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    London

    Er lehnte Jammern und Selbstmitleid ab

    Ein Mann, der von Kindesbeinen an gelernt hatte, sich durchzubeißen, der militärische Disziplin kannte und Führungsqualitäten gezeigt hatte, tritt mit der Eheschließung in die zweite Reihe zurück um pflichtbewusst zu dienen: Prinz Philip, Marineoffizier und Ehemann von Queen Elisabeth, ist mit 99 Jahren nach beinahe 74 Jahren Ehe gestorben.

    Ein Mann mit Disziplin: Prinz Philip (1921–2021). Foto: dpa

    Solche Kirchen-Experten, die ganz sicher wissen, dass die jüngst verstorbenen Theologen Uta Ranke-Heinemann und Hans Küng nun in der Hölle weilen, werden vermutlich auch bei dem am vergangenen Freitag verstorbenen Duke of Edingburgh, Prinz Philip, die Nase rümpfen, wenn es – über die am Samstag stattfindende Beerdigungsfeier hinaus – um seine Zukunft geht. Überschäumende religiöse Bekenntnisse waren nicht sein Ding; seine jahrzehntelange Mitgliedschaft in der Freimaurer-Loge ist legendär – und dass er mit der Top-Anglikanerin des Landes verheiratet war und von diversen liberalen anglikanischen Bischöfen posthum gelobt wurde, dürfte in gewissen Kreisen auch nicht gerade als Freifahrtschein für den Himmel eingestuft werden.

    Was katholische Hardliner jedoch milde stimmen könnte, war Prinz Philips Humor, sein „politisch unkorrekter“ Geist, um ein etwas abgestandenes Attribut zu gebrauchen. Denn der am 10. Juni 1921 in Griechenland als Spross einer ebenso weitverzweigten wie extravaganten Familie geborene Adelige – Vater Playboy, zwei Schwestern im Nazi-Dunstkreis – beherrschte die Kunst der Distanz zu seltsamen Moden und Entwicklungen aus dem Eff-Eff. Seine berühmten Sottisen bei verschiedenen Gelegenheiten belegen das.

    Prinz Philip ließ sich nicht den Mund verbieten, nahm sich selbst und seinem jeweiligen Gegenüber damit aber auch die Last künstlicher Bedeutungsschwere. Wer, wie er, bei der aristokratischen Pflichterfüllung Tag für Tag Tausende von Händen schütteln muss und permanent in glitzernde Augen schaut, gewinnt – in Ergänzung zu den frühen traumatischen Familienerfahrungen – wohl automatisch eine profunde Menschenkenntnis, wie sie sonst nur im Seelennahkampf erprobten Beichtvätern und Therapeuten geschenkt wird. Ein solcher Mensch nimmt vieles lockerer, ohne dabei den Respekt vor dem Humanum und wahren Mysterium zu verlieren.

    „Das Programm ‚Seifenoper‘ überließ er anderen“

    Womit ein weiterer Plus-Punkt für Prinz Philip angerissen ist: Er war, wie es in den Medien hervorgehoben wird, ein Mann der Pflichterfüllung, des Dienens. Ein hl. Josef der Paläste sozusagen. Während andere Männer in vergleichbarer exponierter Rolle in Depressionen stürzten (Prinz Claus der Niederlande) oder zumindest zeitweise die Kontrolle über sich selbst und ihr Amt verloren (em. König Juan Carlos von Spanien, König Carl Gustav von Schweden, Ernst August Prinz von Hannover) praktizierte Philip – stets zwei Schritte hinter der Königin wandelnd – das Pflichtprogramm, das die Institution Englisches Königshaus nun einmal verlangt. Das Programm „Seifenoper“ überließ er anderen. Frauen und Männern einer Generation, für die subjektives Erleben und Fühlen die oberste Priorität besaß und besitzt. Bis hin zu narzisstischem Selbstmitleid, öffentlichem Gejammere, ritualisiertem Empörungsgehabe.

    Der Familien- und Weltkriegs-erprobte Prinz Philip konnte damit bei aller freimaurerischen Toleranz und Mitmenschlichkeit, die ihm nicht nur im engsten Familienkreis, sondern auch bei seinen Wohltätigkeitsaktivitäten gut zu Gesicht stand, nichts anfangen. So zitiert der Bestseller-Autor und Adels-Experte, Alexander von Schönburg, den disziplinierten Prinzen mit den Worten: „Selbstmitleid ist die hässlichste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann. Keiner mag dich, wenn du Mitleid mit dir selbst hast.“ Goldene Worte. Übrigens auch für das Leben und Wirken in anderen Institutionen.

     

     

    Doch: Hart sein gegen sich selbst, sich selbst zurücknehmen können – war das nur dem Anspruch der Loge geschuldet, die möchte, dass jedes Mitglied den rauen Stein in sich schleift? Jede Persönlichkeit von Grad zu Grad an Tugend wächst? Oder gab es dafür auch eine christliche Motivation? Ausgeschlossen ist dies nicht. Besaß Prinz Philip doch auch eine große Verbundenheit mit der Orthodoxen Kirche. Von daher kann man den Stolz und das Selbstbewusstsein verstehen, mit dem in den orthodoxen Weiten auf den Tod des Prinzen reagiert wurde.

    In der „Greek City Times“ etwa wird daran erinnert, dass der auf Korfu geborene Prinz, der als Kind in der orthodoxen Kirche das Sakrament der Taufe empfing, auch nach seiner protokollarisch verlangten Konversion zu den Anglikanern „nie aufhörte, in der Öffentlichkeit das orthodoxe Kreuzzeichen zu machen“. Weiters zitiert die russische Nachrichtenagentur TASS den Patriarchen Kirill von Moskau mit den Worten: „Im Schicksal des Prinzen spiegelt sich eine ganze Epoche wider. Als Mitglied der griechischen Linie der Oldenburger Dynastie hatte Seine Königliche Hoheit warme Gefühle gegenüber der Kultur und den Traditionen des orthodoxen Christentums und war ein ehrenamtlicher Treuhänder der öffentlichen Organisation ,Freunde des Berges Athos‘.“

    Ein hoher Blutzoll der Familie

    Ferner wird das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche mit den Worten zitiert: „Prinz Philip interessierte sich sehr für die Geschichte und Kultur Russlands, das er immer wieder besuchte.“

    Verwunderlich ist das nicht. Denn Prinz Philips Ahninnen heirateten gleich über mehrere Generationen in die königliche Dynastie der Romanows ein. Eine Tante seiner Mutter, Elisabeth von Hessen-Darmstadt, wurde nach ihrer Konversion und Heirat mit Sergei Romanow als Großfürstin Jelisaweta zur heiligen Neumärtyrerin. Deren Schwester Alix, wiederum eine Tante von Philips Mutter, teilte das Schicksal ihres Mannes Nikolaus II. Sie wurde mit dem letzten Zaren und ihren fünf Kindern von den Bolschewisten erschossen – auch sie gelten allesamt als Heilige der russisch-orthodoxen Kirche.

    Die Konversion spielt für viele Orthodoxe keine Rolle

    Auch Prinz Philips Mutter, Prinzessin Alice von Battenberg, wird von dem griechischen Medium deutlich positiver bewertet als in deutschsprachigen Presseorganen, in denen man sie nicht als religiös, sondern als schizophren einstuft. „Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg in Griechenland einmarschierte, riskierte Prinzessin Alice, die immer tief religiös war, ihr Leben, um griechischen Juden zu helfen. (…) Sie wurde orthodoxe Nonne, und als die griechische Königsfamilie beim Militärputsch 1967 aus Athen vertrieben wurde, holte Prinz Philip sie nach London, wo sie in den Buckingham Palace einzog und sich eine Privatkapelle einrichtete, die nach ihrem Tod 1969 eilig abgebaut wurde. Auf Fotografien ist sie in den 1950er Jahren bei verschiedenen öffentlichen Anlässen als orthodoxe Nonne gekleidet auf dem Balkon des Buckingham Palace zu sehen.“

    So weit, dass er sich eine Privatkapelle baute, ging es bei Prinz Philip mit der Religion dann doch nicht. Offenbar gab es bei ihm mit Beginn der 1990er Jahre aber eine Neuhinwendung zu seinen orthodoxen Wurzeln. Ein englischer Journalist enthüllte 1992 jedenfalls laut „Greek City Times“, dass Philip im Vorjahr „privat mit einem russisch-orthodoxen Bischof in London gesprochen hatte und für Juni 1993 ein Treffen mit dem Patriarchen von Konstantinopel, einen Besuch auf dem Heiligen Berg Athos in Nordgriechenland und einen Besuch beim Patriarchen von Moskau plante“. Bei einer orthodoxen Konferenz 1991 auf Kreta, an der Prinz Philip teilnahm, seien sich die Mönche einig gewesen, dass „seine Konversion zum Anglikanismus“ keine Rolle spiele, „weil er orthodox getauft sei und das sei alles, was wirklich zählt“.

    Ruhiges Bekenntnis zu Jesus Christus

    Betrachtete Prinz Philip also all die Probleme und Skandale, mit denen das Englische Königshaus ausgerechnet ab den frühen 1990er Jahren öffentlich konfrontiert wurde, als ein Kreuz, das man tragen müsse, weil das Leben – laut Orthodoxer Lehre – nun einmal voll von Kreuzen ist? War der fröhliche Stoizismus seiner letzten Jahre einer echten religiösen Grundierung geschuldet? Wenn man die Weihnachtsbotschaften seiner Frau aus den vergangenen Jahren hört, bei deren Vorbereitung Prinz Philip mitwirkte, kann man diesen Eindruck gewinnen. Die Verantwortung für das Gemeinwohl, die Reste des Commonwealth, das gefühlt derzeit den ganzen Erdkreis umspannt, geht darin einher mit einem ruhigen Bekenntnis zu Jesus Christus.

    Sehr friedlich war offenbar das Sterben des Prinzen. So, „als hätte ihn jemand an die Hand genommen und weggeführt“, wie die Lieblings-Schwiegertochter der Queen, Sophie von Wessex, laut Medienberichten als Augenzeugin sagt. Der raue Stein könnte gut geschliffen an einem guten Ort ankommen.

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