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    Graz

    Eine Taufe des Nationalismus kann nicht gelingen

    Ein Sammelband fragt nach dem rechten Platz des Christen in der weltanschaulichen Wirrnis dieser Zeit . Nationalisten gegen Globalisten. Der Platz der Christen ist weder hier noch da.

    Leonhardifahrt in Bad Tölz
    Können linke Globalisten und „volks- und heimatnahe“ Rechte des Glaubens gegenübergestellt werden?, fragt der Rezensent.... Foto: Angelika Warmuth (dpa)

    Ein wenig wie zufällig zusammengekehrt wirken solche Sammelbände mitunter, so dass sich der geneigte Leser erst einmal auf die Suche nach den Perlen machen muss. Im vorliegenden Werk bietet sich dafür der Beitrag des jungen Philosophen Daniel Zöllner über das christliche Europa als „Kontinent der Säkularisierung“ an. In erfrischend unideologischer Argumentation weist der Autor progressive wie reaktionäre Geschichtskonstruktionen zurück und zeigt, dass die Errungenschaften der Neuzeit nicht in einem Gegensatz zum christlichen Glauben stehen, sondern aus ihm hervorgingen: „Die Neuzeit setzt eine Dynamik frei, die im Christentum selbst angelegt ist.“ 

    Entweltlichung

    Zöllners geschichts- und religionsphilosophische Analysen sind von vielen Denkern inspiriert und dennoch originell. Etwa wenn er in der Leugnung der Erbsünde und der starken Betonung der Prädestination im Islam einen Rückfall in „kosmotheistische“ Sichtweisen ortet, die bereits das Judentum – und in dessen Folge und Überbietung das Christentum – mit der „Entweltlichung Gottes“ überwunden hatte. Gut belegt und argumentiert ist jedenfalls seine Grundthese, dass sich Europa gerade als „Kontinent der Säkularisierung (…) als ein durch das Christentum geprägter Kontinent“ erweist. Zöllner beschreibt treffend das Christentum als „eine geistige Revolution“, die die Welt entgöttert und dem Menschen gerade so „die Entscheidung über sein Erbe, über sein Handeln in der Welt nach dem Gutdünken der eigenen Vernunft“ ermöglicht. 

    Nihilismus

    Freilich unterscheidet Zöllner die vom Christentum ermöglichte Säkularisierung sauber von einem „Missverständnis der Säkularisierung“, das sich „in Form von Heilslehren und Ideologien sowie in Form eines ,Nihilismus‘“ äußere. Leider ist das vorliegende Werk nicht durchgehend von dieser analytischen Kraft getragen. Manche Beiträge sind – ob gewollt oder ungewollt – eher als polemische Essays einzuordnen. Auch wird eine Nähe zur AfD, deren Etablierung als „Erfolg“ und „Ergänzung des Pluralismus“ begrüßt wird, nicht bestritten, etwa wenn es heißt: „Die teils ungenügend deutliche Abgrenzung von Extremisten und untragbare Formulierungen Einzelner machen es politischen Gegnern i.Ü. leicht, die AfD ins falsche Licht zu rücken.“ 

    Global

    Was demgegenüber das rechte Licht wäre, kann wohl am ehesten der Beitrag von Volker Münz zeigen, welcher ja AfD-Bundestagsabgeordneter ist. Er malt das Bild einer gespaltenen Gesellschaft (wohlgemerkt im Westen), in der sich eine „Elite“ von Politikern, Wirtschaftslenkern und „sogenannten Intellektuellen“ vom „gemeinen Volk“ abgekoppelt habe. Diesen Eliten wirft er vor, „in der globalen Infrastruktur einen Platz ergattert“ zu haben und mit ihrem globalistischen Denken und Handeln die Demokratie zu gefährden. Demgegenüber bewirbt er den Populismus „als eine Gegenbewegung gegen die Macht der Gewinner der Globalisierung“. Populismus sei „eine Reaktion auf die Krise der Demokratie im Zeichen des Globalismus“. Die Grundannahme, es gebe eine globalistische Strategie oder Ideologie, und dieser müsse man Widerspruch entgegensetzen, bestimmt auch die Überlegungen des Theologen und Politikwissenschaftlers Felix Dirsch.

    Auch er sieht „globalistische Eliten“ am Werk, die er als „humanitaristisch ausgerichtete Gutmenschen“ verhöhnt. Dirsch geht es weniger um eine gesellschaftspolitische Diagnose, sondern um eine kirchliche oder kirchenpolitische. Er konstruiert einen Kontrast „zwischen einer eher linksglobalistischen Ausrichtung des Glaubens und einer dieser entgegengesetzten volks- und heimatnahen Variante“. Immerhin bestreitet auch Dirsch nicht, dass „dem Christentum von Anfang an eine zentrale universalistische Dimension innewohnt“, ja, er anerkennt sogar Papst Johannes Paul II. als „leidenschaftlichen Universalisten und gleichzeitigen polnischen Patrioten“. Dass die sogar im Politischen recht willkürlich konstruierten Typen des linken Globalisten und des „volks- und heimatnahen“ Rechten für das Christentum einfach unpassend sein könnten und eine Taufe des Nationalismus nicht gelingen kann, darauf kommt er jedoch nicht. 

    Barmherzig

    Der ehemalige evangelische Pfarrer und heutige AfD-Bundestagsmitarbeiter Thomas Wawerka schreibt „Nächstenliebe“ und „Barmherzigkeit“ in seinem Beitrag bevorzugt mit Anführungszeichen und qualifiziert sie als „Moralschmalz“. Ungeachtet der Traditionen der christlichen Soziallehre postuliert er: „Christus hat zu politischen Positionierungen nichts zu sagen, dagegen alles in Bezug auf das konkrete Verhalten einzelner Menschen. Nichts liegt ihm an einer wie auch immer gearteten Gestaltung der Gesellschaft, alles aber daran, dass der Einzelne Eingang ins Reich Gottes finde.“ 

    Dieser These widerspricht der Beitrag des Schriftstellers André Thiele, der im Kreuz auch „die Einsicht in die Notwendigkeit universaler Ordnungen, das heißt der Notwendigkeit des Naturrechts“ sieht. Und weiter: „Kein Christ ist ganz Bürger. Er unterwirft sich den Gesetzen der Gesellschaft, ohne ihnen zu erlauben, auf seinen Geist überzugreifen.“ 

    Ein solcher innerer Vorbehalt gegen die Machtergreifung politischer Kategorien in der spirituellen und binnenkirchlichen Debatte ist ein erfreulicher Widerspruch gegen eine allzu „volks- und heimatnahe“ Konstruktion des Christlichen. 

     


    Felix Dirsch/ Volker Münz/ Thomas Wawerka (Hg.):
    „Nation, Europa, Christenheit. Der Glaube zwischen Tradition, Säkularismus und Populismus“.
    Ares Verlag, Graz 2019, 240 Seiten, ISBN 978-3-99081-020-0, 
    EUR 19,90 

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