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    Berlin

    DER DICKE HUND: „Cuties“ - Kunst oder Kinderporno?

    Netflix treibt es weit mit der Darstellung der Sexualisierung kleiner Mädchen. Mit einer lagerübergreifenden, harschen Kritik wurde in den Direktionsetagen des Streamingdienstes wahrscheinlich genausowenig gerechnet, wie mit der Reaktion der italienischen Bischofskonferenz.

    Filmszene 'Cuties'
    In dem Film Cuties sind Szenen zu sehen, in denen elfjährige Mädchen lasziv tanzen und in deutlichen Posen den Geschlech... Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    „Kunst“ und Kommerz stehen zuweilen in einem merkwürdigen Widerspruch. Was die einen für preiswürdig halten, entfacht bei den anderen einen Sturm der Entrüstung. Dies musste jetzt auch der Streamingdienst Netflix erfahren: Laut der Datenanalyse-Firma „yipitdata“ stieg die Rate der Kündigungen von Netflix-Abonnements in den Vereinigten Staaten um das fast Achtfache im Vergleich zu den Tagesniveaus im August 2020 an und erreichte ein Mehrjahreshoch. Anlass auch für Online-Petitionen, die bislang von mehreren hunderttausend Menschen unterzeichnet wurden: Das US-Unternehmen bietet seit dem 9. September auf seiner Plattform diefranzösische Produktion „Cuties“ („Die Süßen“ – Originaltitel „Mignonnes“) an, die laut der senegalesisch-stämmigen Regisseurin und Drehbuchautorin Maimouna Doucouré die Hypersexualisierung junger Mädchen an den Pranger stellen soll.

    Sexualisierung der elfjährigen Akteurinnen

    Freilich wurden während des Drehs die elfjährigen Akteurinnen ihrer eigenen Sexualisierung unterworfen. Doucouré musste sich den Vorwurf gefallen lassen, damit selbst Missbrauch an Kindern begangen zu haben. Christine Pelosi, Tochter der Sprecherin des Repräsentantenhauses der USA Nancy Pelosi, twitterte: „‘Cuties‘ hypersexualisiert Mädchen im Alter meiner Tochter zur Freude von Pädophilen wie die, die ich strafrechtlich verfolge. Macht das rückgängig, entschuldigt euch und arbeitet mit Experten zusammen, um euren Schaden wiedergutzumachen.“ Der texanische Senator Ted Cruz bat sogar den US-Generalstaatsanwalt zu ermitteln, ob Netflix oder die Filmemacher „gegen ein Gesetz hinsichtlich der Produktion und Verbreitung von Kinderpornographie verstoßen haben“. Zu Beginn des sich abzeichnenden Skandals und der sich allmählich entwickelnden öffentlichen Indignation stand ein Werbeplakat mit einem Szenenfoto. Es zeigte die Protagonistinnen, die in knappen zweiteiligen Outfits lasziv tanzen und posen.

    „Der Streifen verharmlost eine
    – von Pädophilen fraglos goutierte –
    Zurschaustellung kindlicher Körper.“

    Nach Protesten nahm der Streamingdienst das Plakat zurück und entschuldigte sich. Zwar ist das Poster nun verschwunden, die darauf abgebildete Szene wie auch weitere unzumutbare Filmepisoden sind es indes nicht: Bei der Tanzszene schwingen die Mädchen zu aufpeitschenden Rhythmen wahlweise die Hüften, greifen sich lasziv in den Schritt ihrer denkbar knappen kurzen Höschen und zeichnen mit den Händen ihre noch gar nicht vorhandenen Körperrundungen nach. Ein Großteil ihrer Darbietung wird mit zuckenden, den Geschlechtsakt imitierenden Bewegungen ihres Unterkörpers ausgefüllt. Der Streifen verharmlost eine – von Pädophilen fraglos goutierte – Zurschaustellung kindlicher Körper, was von der italienischen Bischofskonferenz jedoch anders wahrgenommen wird. Der Film sei sogar „pädagogisch“, meint Filmkritiker Andrea Fagioli in „Avvenire“, dem offiziellen Organ der Bischofskonferenz.

    Grotesker Widerspruch zwischen Darstellung und Anliegen

    Tatsächlich steht das Spiel der jungen Akteurinnen in einem geradezu grotesken Widerspruch zu den in den vergangenen Jahren lautstark verkündeten Forderungen der #MeToo-Bewegung nach eigenständiger Zustimmung. Können elfjährige Kinder ihrer sexuellen Ausbeutung wirklich eigenständig zustimmen? Eher sind wohl ihre Eltern verantwortlich zu machen, ihre Kinder damit einer Filmindustrie zu einer widerwärtigen Vermarktung übergeben zu haben.Die Filmemacher geben zwar den Anspruch vor, mit ihrem Werk ein gesellschaftliches Phänomen zu verurteilen, nehmen zugleich aber genau das in Kauf, was sie kritisieren: die Sexualisierung von Kindern. Diese Verlogenheit im Filmgeschäft ist wirklich ein dicker Hund.

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