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    Landau

    "Es herrscht eine verflixte Ambivalenz in mir"

    Zwischen neuer Aufklärung und launiger Skepsis – warum die deutsche Corona-Politik nicht alternativlos sein darf und ins Parlament gehört.

    Protestkundgebung gegen Corona-Maßnahmen der Regierung
    Die Menschen vertrauen der Politik nicht mehr. Sie stellen selbst bei einer Pandemie die angeordneten Maßnahmen in Frage... Foto: Stefan Zeitz via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    Ist das nicht übertrieben“, höre ich die Tage oft meine innere Stimme fragen: zuletzt Maskengebot im Schulzimmer, jeden Tag neue Risikogebiete, Mundschutz im Freibad. Mein Gefühl sagt mir, dass wir inzwischen nicht nur eine Vielzahl sinnvoller oder nicht so sinnvoller Regeln beachten, sondern überdies einen Hyperrigorismus beobachten können, der Missachtung und Leichtfertigkeit im Umgang mit gegenwärtigen Maßnahmen gleichermaßen bestraft. Genährt wird mein Unbehagen zudem noch durch ein gerade gelesenes Buch, nämlich Byung-Chul Hans neue, natürlich gewohnt kulturpessimistische, aber durchweg anregende Gesellschaftsanalyse „Die Palliativgesellschaft. Schmerz heute“. Darin konstatiert der Philosoph, dass wir in unseren Mitmenschen zunehmend potenzielle Gefahrenträger sähen. Das kann ich bestätigen. Unausgesprochen gilt überall das Gebot: nur nicht husten! Und wer es doch tut, befindet sich schnell im Fokus der Aufmerksamkeit.

    „Zudem leidet die eine oder der andere
    in meinem Umfeld an Depressionen.“

    Aus Sicht von Han steuern wir daher auf ein „biopolitisches Überwachungsregime“ zu. Sehr zugespitzt, aber nicht ohne ein Quantum Wahrheit, denke ich. Zugleich ist mir bewusst, dass meine Zustimmung zu dieser einseitigen Betrachtung der Dinge vor allem einer emotionalen Befindlichkeit entspringt, weil Corona meine Existenzweise integral verändert hat. Seit März befinde ich mich im Homeoffice, spreche – aus meiner eremitischen Klause heraus – mit mehr Menschen über Zoom als im direkten Kontakt, habe erfahren müssen, wie jahrelange Auftraggeber sich aufgrund finanzieller Engpässe zurückgezogen haben. Zudem leidet die eine oder der andere in meinem Umfeld an Depressionen, kämpfen mit einer nun noch verstärkten Einsamkeit und der generellen Reduzierung des sozialen Lebens. 

    Nun könnte ich auf die Straße gehen und protestieren, tue es aber nicht. Es herrscht eine verflixte Ambivalenz in mir. Denn die andere Seite in mir, nicht jene schwankende, emotionale, kennt die wissenschaftlichen Fakten. Ich weiß zweifelsfrei, dass Corona töten kann. Dass Coronas gesamte Perfidität gerade in der Unberechenbarkeit der Wirkung besteht. Nachdem ich nunmehr monatelang in jeder Talkshow abwechselnd Hendrick Streeck, Melanie Brinkmann, Alexander Kekulé und Jonas Schmid-Chanasit zuhöre und mir deren Bewertungen zu Zahlen und dem Flug von Aerosolen anhöre, komme ich mir schon selbst wie ein halber Virologen vor. Wir alle wurden zu Experten in Sachen Epidemiologie.

    Etwas pathetisch: Wir nehmen an einer „Aufklärung“ teil

    Was damit zunehmend einhergeht, ist die Verwissenschaftlichung des öffentlichen Diskurses.  Etwas pathetisch auf den Punkt gebracht, nehmen wir teil an einer neuen Aufklärung, die ganze Breiten der Gesellschaft durchdringt. Der Arbeiter wie Hochschullehrer haben ein Grundverständnis für den Virus erlangt. Selbst viele Fake News-Prediger sind angesichts vieler Gewissheiten verstummt. Denn Tote, wie wir sie zuhauf in Bildern aus Norditalien sehen mussten, lügen nicht. Sie sind die letzte und unwiderrufliche Wahrheit. Oder um es frei nach Jean Baudrillard zu sagen: Der Tod ist nicht tauschbar. Seine Relativierung oder Leugnung ist ausgeschlossen. 

    Und doch gibt es eine Minderheit von Bestreitern jedweder Corona-Folge auf die Gesundheit, eine kleine Gruppe, die nicht zuletzt durch die Demonstration in Berlin eine Menge Aufmerksamkeit generieren konnte. Vergessen werden bei der medialen Fokussierung der geradezu volksaufstandsartigen Ereignisse, insbesondere im Rahmen der versuchten und mehr als beklemmenden Erstürmung des Reichstags, die Stimmen der gemäßigten KritikerInnen. Auch sie gab es in Berlin: die Lehrerin, die eine verlorene Generation von SchülerInnen beklagt, Künstler und Selbstständige, die um ihre Existenz bangen. Viele von ihnen folgen weder einer Verschwörungstheorie, noch den plumpen Sprüchen von Nazis und Reichsbürgern. 

    Wenn Politiker dieser Tage die Skeptiker dazu aufrufen, sich genau zu überlegen, wer sich noch auf den Demonstrationen tummelt, machen sie es sich zu einfach. Denn man ist sich – mit Ausnahme nuancierter Abweichung in Berlin und den Ländern – seit Monaten in den großen Linien einig. Woran es mangelt, ist eine vernehmbare, die Beschränkungen und Erlasse hinterfragende Opposition unter den demokratischen Kräften. Zu diskutieren gäbe es nämlich vieles, was mithin als inzwischen völlig normal gilt. Zum Beispiel, ob die Zahl von 51 Infizierten pro 100 000 Einwohner tatsächlich der richtige Maßstab für die Ausrufung sogenannter Risikogebiete sein kann und warum nicht eine Ampel für die Belegung von Intensivbetten eine bessere Option wäre. Zum Beispiel, warum in der Bahn selbst am Platz ein Mundschutz zur Pflicht gehört, im Büro aber nicht. Und und und... 

    Warum Mundschutz in der Bahn, im Büro aber nicht?

    Selbst wenn die meisten von uns solcherlei Geschichten von Widersprüchen und kleineren Unsinnigkeiten kennen, tragen wir den Kurs der politischen Führung mit, oft zähneknirschend, aber immer aus rationalen Erwägungen heraus. Doch die Demokratie muss andere Stimmen nicht nur zulassen, sondern auch wahrnehmen und berücksichtigen. Sollte man also Bürger, die allein ihrer individuellen Freiheiten und nicht unbotmäßiger Ideologien wegen auf die Straße gehen, ernster nehmen? Es geht nicht um Verharmlosung, sondern um den demokratischen Austausch. Gerade er würde verhindern, dass ein Virus zunehmend zu einem Politikum avanciert, das rechten Flügeln zur Mobilisierung dient. Erst das Kleinreden macht die Polemiker und Populisten groß. Mithin könnte die Ignoranz gegenüber Kritikern zu einer neuen Stärkung der AfD beitragen, die dann wieder für sich reklamieren könnte, die tatsächlich reine und wahre Alternative darzustellen. Lassen wir dieses Szenario zu, das momentan nur noch eine Frage der Zeit ist, dürften sich so einige gezwungen fühlen, sich ethisch und politisch mehr als problematischen Straßenkundgebungen anzuschließen. Wir sollten diese, deren Meinungen wir nicht teilen müssen, nicht den Hetzern und Propagandisten überlassen. 

    Folgenschwere Infektion der demokratischen Kultur

    Corona darf nicht das neue Basta, die neue Alternativlosigkeit werden, sondern muss Einzug in die Streitkultur des Parlaments halten. Wo bleibt also die Profilierung der FDP als liberale Grundrechtspartei? Wo vernimmt man das Petitum der Linkspartei gegen drohende Verarmung infolge bestimmter Einschränkungen im Bereich der Wirtschaft? Momentan lässt man die Exekutive als Krisenbewältigungsgewalt in geradezu sorgloser Manier operieren.Die Befürchtung, dass Corona dabei auch eine folgenschwere Infektion in der demokratischen Kultur verursachen könnte, darf nicht unterschätzt werden. 

    Nur wer auch die Debatte über richtige und falsche, ergiebige und weniger ergiebige Maßnahmen zulässt, ja, sogar befördert und begrüßt, verhindert, dass Esoteriker, Verschwörungsgurus und Rechtsnationale die Diskurshoheit gewinnen. Dann würde Corona auch den kollektiven Organismus unseres Zusammenlebens massiv bedrohen. 

     

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