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    Würzburg

    Emotionale Überwältigung

    „Rubens und der Barock im Norden“: Wie der Maler europäische Kunst prägte.

    'Beweinung Christi' in der Rubens-Ausstellung in Paderborn
    Rubens-Ausstellung in Paderborn: Beweinung Christi. Foto: Thiede

    Obwohl sich Peter Paul Rubens (1577–1640) nie aus seiner Werkstatt in der Welthandelsmetropole Antwerpen nach Paderborn begab, hat er dort Spuren hinterlassen. Denn die Antwerpener Antonius und Ludovicus Willemssens, die in seinem Geiste tätig waren, haben den Paderborner Dom mit prachtvollen Kunstwerken geschmückt. Werke von Rubens und den Brüdern Willemssens stehen im Mittelpunkt einer mit exzellenten internationalen Leihgaben ausgestatteten Schau des Diözesanmuseums von Paderborn. Zu ihnen treten Bilder und Plastiken südniederländischer und westfälischer Künstler, die von Rubens Anregungen bezogen haben. Werke von Gerhard Richter und anderen Gegenwartskünstlern, denen hinsichtlich ihres Spiels mit der Illusion, ihrer Opulenz oder ihres Hinweises auf die Vergänglichkeit des Lebens etwas Barockes eignet, beschließen die Schau. Mit ihr verabschiedet sich Museumsdirektor Christoph Stiegemann, der viele großartige Ausstellungen ausgerichtet hat, in den Ruhestand.

    Spuren der Werkstatt in Nordrhein-Westfalen

    1655 berief Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke die Brüder Willemssens nach Paderborn. Antonius (1625–1691) war Maler, Ludovicus (1630–1702) Bildhauer. Sie schufen bis 1661 den Hochaltar, die beiden Seitenaltäre und weitere Werke für den Dom, die der Fürstbischof allesamt aus eigener Tasche finanzierte. Mit ihnen hielt die Kunst des Barock prachtvollen Einzug in Westfalen. Leider zerstörten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Luftminen die drei Altäre. Was von ihnen übrig blieb, bildet frisch restauriert den Auftakt der Sonderschau. Die Fragmente des Hochaltargemäldes fügen sich zur „Anbetung der Hirten“. Antonius Willemssens hat Maria, dem Jesuskind und den anderen überlebensgroß und voluminös dargestellten Gestalten Anmut verliehen. Die zeichnet auch die von Ludovicus Willemssens geschnitzten Figuren des sich im Krönungsornat präsentierenden heiligen Kaiserpaares Heinrich II. und Kunigunde aus. Die Kaiserin streckt huldvoll die rechte Hand vor. Ihr muskulöser Gatte hat sein Haupt zur linken Schulter gewendet und wirkt mit dem Reichsapfel in der Hand nachdenklich.

    Beim Rundgang entdecken wir weitere Werke der Brüder. Antonius wartet mit dem Gemälde „Madonna mit adorierenden Heiligen“ (1655) auf. Liborius, Kilian, Badurad und Meinolfus haben sich zur Verehrung niedergekniet. Drei der Paderborner Bistumsheiligen schauen zur in den Wolken sitzenden Madonna hoch, der vierte zeigt zu ihr hinauf. Stolz präsentiert sie das beschwingt auf ihrem rechten Oberschenkel stehende Jesuskind. Auf die andere Seite dieser Holztafel hat Antonius die „Krönung Mariens“ gemalt. Ausstellungskuratorin Karin Wermert urteilt: „Einzelne Bestandteile der Bildanlage sind offenkundig aus Rubensschöpfungen angeregt.“

    Museumsdirektor Stiegemann und Kuratorin Wermert betonen, dass Rubens nicht nur Maler, sondern auch Bildhauer inspiriert hat. Einer von ihnen ist Artus Quellinus der Ältere. In dessen Werkstatt lernte Ludovicus Willemssens das Bildhauerhandwerk. Für den Paderborner Dom schuf er um 1660 die ausdrucksvollen Büsten eines Diakons, eines Bischofs und des heiligen Papstes Gregor, der aus aufgerissenen Augen einen erstaunten Blick zu werfen scheint.

    Später gab Ludovicus die an Rubens orientierte voluminöse Körperbildung seiner Figuren zugunsten schlanker Gestalten auf. Das zeigen die Holzskulpturen des Chorgestühls der ehemaligen Zisterzienserabtei Sint-Bernard zu Hemiksem (1690–1699). Mehr noch als die weiblichen Tugendpersonifikationen des Glaubens und der göttlichen Liebe faszinieren Sankt Gerhard und Kardinal Giovanni Bona, die mit schief gelegten Köpfen und graziösen Gesten in Trance versunken scheinen.

    Rubens entsprach dem Schönheitsideal der Jesuiten

    Hauptperson der Schau ist Rubens. Das Besondere dabei ist, dass die Schau „das künstlerisch Eigentliche“ von Rubens hervorhebt, wie Stiegemann betont. Wermert ergänzt: „Prinzipiell hatten die Gehilfen großen Anteil an der Ausführung der Werke, für die der Meister die Entwürfe sorgfältig in Öl skizzierte.“ Und mit diesen selten präsentierten eigenhändigen Ölskizzen wartet die Ausstellung in größerer Zahl auf. Sie zeichnet Erzählfreude und Gefühlsreichtum aus.

    Die Betrachtung der „Kreuzigung Christi“ (um 1626/28) erzeugt Mitleid. Die Ölskizze der „Auferstehung Christi“ (um 1619) vermittelt uns ein Triumphgefühl. Die Kunst von Rubens ergreift den Betrachter mit der Darstellung tiefer Emotionen und großen Gesten. Sie regt zu Mitempfinden und Anteilnahme an. Besonders eindringlich gelingt dies Rubens mit dem großformatigen Gemälde der vielfigurigen „Beweinung Christi“ (um 1612): Der diagonal im Bild präsentierte tote Christus streckt uns die Fußsohlen mit den dadurch unübersehbaren Nagelwunden entgegen.

    Die Schau konzentriert sich auf das sakrale Schaffen von Rubens. Er produzierte zahlreiche Werke für Ordensgemeinschaften. Nicht zuletzt für die Jesuiten, die an der Spitze der vom Konzil von Trient (1545–1563) angestoßenen katholischen Erneuerung standen, auch als „Gegenreformation“ bekannt. Ihre größte Niederlassung nördlich der Alpen hatte die Gesellschaft Jesu in Antwerpen. Das Schaffen von Rubens erfüllte aufs Schönste, was die Jesuiten von der Kunst erwarteten: die ästhetische und emotionale Überwältigung der Gläubigen.

    Mittels Kupferstichen sorgte Rubens, der gefragteste Künstler seiner Zeit, für die Vervielfältigung und damit auch Vorbildlichkeit seiner Werke. Sehr einflussreich und in ganz Europa verbreitet waren seine Illustrationen zweier päpstlich autorisierter Standardwerke, deren exklusives Veröffentlichungsrecht das Antwerpener Verlagshaus Plantin-Moretus besaß: des „Missale Romanum“, das die Texte für den Messdienst im gesamten Kirchenjahr enthält, und des „Breviarum Romanum“ mit Gebeten und Schriftlektionen für die Privatandacht.

    Ebenso waren es die aus Antwerpen in die Welt ziehenden Künstler, die an Rubens geschulte Kompositionen, Formen, Motive und Ausdrucksweisen verbreiteten. Zu ihnen gehörten die Brüder Willemssens. Noch heute bewahrt der Paderborner Dom Werke an den Stellen, für die sie Antonius und Ludovicus geschaffen haben. Das schönste Ensemble findet sich an und in der Josefskapelle. In der muschelförmigen Nische über dem Portal ragt die Halbfigur des erstaunlich jungen Josef auf, der den Jesusknaben im Arm trägt. Über dem Kapellenaltar hängt ein Gemälde mit einem sehr seltenen Motiv. Es zeigt die Vermählung von Maria und Josef.

    Bis 25.10.2020 im Diözesanmuseum Paderborn, Markt 17. Di.–So. 10–18 Uhr, jeden ersten Mi. im Monat 10–20 Uhr. Informationen: Tel.: 0 52 51-1 25 14 00, Internet: www.dioezesanmuseum-paderborn.de.  Der Katalog aus dem Michael Imhof-Verlag kostet im Museum 39,50 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro.

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