizza der Islamismus als europäische Drohung zurück. Das eigentliche Leitthema des 21. Jahrhunderts, der Wiederaufstieg Chinas, gerät dabei fast aus dem Blickfeld. 

    Vordringlichstes Ziel: Bekämfung des Klimawandels

    Das Reich der Mitte wird höchstens als wirtschaftliche Option, aber nicht als zivilisatorische Herausforderung verstanden. Während die neuen Mandarine ein Kolonialreich in Afrika und Südamerika aufbauen, die größte Freihandelszone der Welt anführen und zugleich immer deutlicheren Druck auf demokratische Regierungen ausüben – so jüngst auf Australien – liegt das vordringlichste Ziel der Europäischen Kommission in der Bekämpfung des Klimawandels. 

    Europa hat im Jahr 2020 gleich mehrere Nagelproben nicht bestanden. Besonders deutlich wird dies in der Auseinandersetzung mit der Türkei, die in der Ägäis, in Libyen, Syrien und Armenien eine destabilisierende Politik betreibt. Der Gedanke zivilisatorischer – und das heißt auch: christlicher Verbundenheit – tritt hinter wirtschaftliche Interessen zurück. Das betrifft insbesondere Deutschland, das seinen Chinahandel und seine Türkeigeschäfte höher ansetzt als abendländische Strategien.

    Säkularer Ersatz der res publica christiana

    Grund dafür ist auch ein mangelndes Bewusstsein für die eigene Identität und ein eigenes Narrativ. An die Stelle der alten res publica christiana ist ein säkularer Ersatz getreten, der sich allein aus aufgeklärt-revolutionärem Erbe speist, aber keine transzendente Basis besitzt. Wo alles Menschen, Länder und Kulturen gleich sind, gibt es kein Bewusstsein für das Einzigartige und das Eigene. Das macht den Graben zwischen Linksliberalen und Konservativen ebenso unüberbrückbar wie die Spaltung zwischen Westen und Osten. 

    Es regiert ein destruktiver Jakobinismus, der Identität, Leben und Wahrheit leugnet. Christen können in dieser Phase der Spaltung keine Kompromisse eingehen und auch keine Vermittler sein, wenn grundlegende Dogmen infrage gestellt werden. Stattdessen müssen sie den Boden für ein abendländisches Bewusstsein bereiten, das Europa seinen transzendenten Mythos zurückgibt.  DT

    Um auf der Weltbühne bestehen zu können, muss Europa seine christlichen Wurzeln neu anzapfen. Lesen Sie den ganzen Essay in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier.

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