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    Osnabrück

    Das Drama der Abtreibung bleibt eine Last für eine Gesellschaft

    Robert Spaemann hat das Lebensrecht der ungeborenen Kinder verteidigt wie kein anderer Philosoph in Deutschland. Jede Mitwirkung an ihrer Tötung hat er immer scharf verurteilt. Es gäbe Taten für die Christen keine Hände haben dürften, so Spaemann. (Bioethikserie Teil 2)

    • Der neuzeitliche Staat zieht seine Legitimität aus seiner Schutzfunktion für das Leben. 
    • Die Not einer Frau durch eine ungewollte Schwangerschaft wird nicht durch Tötung eines Menschen behoben.
    • Die Kirche hat unbedingt Zeugnis für das Leben zu geben. Darum kann sie keine Beratungsscheine ausstellen

    Teil 1 dieser Serie lesen Sie hier.

    Rechtsnormen

    Die rechtliche Regelung der Abtreibung ist für Spaemann wie die assistierte Reproduktion Symptom eines Trends der modernen Zivilisation, „alles technisch in den Griff zu nehmen, auch das menschliche Leben selbst“. Gegen diesen Trend Widerstand zu leisten, sei ein Gebot des Rechtsstaates. Alle Humanität hänge von einem solchen Widerstand ab. Widerstand leistete Spaemann schon gegen die Reformen des § 218 StGB von 1974 und 1976 und dann erneut gegen die Reformen von 1992 und 1995. Die Reform von 1974 hatte eine Fristenregelung vorgesehen. Eine Abtreibung sollte in den ersten 12 Wochen einer Schwangerschaft nicht strafbar sein. Diese Reform wurde vom Bundesverfassungsgericht 1975 als verfassungswidrig verworfen. Spaemann opponierte im Vorfeld dieser Reform: „Die Fristenlösung würde erstmalig seit 1949 (…) die Legitimität des Staates in ihren Grundlagen antasten. Die Legitimität des neuzeitlichen Staates gründet in erster Linie auf seiner Schutzfunktion für das Leben.“ In der gleichzeitig eingeführten eugenischen Indikation sah er den ersten Schritt zur Euthanasie.

    Indikation und Beratung

    Die Reform von 1976 hatte statt der Fristenregelung eine Indikationenregelung eingeführt und vor einer straffreien Abtreibung eine doppelte Beratung verlangt: eine Indikationsfeststellung durch einen Arzt und eine soziale Beratung, die auch von den Kirchen angeboten wurde. Spaemann führte für seine Kritik an dieser Regelung folgende Gründe an.

    Erstens: Das Kind sei nicht Teil der Mutter, sondern ein selbstständiges Leben, eine Person mit eigenen Rechten. Gerade die Retortenproduktion von Embryonen habe gezeigt, „dass der Embryo offensichtlich ein selbstständiges Leben hat“, eine Abtreibung also ein Straftatbestand bleibe.

    Zweitens: Die Selbstbestimmung des Menschen finde ihre Grenze an der Existenz des anderen Menschen. Der Augenblick der Selbstbestimmung liege „nicht nach der Zeugung, sondern vor ihr“.

    Drittens: Der Not, in die eine Frau durch eine ungewollte Schwangerschaft geraten kann, müsse zwar abgeholfen werden, aber ihr dürfe „nicht jene Erniedrigung der Menschenwürde hinzugefügt werden“, die darin bestehe, dass man ihr zubilligt, „Tötung als mögliche Alternative in Betracht zu ziehen“. Das Wesen, um das es sich hier handle, sei „ein Mensch, es wird nicht erst Mensch“.

    Viertens: Die soziale Indikation bleibe eine „Schande für den Sozialstaat“, weil der Staat damit erklärt, „er könne der Mutter keine zumutbare Alternative zur Tötung bieten“.

    Fünftens: Dem Strafrecht komme in säkularisierten Gesellschaften eine sittenbildende Wirkung zu. Gerade die Forderung nach einer Kriminalisierung der Vergewaltigung in der Ehe bediene sich immer dieses Arguments.

    Sechstens: Die obligatorische Beratung habe einen korrumpierenden Effekt. Die Ausstellung der Beratungsbescheinigung, die keinem anderen Zweck als dem der Abtreibung dient, stelle „eine reale Mitwirkung (cooperatio formalis) bei der Tötung Ungeborener dar“. Sie mache die Kirchen „ungewollt zu Komplizen der Abtreibungsorganisation“.

    Spaemanns Kritik an der Beratungsregelung von 1976 galt unvermindert auch für die Beratungsregelungen von 1992 und 1995, die nicht das Lebensrecht des Kindes, sondern die Entscheidungsfreiheit der Frau schützen wollten. Schon zu Beginn der Debatte über den Paradigmenwechsel kritisierte Spaemann, dass die Schwangere zwar zum Aufsuchen einer Beratungsstelle gesetzlich verpflichtet werden sollte, nicht aber dazu, das Leben ihres Kindes zu respektieren. „Im Unterschied zu einem Abtreibungsverbot“ sei „eine Beratungspflicht für Abtreibungswillige eine Entmündigung“. In einer Kontroverse mit dem Mainzer Moraltheologen Johannes Reiter in der Zeitschrift „Communio“ begründete Spaemann 1992 erneut seine Kritik an der kirchlichen Mitwirkung in der Schwangerschaftskonfliktberatung.

     

     

    Die Bescheinigung diene nach ihrer inneren Zweckbestimmung (finis operis) der Ermöglichung der Abtreibung, obgleich sie in der Absicht des Handelnden (finis operantis) das Lockmittel für den Besuch der Beratungsstelle sei. Deshalb handle es sich bei der Ausstellung der Bescheinigung um eine unerlaubte cooperatio formalis auch dann, wenn der Aussteller die Abtreibung missbilligt. Während die Moraltheologen und die ihnen folgenden Bischöfe die cooperatio formalis lediglich an zwei Kriterien festmachten, am Wesen der Tat – wie der Abtreibung – oder an der inneren Zustimmung zu einer verwerflichen Handlung, ist für Spaemann noch ein drittes Kriterium relevant: der gesetzliche Rahmen, der aus dem Beratungsschein einen Schlüssel für die Abtreibung macht. Papst Johannes Paul II. folgte in seiner Enzyklika „Evangelium vitae“ 1995, in der er an die „allgemeinen Grundsätze über die Mitwirkung an schlechten Handlungen“ erinnerte, der Linie Spaemanns. Von den Moraltheologen Eberhard Schockenhoff und Josef Schuster wurde die Enzyklika deshalb heftig kritisiert und als „lex Germaniae“ verurteilt.

    „Im Gewissen verpflichtet“

    Die Reform von 1995 führte innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland zu einem heftigen Konflikt, in dem Robert Spaemann eine bedeutende Rolle zukam. Eine Mehrheit der deutschen Bischöfe unter Führung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, des Mainzer Bischofs Karl Lehmann, der auch eine Mehrheit des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hinter sich wusste, setzte sich bei der Herbstvollversammlung vom 25. bis 28. September 1995 für eine Fortsetzung der kirchlichen Schwangerschaftskonfliktberatung ein, obwohl Papst Johannes Paul II. am 21. September 1995 noch geschrieben hatte, er fühle sich „im Gewissen verpflichtet“, die Bischöfe an einige Grundsätze zu erinnern, die sie bei der „Neudefinition der kirchlichen Beratungstätigkeit“ beachten sollten.

    Sie sollten die Beratungstätigkeit zwar intensivieren, um den Frauen in Not zu helfen, aber auf jeden Fall so, „dass die Kirche nicht mitschuldig wird an der Tötung unschuldiger Kinder“. Johannes Paul II. gab auch zu verstehen, wo er die Gefahr einer solchen Mitschuld sah: im Beratungsschein, der „nun de facto die alleinige Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung“ geworden sei. Eine Minderheit der deutschen Bischöfe, allen voran Erzbischof Johannes Dyba aus Fulda, und eine Minderheit des ZdK stellten sich in diesem Konflikt hinter Papst Johannes Paul II. und den Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Die Mehrheit verteidigte nicht die katholische Lehre gegenüber dem deutschen Gesetzgeber, sondern das deutsche Abtreibungsstrafrecht gegenüber Rom.

    Kein Beratungsschein

    Der Konflikt, der sich über vier Jahre hinzog, bevor Johannes Paul II. am 19. September 1999 die Kardinäle Sodano und Ratzinger anordnen ließ, die kirchlichen Beratungsstellen in der Schwangerschaftskonfliktberatung dürften den Beratungsschein nicht länger ausstellen, betraf vor allem die Bedeutung des Beratungsscheins. Während Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger in diesem Schein eine unerlaubte Mitwirkung an der Tötung ungeborener Kinder sahen, war der Schein für seine Verteidiger die Dokumentation einer am Lebensschutz orientierten Schwangerschaftskonfliktberatung, durch die das Leben ungeborener Kinder gerettet werde. Von rund 20 000 jährlich in der katholischen Schwangerschaftskonfliktberatung ausgestellten Beratungsscheinen würden rund 5 000 nicht für eine Abtreibung benutzt. Die Kirche würde sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen, wenn sie diese Chance zur Rettung ungeborener Kinder nicht nutzen würde. Ungeachtet der Frage, wie zuverlässig diese Zahlen sind, bedeutete diese Kalkulation, dass die Verteidiger des Scheins die Verwendung der anderen 15 000 Scheine als Tötungslizenzen verdrängten.

    Requiem für Robert Spaemann

    „Die Rettung noch so vieler Leben
    kann nicht aber die absichtliche Tötung
    eines Unschuldigen rechtfertigen.“

    Robert Spaemann

    Spaemann hielt dieser konsequentialistischen Verteidigung des Scheins entgegen, „die Rettung noch so vieler Leben“ könne „zwar das Opfer des eigenen Lebens, nicht aber die absichtliche Tötung eines Unschuldigen rechtfertigen“. Dass die Kirche ohne den Beratungsschein so wenig wie mit dem Beratungsschein alles Unrecht verhindern kann, sei noch keine Schuld. Niemand habe „die Verantwortung für etwas, das ohne sein Zutun geschieht und das er nur verhindern könnte, wenn er etwas täte, das zu tun dem Menschen nicht zusteht“. Wer, wie die katholische Kirche, Abtreibung als verwerflich betrachte, dürfe „nicht Beihilfe zu ihr bieten“. Dieses Unterlassungsgebot sei „von anderer Unbedingtheit als die Pflicht, eine solche Handlung zu verhindern oder zu bekämpfen“. Der Grund für die Ablehnung des Beratungsscheins: Weil die Beratungsregelung „in unentwirrbarer Weise Ja und Nein verknotet, den Lebensschutz durch die Beratung über den Nachweis der Beratung zugleich zum Mittel der Verfügung über menschliches Leben macht“, könne die Kirche nicht mitwirken. Mit diesem Argument folgten Johannes Paul II. und Joseph Kardinal Ratzinger der Argumentation Spaemanns.


    Der Autor ist emeritierter Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Osnabrück

     

    Teil 3 dieser Serie zur Bioethik folgt an gleicher Stelle in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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