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    Berlin

    Der schöne Schein

    Eitel, pervers oder verletzlich: Wir leben im Zeitalter der Selbstbespiegelung – Narzissten stehen dabei an der Spitze.

    Caravaggios 'Narziss'
    Bekannter "Narziss" auf Reisen: Das Gemälde des italienischen Barockmeisters Caravaggio. Foto: dpa

    Die Bergnymphe Echo gilt als erstes Opfer eines Narzissten. Ihre Liebe zum schönen Jüngling Narziss wurde schmählich zurückgewiesen. Narziss vermochte nur sich selbst zu lieben. Sich selbst ein Gott zu sein war sein tragischer Fluch. Er verzehrte sich vor Sehnsucht nach sich selbst und starb. Mitleid haben wir mit der zu Stein gewordenen Nymphe, von deren Existenz nur noch ein Widerhall zeugt. Was aber, wenn wir selbst einem Trugbild unterlägen und die Geschichte von Opfern und Narzissten nicht ganz so einfach wäre, wie es den Anschein hat? Was, wenn Echo nicht nur Opfer wäre, Narziss nicht nur ein Täter?

    „Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde!“, heißt es in Ovids „Metamorphosen“. Eine Warnung spricht der römische Dichter aus, sich nicht blenden zu lassen von der eigenen Großartigkeit. Den Sinn für das Wahrhaftige zu wahren ist nicht einfach. Zu lange schon leben wir in einer Gesellschaft, die den schönen Schein dem Sein vorzieht. Eitle Selbstbespiegelungen, wie wir sie aus den Sozialen Medien kennen, sind kein neues Phänomen. Die Malerei strotzt vor Selbstinszenierungen. Ganz vorn im gezielten Eindruck-schinden, auch „Impression Management“ genannt, lag der fränkische Maler Albrecht Dürer. Dessen „Selbstbildnis im Pelzrock“ aus dem Jahre 1500 ist eine christusgleiche Inszenierung, die so manch Instagrammer langweilig und uninspiriert wirken lässt. Selbsterhöhung aber folgt nicht selten der Sturz in den Abgrund. Die Bibel bietet das beste Exempel für Hybris: Luzifer, der schöne Jüngling, war nichts anderes als ein Narziss, dessen Arroganz ihn zu Fall brachte. Im Vergleich zu Ovids Narziss hatte er jedoch Glück. Luzifer wurde als Satan das Reich des Bösen zuteil. Narziss hingegen löste sich auf.

    Heute betrachtet man das Problem weniger poetisch

    Heute betrachtet man das Phänomen des Narzissmus wie auch des Bösen weniger poetisch. Im psychoanalytischen Zeitalter versucht man die Handlungen zu verstehen und als Pathologie zu klassifizieren, um Heilung in Aussicht zu stellen. Die französische Psychiaterin Marie-France Hirigoyen lässt keinen Zweifel daran, dass wir uns in einer narzisstischen Epoche befinden. Begründet sieht sie die Sucht nach Anerkennung und Bewunderung im kapitalistischen System, das Gier befördere und mit seiner Devise „Schneller, höher, weiter!“ die Menschen zu Getriebenen mache. Unsere Gesellschaft sieht sie bevölkert von eitlen grandiosen Narzissten wie Trump, manipulativen perversen Narzissten wie Putin und verletzlichen Narzissten, die sich beständig als Opfer gerieren, um Bestätigung zu erhalten und Vorteile abzuschöpfen. Die narzisstische Übermacht rührt nach Hirigoyen daher, dass wir durch das erfolgreiche Streben nach Freiheit an einem Punkt angelangt sind, an dem wir keinerlei Beschneidungen von Freiheit mehr ertragen. Kritikunfähigkeit und Überempfindlichkeit gehen mit der steten Angst vor Verletzung Hand in Hand.

    Der Zuwachs narzisstischer Pathologien wiederum führt zu zahlreichen Begleiterscheinungen wie Depressionen, Alexithymie und psychosomatischen Erkrankungen. Nicht selten konsultieren Narzissten Ärzte, weil sie sich depressiv fühlen. Hinter diesen Symptomen kann sich aber auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung verbergen. Das aber ist eine unterschätzte Gefahr. Grandiose Narzissten geben sich durch mediale Überpräsenz und hohles Twittern leicht der Lächerlichkeit preis. Perverse Narzissten sind zweifelsohne gefährlich, da sie ihre Opfer zunächst kunstfertig verführen, um sie danach auszusaugen wie Vampire. Der verletzliche Narzisst aber ist tückisch. Hinter offener Selbstabwertung und scheinbarer Demut verbirgt sich ein Überlegenheitsdenken, das mit einer ausgeprägten Opferhaltung gepaart ist. Verblüffend ist, dass auch Opfer von psychischer oder physischer Gewalt Narzissten werden können. Die starke Selbstabwertung, die sie beispielsweise durch einen perversen Narzissten erfahren haben, kompensieren sie mit einer vielleicht auch unbewussten Opfer-Attitüde. Die Konsequenz ist jedoch die gleiche wie bei allen Narzissten: Maximierung der eigenen Vorteile. Alles dreht sich um Viktimisierung, und wer wagt es schon, am hehren Opferstatus zu rühren?

    Ein Mangel an Selbstsicherheit, Liebe und Identität

    Gemein ist allen Narzissten der Mangel: ein Mangel an Selbstsicherheit, Mangel an Liebe, Mangel an ureigener innerer Substanz. Narzissten sind hybride Wesen, Opfer und Täter zugleich. Ihre Mankos versuchen sie zu kompensieren durch exzessiven Konsum, Action und Bewunderung. Das Böse manifestiert sich als Ausdruck des Mankos. Die Sehnsucht nach Sicherheit geniert eine zerstörerische Macht, der nur von außen Grenzen gesetzt werden können. Deshalb ist es notwendig, einen klaren Blick zu wahren und den Sinn für narzisstische Kränkungen zu schärfen, bevor sie ihr destruktives Potenzial entfalten können. Auch hier schon ein warnender Appell bei Ovid: „Was, Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild?“ Nach den Gründen sollte sich jeder selbst befragen. Den eigenen Anteil an Verführung und Leichtsinn zu finden, ist der erste Schritt, um nicht auf Manipulation hereinzufallen. Dazu bedarf es freilich des Mutes, gängige Muster und herrschende Diskurse zu durchbrechen. Schnell wird man als ketzerisch angesehen, wenn man vor einer opferpsychotischen Gesellschaft warnt. Doch stand nicht oft schon Ketzertum am Beginn der Veränderung? Einer Veränderung, die sich letztlich als positiv für die Gesamtgesellschaft herausstellte?

    Auch Echo ist nicht das elendiglich dahinsiechende Opfer eines verachtenswerten Narzissten. Echo war selbst nicht uneitel und wurde für ihr unmoralisches Verhalten bestraft. Zeus hatte die Nymphe angeworben, seine Gattin Hera zu unterhalten. Echo sollte Geschichten erzählen, während Zeus seinen amourösen Abenteuern nachginge. Welch Verrat! Von weiblicher Solidarität keine Spur! Den Verlockungen der Macht unterlag auch Echo. Als Hera der Sache auf die Schliche kam, ließ sie Echo bestrafen, indem sie ihr die Stimme raubte. Nur noch die letzten, Echo zugedachten Worte sollten aus ihrem Munde erklingen. Eine entsetzliche Schmach für die Nymphe, denn sie selbst fand Gefallen an ihrer Rede. „Und sie selber entzückt ihr Wort“, so heißt es bei Ovid. Echo hat in die Geschichte als idealtypisches Opfer des Narzissmus Eingang gefunden. Ohne zu hinterfragen, ob sie nicht selbst von ihrer Eloquenz geblendet und von der Rechtmäßigkeit des eigenen Diskurses überzeugt war.

    Die Lösung heißt: Besinnung

    Verzückung durch das eigene Wort ist eine narzisstische Ausprägung, die vielleicht weniger bekannt ist, aber mindestens so verheerende Folgen haben kann wie die Macht des Bildes. Ein grandioser Narzisst wirkt infantil; den perversen Narzissten, einmal enttarnt, meiden wir. Wie aber wappnen wir uns gegenüber dem Wort, das jede Leiblichkeit entbehrt und genau dadurch rein und unbefleckt wirkt?

    Durch Besinnung, ein altbewährtes, aber effizientes Tool, das uns hinter die Kulissen blicken lässt. Besinnung ist kein Ausdruck von Selbstoptimierung und Egozentrik. Besinnung setzt ein Spiegelbild voraus und die Stärke, von diesem nicht geliebt werden zu wollen.

    Die Autorin lebt als Publizistin und Schriftstellerin („Satans Spielfeld“, „Poor Dogs“) in Berlin.

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