• aktualisiert:

    Köln

    Die Freiheit des Studiums erkämpft

    Edith Stein hat vor 100 Jahren um die Anerkennung ihrer Habilitation gerungen. Der Historiker Thomas Schuld, der seit vier Jahren das Edith-Stein-Archiv leitet, erklärt die Hintergründe.

    Edith Stein - Ein ungewöhnliches Schicksal
    Ein ungewöhnliches Schicksal im Einklang mit menschlicher Größe: Edith Stein, hier als Karmelitin Teresia Benedicta vom ... Foto: dpa

    Herr Schuld, wer kommt in das Edith-Stein-Archiv und nutzt es? 

     Es kommen viele internationale Besucher: Wissenschaftler, Studenten, Doktoranden, Priester. Diese Personen befassen sich aus den unterschiedlichsten Motiven mit Leben und Werk von Edith Stein. Sie hat ja nicht nur ein umfangreiches Werk hinterlassen, sondern war und ist bis heute in vielen ihrer Rollen und Funktionen in mehrfacher Hinsicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. 

    Wie wird Edith Stein in der deutschen Wissenschaft rezipiert? 

    So wie ich es einschätzen kann: eher weniger. Es gibt eine sehr engagierte deutsche Edith-Stein-Gesellschaft. Aber wissenschaftliche Untersuchungen sind selten. Das hängt wohl damit zusammen, dass an deutschen Hochschulen über Edith Stein nur punktuell als Theologin und als Philosophin gelehrt wird. 

    Da ließe sich mutmaßen: Weil ihr Werk es nicht hergibt? 

    Nein, ganz im Gegenteil. Seit 2002 sind 27 umfangreiche Bände einer Gesamtausgabe erschienen, gerade kam ein letzter Band 28 heraus. In diesen 28 Bänden ist auf dem neuesten Stand der Forschung das ganze Werk Edith Steins gesammelt: ihre philosophischen und pädagogischen Schriften, ihre geistlichen Texte, ihre Autobiografie und ihre Briefe. Die Internationalität, wie wir sie hier im Archiv erleben, zeigt deutlich, welch lebhaftes Interesse an dem Werk dieser Heiligen an den unterschiedlichsten pädagogischen, kirchlichen und universitären Einrichtungen im Ausland besteht. Da wir als Edith-Stein-Archiv die Rechte an den Texten haben, aus denen zitiert wird, bekommen wir die Arbeiten als Belegexemplare. Wir haben hier beispielsweise wissenschaftliche Arbeiten zu Edith Stein in Japanisch, Finnisch, Ukrainisch. 

    Was gehört zum Archiv ? 

    Hier ist fast der komplette Nachlass von Edith Stein – etwa 20 000 Blätter – gesichert. Die Rettung des Nachlasses während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine abenteuerliche Geschichte. Schließlich kam das Werk wieder nach Köln und wurde hier in den letzten Jahren mit Hilfe der Krupp-Stiftung restauriert und digitalisiert. Um langfristig diesen bedeutenden Nachlass zu erhalten, wurde 2007 die Edith Stein-Stiftung gegründet. Ihrem Kuratorium gehören Vertreter des Karmels „Maria vom Frieden“, des Erzbistums Köln und ausgewiesene Wissenschaftler an. Außerdem haben wir hier eine Präsenzbibliothek mit rund 2 000 Bänden. 

    Das würde Edith Stein gefallen; sie war ja selbst sehr sprachbegabt. 

    In der Tat: Sie hat Texte aus dem Lateinischen, Griechischen, Englischen, Französischen und Spanischen übersetzt. Ich bin selbst immer wieder überrascht, welches umfangreiche Werk diese Frau in ihrem doch nicht allzu langem Leben hinterlassen hat. 

    Nochmals zur inhaltlichen Bedeutung ihres Werkes. Worin liegt diese?

    Die Bedeutung und Rezeption dieses Werkes hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr erschlossen. Zum einen in philosophischer Hinsicht, insbesondere die Forschungen zur Phänomenologie und zur Ethik, aber auch Edith Steins persönliche Bekanntschaft und Auseinandersetzung mit so bedeutenden Philosophen wie Edmund Husserl, Martin Heidegger und Max Scheler. Zum anderen in pädagogischer Hinsicht. Sie hat in dieser Hinsicht viel publiziert und war ja auch selbst als Pädagogin tätig. Und dann ist da noch ihre Bedeutung in der Genderforschung. Trotz ihrer überragenden Intelligenz ist sie ja an Grenzen gekommen: einfach weil sie eine Frau war. 

    Aktuell werden immer intensiver Debatten über die Parität von Frauen und Männern auf den unterschiedlichsten Ebenen von politisch-gesellschaftlicher Relevanz geführt – wie etwa die Debatte um die Frauenquote in der CDU oder die Entscheidung des Landesverfassungsgerichts Thüringen zum Paritätsgesetz oder die Rolle von Frauen an Hochschulen sowie in der Kirche... 

    Ich glaube, dass sich Edith Stein bei diesen Debatten mit Bezug auf die Wissenschaft und die Politik als eine Wortführerin eingebracht hätte. Das legt ein Blick um genau 100 Jahre zurück nahe – und zeigt wiederum, wie aktuell Edith Stein ist. Sie war Frauenrechtlerin und hat sich als Vortragende, gerade in den 1920er Jahren, nachhaltig mit der Frauenfrage auseinandergesetzt. Als sie 1916 mit der Höchstnote ,summa cum laude‘ promoviert wurde, wäre der natürliche Fortgang der Karriere die Habilitation an einer Universität und darauf folgend eine Professur für Philosophie gewesen. Aber die Zulassung von Frauen überhaupt zum Studium war noch jungen Datums und stieß bei den Professoren immer noch auf Widerstand. So vertrat etwa Edith Steins Lehrer Edmund Husserl die Auffassung, die Aufgabe der Frau sei doch im Grunde das Heim, die Ehe. An eine Habilitation, also die Qualifikation zur akademischen Lehre, konnte noch gar nicht gedacht werden. Es gab erste zaghafte Versuche von Frauen in verschiedenen Fächern. So legte Edith Stein selber in Göttingen 1919 eine Arbeit vor. Ihr wurde dann aber bereits im Vorfeld mitgeteilt, die Zulassung einer Dame zur Habilitation begegnet immer noch Schwierigkeiten. Dies ließ Edith Stein nicht auf sich beruhen. 

    Inwiefern? Hat sie sich auf die neue Weimarer Verfassung von 1919 berufen? Artikel 109 legte ja fest, dass Männern und Frauen grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten haben – was später übrigens die Mütter und Väter des Grundgesetzes in Artikel 3 formuliert haben. 

    Auf diesen Artikel der Weimarer Verfassung berief sich Edith Stein in der Tat, als sie an den Preußischen Minister für Wissenschaft schrieb und ihren Fall zur prinzipiellen Beurteilung vorlegte. Im darauffolgenden Jahr, 1920, antwortete der Minister und gab ihr mit folgenden Worten Recht: „Die in ihrer Eingabe vom 12. Dezember vertretenen Auffassung, dass die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht kein Hindernis gegen die Habilitierung erblickt werden darf, trete ich bei.“ Dieser Erlass des Ministers von 1920, durch die Initiative Edith Steins veranlasst, wurde zum Meilenstein für die akademische und universitäre Entwicklung Deutschlands. Der Antragstellerin selber allerdings, die zwar mit Genugtuung in einem Brief den Erlass als „Nasenstüber für die Göttinger Herren“ bezeichnete, öffnete sich nicht der Weg zur Habilitation, trotz mehrerer Versuche. Die Ressentiments gegen sie als Frau und Jüdin waren noch immer zu unüberwindlich. Aber ähnlich wie ihr Brief von 1933 an Pius XI. legt diese Eingabe Zeugnis ab von ihrem unerschütterlichen Rechts- und Gerechtigkeitsverständnis. 

    Welche Bedeutung hat denn Edith Stein in theologischer Hinsicht? Gibt es die überhaupt? Schließlich war sie keine Theologin.

    Das ist ein weites Feld, das sich aktuell, nicht zuletzt auch durch die Heiligsprechung befördert, immer weiter auftut. Denn natürlich hat sie nie Theologie studiert. Da drängt sich dann doch eine ganz andere Frage auf: Ist Theologie überhaupt eine rein universitäre, eine akademische Angelegenheit? Oder geht es nicht vielmehr um die Frage der Vereinbarkeit von Wissen und Glauben? Das wäre dann eine hochmoderne Angelegenheit, und es gibt denn auch durchaus ernstzunehmende Stimmen, die sich dafür aussprechen, Edith Stein zur Kirchenlehrerin zu erheben. Eben eine Kirchenlehrerin, die zwar kein theologisches Werk hinterlassen, aber eine theologische Biografie gelebt hat. Spätestens hier käme dann auch noch ihre jüdische Herkunft in die Debatte, die Edith Stein als Brückenbauerin im Dialog zwischen Christen und Juden geradezu prädestiniert. 

    Edith Stein war zudem eine sehr politisch denkende Person… 

    Dieser Aspekt verdient neben den erwähnten Bedeutungen ebenfalls eigens betrachtet, ja, wissenschaftlich bearbeitet zu werden: die zeithistorische Kontextualisierung. Nochmals: Edith Stein war eine der ersten weiblichen „Dr. phil“ überhaupt. Sodann ihr Brief an Papst Pius XI. im Jahre 1933, in dem sie den Papst kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bittet, „dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Missbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun“. Dieses Schreiben stammt von einemsehr wachen, hellsichtigen und sensiblen Geist einerseits und zeigt andererseits eine sehr bodenständig in die Welt schauende kritische Person. Beides hängt sicher auch mit ihrer jüdischen Herkunft zusammen. 

    Nicht zu vergessen ihre Konversion zum Katholizismus sowie ihr Ordensleben. 

    Auch das ist ein weites Feld. Was bedeutet das eigentlich genau, dieser Wechsel vom Judentum zum Katholizismus? Wie sieht und lebt sie die Spiritualität der Karmelitinnen? Wie sieht der Klosteralltag, zumal in der damaligen Zeit, ganz praktisch aus? Und: Wie konnte sie als Nonne in einem Orden, der sich in erster Linie dem Gebet verpflichtet sieht, weiter forschen und wissenschaftlich tätig sein? Dazu gehören dann einfach auch ganz praktische Fragen: Woher bekomme ich einen Stift, woher das Papier? Schließlich ihre Selig- sowie Heiligsprechung und ihre Erhebung zu einer Patronin Europas. Da wartet noch vieles darauf, genau untersucht und dargestellt zu werden, beispielsweise in Seminaren oder Doktorarbeiten. 

    Wie möchten Sie selbst Edith Stein dargestellt sehen? 

    Ich möchte sie nicht euphorisch oder gar hymnisch darstellen, sondern dazu beitragen, dass sie in ihrer ganzen Wirkung, in ihrem Wirkumfeld und in der ihr eigenen Sachlichkeit dargestellt wird. Sie ist meines Erachtens symbolisch für unsere Zeit. Sie war stets auf der Wanderschaft, beinahe rastlos, vielgestaltig und immer auf der Suche. Die vielen Brüche, Identitäten und Stationen in ihrem teils zerrissenen, fragmentarischen Leben zeigen die Widersprüchlichkeit ihrer Zeit, die aber auch für unsere Zeit kennzeichnend ist – und nicht zuletzt seit dem Holocaust von zeitloser Aktualität ist. 


    Das Edith-Stein-Archiv befindet sich innerhalb des Kölner Klosters der Karmelitinnen, dem Karmel „Maria vom Frieden“.  

     

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

    Weitere Artikel