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    Berlin

    Das Schlingern der Kirche im Zeitgeist

    Die Kirche der Gegenwart benötigt ein klares Profil. Können der sogenannte Synodale Weg, eine Anpassung an den derzeit gerade herrschenden Zeitgeist und die so angestrebten Veränderungen Richtung Protestantismus tatsächlich neues Leben in die Kirche bringen?

    Mitten in Berlin läuten sie Sonntags früh, ungewohnt laut und anhaltend, für Nachtschwärmer verstörend, den Tag ein: die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Kurfürstendamm. Irgendwie eine Provokation – unabhängig vom eigenen Bekenntnis. Es gibt sie noch, sogar hier, in der gefühlten Welthauptstadt des praktizierten Atheismus: die Kirche, als architektonisches Gebäude, als organisierte Gemeinde, als Gemeinschaft von Glaubenden. Ein Priester, unmodern gewandet in schwarzem Anzug mit römischem Kragen, eilt beschwingten Schrittes den Kudamm entlang. Auf einem Zebrastreifen kreuzt sich sein Weg mit dem eines in die Jahre gekommenen Rockers. Der fasst den Geistlichen unvermittelt am Revers: „Alter, echt?“ Geistesgegenwärtig packt der Priester den Rocker an seiner mit Nieten beschlagenen Lederkluft: „Klar – Du auch?“

    Authentizität ist gefragt. „Es gibt Weltkrisen, weil es an Heiligen fehlt“, analysierte schon vor Jahrzehnten der heilige Josefmaria Escriva, Gründer des „Opus Dei“. Wenn damit Menschen gemeint sind, die sich mit Haut und Haar, aber ganz unverkrampft, kämpferisch und gelassen zugleich, verständnisvoll und mit viel Geduld einem Anliegen verschreiben und für eine Botschaft brennen, dann kann man diese auch in der katholischen Kirche schon fast mit der Lupe suchen. Leider auch bei dem führenden Bodenpersonal, das vielfach seine Leuchtturmfunktion in den Zeitgeistnebeln abzudimmen sucht. Akzeptanz in Staat und Gesellschaft zu finden scheint wichtiger, als Orientierung zu bieten. Jedenfalls verfestigt sich der Eindruck, dass jetzt auch die katholische Kirche als letzte bislang dem Zeitgeist widerstehende Institution sich zunehmend auf Macht-, Struktur- und prozessuale Fragen konzentriert.

    Die Foren des Synodalen Wegs mit Themenschwerpunkten wie „Macht“ oder „die Rolle der Frau in der Kirche“ atmen die Aura von Parteiausschüssen.Spiegelbildlich zur fast schon absurd antiquierten Titulierung des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“

    finden sich auch hier viele noch immer nicht ganz angekommene 68er Jahrgänge aus der politischen Arena ein. Beflissen wird in den Zeitgeisttempeln innerweltlich ausgerichteter Ideologien und auf den Wühltischen aller möglichen gnostischen Heilslehren gehamstert, um auf keinen Fall den Anschluss an den rettenden Mainstream ganz zu verpassen. Voll Wetteifer wird eine ehemals katholische Position nach der anderen, von der Sexualethik bis zur Genderideologie rundgeschliffen, bis sie nahtlos in den aktuellen gesellschaftlichen Wertekanon passt.

    „Professionalität ohne Authentizität aber kommt saft- und kraftlos daher“

    Doch diese Form von Professionalität verkapselt sich in einer zunehmend autistisch anmutenden Binnenwelt, der immer mehr Ausstrahlungskraft abhandenkommt. Zutiefst geschockt von den furchtbaren Missbrauchstaten von Priestern und frustriert von den Vertuschungen in manchen Bistümern schlingert die deutsche katholische Kirche, unfähig, sich aus der Abhängigkeit von staatskirchenrechtlicher Steuerfinanzierung zu befreien, im Kielwasser des Protestantismus. Doch dieses Rennen zwischen Hase und Igel ist aussichtslos; denn wo der Synodale Weg jetzt hinläuft, da ist die evangelische Kirche schon lange angekommen. Deren Erfolgsmodell verheißt zudem nichts Gutes: Die evangelische Kirche verzeichnet noch mehr Austritte als die katholische und klagt ebenfalls über Nachwuchsprobleme bei der Geistlichkeit.

    Professionalität ohne Authentizität aber kommt saft- und kraftlos daher. Unglaubwürdig obendrein. Statt ein Skandalon, ein Stein des Anstoßes, zu sein, will man nun tunlichst jeden Skandal vermeiden. Dabei ist jede Form sexueller Gewalt nichts weniger als die Missachtung der katholischen Sexualmoral. Es sind die denkbar krassesten Verstöße gegen alle Werte der katholischen Liebes- und Sexualethik. Deren Gebote erscheinen zwar in einer libertären Welt geradezu anachronistisch; doch zugleich sind sie Ideale, die in einer an abnehmender Bindungsfähigkeit und zunehmender Egozentriertheit leidenden Gesellschaft zum Nachdenken über den Sinn des Lebens und die Sprache der Liebe anregen.

    Wohl zu keiner Zeit haben Menschen es geschafft, durchweg „reinen Herzens“ und ohne Gier und Begierde miteinander in vollkommener Liebe und treuer Hingabe umzugehen; doch sollte dies verleiten, die hohen Ideale der Liebe über Bord zu werfen und das eigene Wollen nicht mehr zu hinterfragen, um sich stattdessen willfährig einem vermeintlich im rein Biologischen begründeten Wollen hinzugeben? Macht nicht die ethische Differenz zwischen einem göttlich zum Besten des Menschen empfohlenen Sollen und dem menschlich empfundenen Wollen jene Freiheit aus, die nach Wissen um die Grundlagen und Ziele allen Handelns verlangt und so ein Gewissensurteil ermöglicht? Wenn Gott von einem jeden Menschen träumt, dann denkt er noch größer als ein Michelangelo, der in einem unbearbeiteten Marmorblock bereits die Skulptur der Pieta erblickte.

    Die Kirche ist göttliche Stiftung, am und vom Kreuz herab. Die Apostel und als deren „Fels“ Simon Petrus und dessen Nachfolger wurden zu Treuhändern berufen. Durch die Jahrhunderte war und ist es ihnen aufgegeben, getreu dem Stifterwillen das reiche Glaubensgut zu entfalten, aber auch in seiner Substanz zu bewahren.Die offenbarten Schriften zuverlässig zu interpretieren – und nicht in Genderdeutsch umzuformatieren und zeitgeist- und mundgerecht zu servieren.

    Im Gegensatz zum Politischen ist die Kirche zwar in, aber nicht von der Welt und weist über die Welt hinaus. Manche Politiker, die auch gern Kirchenpolitik betreiben, scheinen sich darüber wenig im Klaren zu sein. Bevollmächtigte können Vollmachten vertiefen; aber nur der Vollmachtgeber selbst kann sie erweitern oder verkürzen. Die Kirche und ihre Kultur, die Verwirklichung und Pflege der im von Gott geschaffenen Menschsein begründeten Werte, tragen das Samenkorn der Erkenntnis und der Zustimmung der Menschen in sich; sie benötigen aber nicht die Zustimmung der Welt. Sie immer wieder zu reformieren bedeutet nicht, ein komplett neues Betriebssystem zu installieren, sondern ihre immerwährende Grundform immer wieder sichtbar zu machen. Als Licht in der Finsternis.

    Vernunft und Glaube, Wissenschaft und Religion gehören dabei untrennbar zusammen. Nur eine realistische Betrachtung der Welt und des Menschseins ist die Basis, auf der der geoffenbarte Glaube seinen vollen Reichtum entfalten kann. Über die Kernsubstanz, wie diese im Glaubensbekenntnis zusammengefasst, im Gebet des „Vater unser“ lyrisch komponiert, mit den Zehn Geboten fundiert und in den Sakramenten als heilbringende Zeichen des Wirkens Gottes implementiert worden ist, bis hin zu dem wärmenden Mantel des „Ave Maria“, der Perlenschnur des Rosenkranzes und der freundschaftlichen Verbindung mit allen uns vorangegangenen Heiligen sowie den Engeln reicht der Schatz an Riten, Ritualen und Festen, die alle Jahre des Lebens Gott im eigenen Leben präsent machen. Die Berufung jedes Katholiken ist, Zeugen des Glaubens durch das persönliche Zeugnis zu sein. Nur das überzeugt und lässt neue Früchte wachsen. Reichlich.

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