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    Ungeschminkt

    Es punktet nur noch die Lebensgeschichte

    Es ist ein Schaulaufen gut meinender Menschen geworden: Miss Germany. Der eigentliche Sinn der Veranstaltung - den Apfel des Paris zu erlangen - wird auf dem Altar der politischen Korrektheit einer monströsen Gemengelage aus Antidiskriminierungsphantasie, Gleichmacherei und Realitätsverweigerung geopfert.

    Politisch korrekt musste es schon sein: Der Wettbewerb zur Miss Germany 2021 führt den Grundgedanken ad absurdum. Es wir... Foto: BW-Foto /Eibner-Pressefoto, imago-image

    Die Zeiten, da es bei Schönheitswettbewerben allein um Schönheit ging oder man sich bei Film-Castings an historischer Authentizität orientierte, scheinen vorbei zu sein. Die richtigen Werte zählen.

    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Es ist das Sprichwort, das uns milde über unsere persönlichen, tatsächlichen und eingebildeten Unzulänglichkeiten hinwegtrösten soll. Ich war schon mit 14 Jahren nicht überzeugt von dieser These, verlangt sie ja nicht bloß den Selbstbetrug im Angesicht des eigenen Spiegelbildes, sondern dass man dieselbe Realitätsverweigerung auch anderen nicht nur unterstellt, sondern sie gar von ihnen einfordert. Innere Werte sind eine wunderbare Sache, außer eben, es kommt explizit auf Äußerlichkeiten an.

    Charakterfrage „künstlicher Darmausgang“?

    Als vor Jahren eine grüne Abgeordnete in Berlin aus feministischen Gründen eine „Pummelchenquote“ für Miss-Wahlen proklamierte, um die hässlichen Entlein des weiblichen Geschlechtes nicht weiter zu diskriminieren, konnte man nicht ahnen, dass es beim Miss Germany 2021-Wettbewerb tatsächlich so weit sein würde. Dort zählte nun erstmalig nach neuem Konzept nicht mehr schnödes Aussehen, sondern „Personality“, „Diversity“ und natürlich die „Authentizität“ der Bewerberinnen. Gewonnen hat die 35-jährige singende Alleinerziehende, damit hat sie die lesbische Traumaspezialistin, die Zeugen-Jehovas-Aussteigerin, die übergewichtige Bloggerin, das Opfer sexueller Gewalt und auch die Konkurrentin mit künstlichem Darmausgang an Charakter überholt. Bravo! Statt Bikini-Figur punktet jetzt rührende Lebensgeschichte.

    Wettbewerb ist Diskriminierung?

    Schönheitswettbewerbe, bei denen alles außer Schönheit zählen soll. Das Denkkonzept ist das Ende jeden Wettbewerbs, die letzte Erfüllungsstufe in einer Welt, die von Gleichberechtigung über Gleichmacherei jetzt den Olymp der Antidiskriminierung erobern will.

    Es ergeben sich Komplikationen in allen Lebensbereichen, die in irgendeiner Form eine Konkurrenz oder auch nur eine Bewertung durch Dritte erfordern, wenn das Ergebnis einer Selektion vor allem feministischen, antirassistischen und antidiskriminierenden Kriterien aller erdenklichen Opfergruppen entsprechen muss und nicht sinnvollen Maßeinheiten wie Leistungsniveau, Gewinn oder gar Profit. Hauptsache keiner fühlt sich ausgeschlossen. Wir kennen die Diskussionen zu genüge, um nicht zu sagen bis zum Erbrechen, schon bei der Frauenquote, wo der Besitz eines weiblichen Geschlechtsorgans gerade zur neuen Kernkompetenz für Vorstandsposten erkoren wurde.

     

    Denken wir weiter: Warum sollten bei Gesangswettbewerben nur gute Sänger gewinnen, statt jene, die zwar nicht singen, aber dafür sehr gut häkeln können? Wieso werden Rollstuhlfahrende aus den Spitzenkadern der Fußball-Bundesliga ausgeschlossen, obwohl sie tolle innere Werte vorweisen können? Die feministischen Pornos haben da schon mal vorbildlich vorgelegt, es kommen dort jetzt Menschen aller Alters- und Gewichtsklassen zum Zug und nicht nur jene mit überdimensionalen Geschlechtsteilen.

    Innere Werte statt Modelmaße ist nur der Anfang. Gerade beginnt die Filmbranche mit politisch korrektem Casting von Schauspielern. In der neuen opulenten Netflix-Erfolgsserie „Bridgerton“, eine Kostümball-Schmonzette aus dem London um 1820, wird die Farbenblindheit des Zuschauers vorausgesetzt, denn die britische Königin Charlotte, als auch der zu heiratende Duke-Schönling sind auf der Leinwand waschechte Schwarze. Dass Teile des britischen Hofstaates mit „People of Color“, also mit nicht weißen Schauspielern, besetzt wurden, sei ein bewusstes Statement, lassen die Produzenten wissen. In den USA ist man derweil in eine empörte Debatte verstrickt, warum die Synchronsprecher mancher nicht-weißer Figuren aus der Comic-Serie „Die Simpsons“ von einem weißen Sprecher eingesprochen werden, was als absolut rassistisch eingestuft wird, obwohl die Simpsons bekanntlich gelb sind.

    Verquere Logik, diese Gleichmacherei

    Nach dieser Logik müsste aber auch ein Mann eine Frau spielen können und ein Weißer die Hauptrolle in einer Verfilmung von „Martin Luther King“. Aber Halt, das geht natürlich nicht, denn da zählt wie immer das Opferparadoxon empfindsamer Minderheiten: Nur Frauen können sich in eine weibliche, nur Schwarze in eine schwarze und nur Schwule in eine schwule Rolle einfühlen. Jeder Einspruch abgelehnt.

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