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    Bad Salzdetfurth

    Das gnostische Trauma überwinden

    Als eine Art synodaler Weg der Besserwisser begleitet die Gnosis die Geschichte der Kirche. Es wird Zeit für eine Unterscheidung.

    Damien Hirst, Gnosis,
    Auch Künstler wie Damien Hirst, der 2018 in London unter dem Titel"Gnosis" Mandalas präsentierte, zieht die Gnosis gefäh... Foto: Imago Images

    Der gefährlichste Widersacher der Kirche kommt aus den eigenen Reihen. Er stellt die Dogmen, die Liturgie, das Frauenbild und das männliche Priestertum unter den Generalverdacht einer Verfälschung des wahren Evangeliums. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht: Er weiß sich im Besitz der Wahrheit. Er hat den Durchblick. Er ist erwacht, während andere noch schlafen. Dieser Widersacher ist die Gnosis. Gnosis bedeutet Wissen. Ihr gegenüber hat schon Paulus gesagt: „Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.“ (1. Korinther 8, 2)

    Als eine Art synodaler Weg der Besserwisser begleitet die Gnosis die Geschichte der Kirche von ihren Ursprüngen durch die Ketzerbewegungen und Häresien. Der Wissende diskutiert nicht, sondern stellt Forderungen. Der Erwachte weiß alles besser. Er fühlt sich überlegen und erwählt, weil er den göttlichen Funken und das höhere Selbst in sich trägt. Er verhandelt nicht mit der Hierarchie. Er will ihre Bastionen schleifen. „Das gnostische Trauma der ersten nachchristlichen Jahrhunderte liegt tiefer als das der blutigen Verfolgungen“, weiß Hans Blumenberg („Säkularisierung und Selbstbehauptung“).

    Eine esoterische Aura

    Die Geschichte der Gnosis ist von Ferdinand Christian Baur über Hans Jonas bis zu dem Leipziger Religionswissenschaftler Kurt Rudolph oft erzählt worden. Zur esoterischen Aura gnostischer Lehren trug die Lage der Überlieferung erheblich bei. Bis zu den koptischen Funden von Nag Hammadi (1945/46) waren gnostische Texte nur als Zitate in den Schriften ihrer kirchlichen Gegner greifbar: Irenäus von Lyon, Clemens von Alexandrien oder Hippolyt von Rom. Bei Hippolyt findet sich jene Summe existenzieller Fragen, auf die der Gnostiker die Antwort weiß: „Wer waren wir? Wer sind wir geworden? Wo waren wir? Wohin sind wir geworfen? Wohin eilen wir? Wovon sind wir befreit? Was ist Geburt? Was ist Wiedergeburt?“

    Wie die antike Gnosis sind auch ihre heutigen Formen eine Selbsterlösungsreligion. In ihrer christlichen Variante lehrte sie zwei Götter: den unvollkommenen Demiurgen des Alten Testaments und den Erlöser des Neuen Testaments. Die Welt erkannte sie als eine „verfehlte Schöpfung“,wie noch im 20. Jahrhundert der Gnostiker Emile M. Cioran betonte. Nur die Erwählten, die in sich den göttlichen Funken (Pneuma) trugen, konnten aus ihr erlöst werden. Christus war in die verfehlte Schöpfung gekommen, um die versprengten göttlichen Funken zu erwecken und aus dem Gefängnis der Welt zu befreien. Der Erlöser ist also nicht der Schöpfer der Welt. Er hat auch nicht zwei Naturen, ist nicht wahrer Mensch und wahrer Gott. Natürlich hat Christus am Kreuz nicht gelitten. Die Kreuzigung war eine Täuschung. Nur ein Scheinleib (Doketismus) wurde gekreuzigt, um den unvollkommenen männlichen Schöpfergott zu täuschen.

    Gnostische Anfragen schärfen die Lehre der Kirche

    Die Gnosis stellte Fragen nach dem Ursprung des Bösen, dem Verhältnis von Schöpfung und Erlösung, der Beziehung von Körper und Geist, der Rolle von Wissen und Glauben, auf die die junge Kirche mit der Bildung des Kanons neutestamentlicher Schriften, der Einheit beider Testamente und den christologischen und trinitarischen Dogmen reagierte. Der gnostische Widerspruch führte also zur Profilierung der kirchlichen Lehre auch gegenüber Marcion, der sämtliche alttestamentlichen Zitate aus einer christlichen Bibel gestrichen wissen wollte und auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Denn der Erlöste kehrt nicht zum Vater zurück, sondern zum unbekannten Gott. „Der Systemwille der Gnosis“, schreibt Blumenberg „hat die sich konsolidierende Großkirche gezwungen, sich zu dogmatisieren.“

    Durch Blumenberg habe ich während meines Münsteraner Studiums Marcion und die Gnosis kennengelernt. Er sprach von dem Einfluss der Manichäer auf die Theologie des heiligen Augustinus und von der modernen liberalen Theologie Adolf von Harnacks in der Nachfolge Marcions. Im Seminar von Barbara Aland lasen wir gnostische Texte auf dem Hintergrund der Philosophie der Neuplatoniker und Plotins, wir studierten die Textfragmente des Gnostikers Basilides. Barbara Aland hatte sich in der Gnosis-Forschung profiliert und arbeitete an der Herausgabe der Festschrift für den Gnosisforscher Hans Jonas. Wegen ihrer zahlreichen weiblichen Gestalten (Archonten) galt die Gnosis damals als Domäne der Frauenforschung um Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler-Fiorenza.

    „Ein anerkannter Meister der Tibetologie
    und Mongolistik und vieler anderer Disziplinen“

    Das Gnosis-Seminar lockte Gelehrte aus fremden Disziplinen an, darunter einen Kenner der heiligen Texte Tibets. Er saß barfuß in der Universitätsbibliothek, gebeugt über mir unbekannte Texte in geheimnisvoller Schrift. Seine langen schwarzen Haare hatte er mit einer Wäscheklammer hochgesteckt. Wenn er den Mund öffnete, blitzten goldene Zähne. Er war gewiss ein anerkannter Meister der Tibetologie und Mongolistik und vieler anderer Disziplinen, denn er sprach in einer belehrenden Weise, die keinen Widerspruch duldete. Wir verstanden diesen Meister vom Dach der Welt nicht. Doch ahnten wir etwas von der weltweiten Wirkung gnostischer Gedanken.

    Die goldene Spur! So nennt Hermann Hesse den „göttlichen Funken“ oder das „höhere Selbst“ in seinem Roman „Demian“ (1919). In ihm steht der gnostische Gott Abraxas im Mittelpunkt. Dass die Gnosis als unterirdische Strömung bis in die Gegenwart fließt, entdeckte ich in jenen Jahren, als ich mein erstes Buch über Hermann Hesse und die Gnosis schrieb. In einer Lebenskrise fand Hesse Hilfe bei Carl Gustav Jung und seinem Schüler Josef Bernhard Lang. Der „Demian“ erzählt von einem gnostischen Initiationsweg der Selbsterlösung als radikale Abkehr von der kirchlichen Sozialisation.

    Lebensgefühle der Gnostiker definieren die „Wahrheit“

    Gnostisches Lebensgefühl wird hier eindrücklich als Umwertung christlicher Werte beschrieben. Aus der Schlange als Symbol des Bösen wird ein Held des Widerstandes gegen die kirchliche Lehre. Nicht der Schächer zur Rechten des Gekreuzigten gilt als Vorbild, sondern der in seiner Rebellion verharrende Verbrecher zur Linken. Die von Hesse beschriebene gnostische Spiritualität bedient sich selektiv außerchristlicher Überlieferungen. Wahr ist, was dem eigenen Lebensgefühl entspricht. Das Ich und seine Erlösung ist Mittelpunkt der gnostischen Welt.

    Die Gnosis wurzelt letztlich in einer tiefen Vertrauenskrise, nicht nur gegenüber der Tradition, sondern der Welt. Sie wird nicht als Kosmos, sondern als Chaos erfahren. Der Gnostiker lebt im Zustand des Alarmismus, sieht überall Bedrohung, Sünde, Verführung, Missbrauch. In klassisch dualistischer Weise teilt er die Menschen in Erwählte und Verworfene. Seine Gegner diffamiert er als rückständig oder rechts.

    Das Kreuz, Zeichen der Erlösung, ist Mitte des Glaubens

    „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“, lautet ein Herrenwort (Johannes 16, 33). Für den Gnostiker war das Kreuz Christi immer nur Theater, weil Teil eines Täuschungsmanövers des Demiurgen. Das Paradox von Allmacht und Ohnmacht am Kreuz kann der Gnostiker nicht ertragen. Er sieht im Kreuz kein Heil. Deshalb bedeutet ihm auch die durch einen Priester vollzogene Eucharistie nichts. Der Gnostiker will ein Erinnerungsmahl an die göttliche Substanz der unsterblichen Seele. Das verleugnete Kreuz ist der Kern aller kirchlichen Krisen der Gegenwart. Der Gnostiker trennt den Gott der Liebe von dem Gott des Leidens. Krankheit, Sterben und Tod sind ihm das Widergöttliche schlechthin. Deshalb kann er die „Krone des Lebens“ (corona vitae), von der die Märtyrerakten sprechen, nicht sehen. Das Kreuz als Zeichen der Erlösung ist die Mitte des christlichen Glaubens. Es wird Zeit, dass sich die Kirche gerade in der Krise wieder auf diese Mitte konzentriert.

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