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    Das Tagesposting

    Der slawische Papst

    Kristina Ballova, Autorin des Blogs 'Frau mit Eigenschaften'
    Die Autorin betreibt den Blog „Frau mit Eigenschaften“. Foto: Archiv

    Es war ein warmer Sonntag im September 2003, als sich eine Wiese – heute der Johannes Paul II.-Platz – inmitten der größten slowakischen Plattenbausiedlung Petržalka mit Tausenden von Menschen füllte. Sie wollten ihren geliebten slawischen Papst noch einmal sehen. Vermutlich zum letzten Mal. So stand und wartete dort auch ich, damals noch ein Kind, mit meiner Familie. Die Sperre, an der der Papst mit seinem Wagen vorbeifahren sollte, stand nur ein paar Meter von uns entfernt, so dass ich nach vorn drängen und mich etwas höher stellen konnte, um den Papst besser zu sehen. Vielleicht wollte ich auch, dass er mich besser sieht. Das „Papamobil“ kam und in meiner großen Begeisterung winkte ich aufgeregt mit einem kleinen Tüchlein. Er winkte auch mit einem Tüchlein und für eine oder zwei Sekunden begegneten sich unsere Blicke. Ich lachte und war mir sicher, dass ich es geschafft hatte, dass der heilige Vater mich sieht. „Mein geliebtes slowakisches Volk, schäme Dich niemals für das Evangelium, behüte es in Deinem Herzen wie einen kostbaren Schatz“, schallten die Worte Johannes Pauls II. aus den Lautsprechern. Er sprach vom Wert der christlichen Tradition, auf der man die Identität Europas bauen soll, von einer solidarischen Gemeinschaft, die sich nicht nur mit materiellen Gütern zufrieden stellt, sondern das gemeinsame Wohl sucht und das menschliche Leben in allen Formen schützt. Wichtige Worte, an die sich vielleicht die meisten Anwesenden nicht mehr erinnern werden. Sie werden sich aber daran erinnern, dass der bereits schwache und kranke Mann da war, ihre Stadt besuchte, ihnen für einen Augenblick in die Augen schaute. Der Papst, der nicht über die Schnellstraße in die nächste Stadt gefahren werden wollte, sondern darauf bestand, den langsamen Weg durch die kleinen Dörfer zu nehmen, um zu sehen, wie die Menschen dort leben und arbeiten. Der heilige Vater, hinter dem immer der authentische Mensch Karol Wojtyla zu sehen war, sprach vor allem durch Begegnungen und Taten. Gerade die Slawen, deren Glaube durch die harten Jahre des Sozialismus vielen Herausforderungen ausgesetzt worden ist, bekamen durch Johannes Paul II. eine Stimme und ein Gesicht. Er machte die Welt auf die Ungerechtigkeit des kommunistischen Regimes aufmerksam und trug erheblich dazu bei, dass es zusammenbrach. Er wusste aber auch von den Gefahren, denen die postkommunistischen Länder nach 1990 ausgesetzt waren und wurde nicht müde, vor ihnen zu warnen und ihnen wie ein liebender Vater durch seine Präsenz und Aufmunterungen beizustehen. Dass diese Länder heute einen attraktiven, selbstbewussten und  christlichen Teil Europas darstellen, ist ein Verdienst des großen slawischen Papstes. Das Leben und Wirken dieses großen Papstes wurde gekrönt durch seine letzten Jahre. Seine in Würde, Geduld und Vertrauen getragene Krankheit war die stärkste aller bisherigen Gesten. Die Angelus-Rede 2005, bei der er keine Silbe mehr aussprechen konnte, und doch alles sagte. Gesten, Blicke und Präsenz sagen mehr als 1 000 Worte. So berührte er die Herzen der Gläubigen und bleibt uns als Vorbild im Glauben in Erinnerung.

    Die Autorin betreibt den Blog „Frau mit Eigenschaften“. 

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