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    Zurück zu den eigenen spirituellen Schätzen

    Es ist schon eine paradoxe Situation, in der sich der christliche Glaube heutzutage in Europa befindet: Trotz einer jährlich ansteigenden Flut an theologischer und geistlicher Literatur mit Tausenden von Titeln; einem Wissen über die großen Kirchenväter und -lehrer, über welches die Zeitgenossen der Antike und des Mittelalters äußerst neidisch gewesen wären und einer Kirche, die sich im pastoralen Dauereinsatz darum bemüht, möglichst niederschwellig dem Menschen von heute Glaube und Liturgie schmackhaft zu machen, erlebt das hiesige Christentum einen scheinbar nie gekannten Niedergang der Glaubenspraxis – bis hin zum völligen Glaubensabbruch. Denn trotz immensen vorhandenen theologischen Wissens sind gleichzeitig immer weniger Menschen dazu fähig, diesen Glauben wirklich zu praktizieren oder einfachste Glaubensinhalte zu benennen. Über die tieferliegenden Gründe, warum es trotz theologischer Literaturschwemme und kirchlicher Weltzugewandtheit hierzulande nicht so wirklich klappen will mit der Weiterverbreitung des christlichen Glaubens, wird vielfach spekuliert: Mal ist es der seit den 1960er Jahren sich vollziehende Wertewandel, dann wieder die Hinwendung zu fernöstlichen Religionen und Meditationstechniken oder schließlich die säkular-kapitalistische Konsum- und Zerstreuungskultur, die das Christentum unattraktiv erscheinen lässt. Egal jedoch, worin für den Einzelnen am Ende der ausschlaggebende Punkt besteht, im christlichen Glauben keine Option für das eigene Leben zu sehen: Es muss festgestellt werden, dass dieses in einer Zeit geschieht, in der wir durch die wissenschaftliche Theologie über ein größeres theoretisches Glaubenswissen verfügen als noch unsere viel intensiver praktizierenden Vorfahren.

    Pope Francis' Angelus Prayer
    Gut für das persönliche spirituelle Wachstum: Die römisch-katholische Kirche hilft ihren Gläubigen, „altehrwürdige chris... Foto: dpa

    Es ist schon eine paradoxe Situation, in der sich der christliche Glaube heutzutage in Europa befindet: Trotz einer jährlich ansteigenden Flut an theologischer und geistlicher Literatur mit Tausenden von Titeln; einem Wissen über die großen Kirchenväter und -lehrer, über welches die Zeitgenossen der Antike und des Mittelalters äußerst neidisch gewesen wären und einer Kirche, die sich im pastoralen Dauereinsatz darum bemüht, möglichst niederschwellig dem Menschen von heute Glaube und Liturgie schmackhaft zu machen, erlebt das hiesige Christentum einen scheinbar nie gekannten Niedergang der Glaubenspraxis – bis hin zum völligen Glaubensabbruch. Denn trotz immensen vorhandenen theologischen Wissens sind gleichzeitig immer weniger Menschen dazu fähig, diesen Glauben wirklich zu praktizieren oder einfachste Glaubensinhalte zu benennen. Über die tieferliegenden Gründe, warum es trotz theologischer Literaturschwemme und kirchlicher Weltzugewandtheit hierzulande nicht so wirklich klappen will mit der Weiterverbreitung des christlichen Glaubens, wird vielfach spekuliert: Mal ist es der seit den 1960er Jahren sich vollziehende Wertewandel, dann wieder die Hinwendung zu fernöstlichen Religionen und Meditationstechniken oder schließlich die säkular-kapitalistische Konsum- und Zerstreuungskultur, die das Christentum unattraktiv erscheinen lässt. Egal jedoch, worin für den Einzelnen am Ende der ausschlaggebende Punkt besteht, im christlichen Glauben keine Option für das eigene Leben zu sehen: Es muss festgestellt werden, dass dieses in einer Zeit geschieht, in der wir durch die wissenschaftliche Theologie über ein größeres theoretisches Glaubenswissen verfügen als noch unsere viel intensiver praktizierenden Vorfahren.

    Warum führt mehr Glaubenswissen nicht automatisch zu mehr Glauben? Eine Antwort hierauf gibt möglicherweise der alte, auf den hl. Prosper von Aquitanien (circa 390–450) zurückgehende Ausspruch „lex orandi – lex credendi“ (lat.: „Das Gesetz des Betens entspricht dem Gesetz des Glaubens“). Will heißen: „Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens; die Kirche glaubt so, wie sie betet.“ (KKK, 1124) „Die Kirche glaubt so, wie sie betet“: Wenn dieser zitierte Satz aus dem Katechismus der Katholischen Kirche stimmt, dann dürfte der eigentliche Niedergang der christlichen Glaubenspraxis nicht ursächlich an einem Mangel an intellektuell- theoretischem Glaubenswissen bestehen.

    Sondern vielmehr in einer massiven Unwissenheit darüber, wie man auf genuin christliche Art und Weise betet, welche spirituellen Schätze die eigene, gesamtkirchliche mystisch-kontemplative Tradition bereithält und wie man diesen aus dem Gebet und den Sakramenten sich speisenden Glauben dann tagtäglich praktiziert. Der durch das persönliche und gemeinschaftlich-liturgische Gebet gestärkte Mensch sieht im Christentum mehr als eine Pflichtethik voller Regeln und Vorschriften oder ausschließlich dessen caritativ-soziale Dimension. Sondern erfährt, dass am Anfang des christlichen Glaubens, wie Benedikt XVI. es in seiner Antrittsenzyklika „Deus caritas est“ formuliert hat, „nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee“ (Vgl. Nr. 1) steht, sondern die persönliche Begegnung mit Jesus Christus. Doch wie betet man aus christlicher Perspektive richtig? Eine alte Frage, die in unserer Zeit ebenfalls meist eher auf intellektualistische Art und Weise beantwortet wird. Denn nicht nur Gebetsinhalte oder die Frage, ob persönliches, gemeinschaftliches, inneres oder kontemplatives Gebet das eigentliche Gebet aus christlicher Perspektive darstellen (nach Meinung des Verfassers lassen sich diese Gebetsweisen nicht gegeneinander ausspielen, sondern bedingen einander) sind für die Art und Weise des richtigen christlichen Gebets von Belang – sondern auch Fragen der inneren und äußeren Gebetshaltung sind nachweisbar von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

    Als Reaktion auf den allgegenwärtigen Einbruch der Glaubens- und Gebetspraxis im westlichen Christentum veröffentlichte deshalb beispielsweise die Glaubenskongregation bereits vor knapp dreißig Jahren im September 1989 das auch heute noch sehr lesenswerte Schreiben „Orationis formas“ („Über einige Aspekte der christlichen Meditation“). Das unter Federführung von Joseph Kardinal Ratzinger entstandene Schreiben machte keinen Hehl daraus, dass sowohl meditative Übungen sowie Gebete nur wirklich dann als christlich betrachtet werden können, wenn diese den personalen christlichen Gott im Zentrum haben und gemeinschaftsorientiert bleiben. Gleichzeitig jedoch zeugt das Schreiben von einem großen Verständnis gegenüber denjenigen Gläubigen, die sich aus dem Bedürfnis nach „geistlicher Sammlung und (einem) tief reichende(n) Kontakt mit dem göttlichen Geheimnis“ (vgl. Nr. 1) und in Ermangelung der Kenntnis der eigenen Tradition heraus auch außerchristlichen Gebetsmethoden und Meditationstechniken zugewandt haben: „(E)chte Praktiken der Meditation, die aus dem christlichen Osten und aus den nichtchristlichen Hochreligionen stammen und auf den gespaltenen und orientierungslosen Menschen von heute Anziehungskraft ausüben, (können) ein geeignetes Hilfsmittel für den Betenden darstellen, sogar mitten im äußeren Trubel innerlich entspannt vor Gott zu stehen.“ (Nr. 28)

    Genuin christliche Glaubens- und Gebetspraktiken ins allgemeine Bewusstsein von Gläubigen zu rufen oder diese manchen ihrer eigenen Tradition entfremdeten Christen erstmals bekannt zu machen ist unter anderem das Anliegen des Einsiedlermönches Gabriel Bunge. Bunge, der Anfang der 1960er Jahre unter anderem bei Joseph Ratzinger in Bonn Theologie studierte, lebt seit 1980 als Einsiedlermönch im Schweizer Kanton Tessin. Der 2010 in Moskau zur orthodoxen Kirche konvertierte Bunge ist Experte für das urchristliche Mönchtum und dessen Glaubenspraxis.

    In seinem Buch „Irdene Gefäße. Die Praxis des persönlichen Gebetes nach der Überlieferung der heiligen Väter“ (2017 in einer Neuauflage im Beuroner Kunstverlag erschienen) untersucht Bunge anhand biblischer Aussagen sowie früher Kirchenväter und Schriftsteller wie Clemens von Alexandrien, Origenes, Tertullian, Basilius von Caesarea und „Wüstenvätern“ wie Evagrius Pontikus sowie Johannes Cassian, welche Gebetsweisen und -haltungen die frühen Christen praktiziert haben. Bunges Erkenntnis: Im Altertum wurden vor allem die Psalmen, Klage-, Bitt-, Fürbitte- und Dankgebete gebetet – und zwar fast ausschließlich stehend, mit erhobenen Händen und geöffneten Augen in Richtung Osten, wie es heute noch in orthodoxen und orientalischen Kirchen der Fall ist. Eine sitzende Gebetshaltung mit geschlossenen Augen, wie sie heutzutage im Westen oftmals praktiziert wird, war demnach nicht nur unbekannt, sondern galt auch als vollkommen unbiblisch. Weiter kannte man laut Bunge im antiken Christentum vor allem bei Bittgebeten das Niederknien und Prostationen. Auch gab es bestimmte Orte und Zeiten, an denen in der Antike bevorzugt gebetet wurde. Fazit: Den frühen Christen war es nicht nur wichtig, was man betete, sondern auch wie man betete. Denn Gebete, die in einer äußerlich unzureichenden Form dargebracht werden, erfüllen nicht ihren Zweck. Eine Erkenntnis, die man im gegenwärtig eher nach religiöser Unverbindlichkeit und Formlosigkeit strebenden Westen zunächst wohl eher bei gläubigen Juden, Muslimen oder Buddhisten, nicht jedoch in der eigenen christlichen Tradition vermuten würde. Wer einmal versuchen möchte, „wie die Väter“ zu beten, der erhält in Gabriel Bunges Buch wertvolle Hinweise – beispielsweise bezüglich der Wahl des richtigen Gebetsortes und dessen Einrichtung, der Gebetszeiten sowie der richtigen Weisen und Gesten des Gebetes.

    Ein altkirchliches Gebet, welches Gabriel Bunge ebenfalls gläubigen Christen zur Ergänzung des liturgischen Gebets empfiehlt, ist das „Jesusgebet“. Das aus der Ostkirche stammende Gebet, welches meist in der mantrischen Formel „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“, verbunden mit rhythmischem Ein- und Ausatmen, gebetet wird, wird vor allem seit Jahrhunderten von den Mönchen auf dem Berg Athos praktiziert, aber seit dem Erscheinen des russischen Romans „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ (1870/1910) auch durch orthodoxe Gläubige und ökumenisch interessierte Christen. Katholische Geistliche wie der Jesuitenpater Franz Jalics, P. Emmanuel Jungclaussen von der Benediktinerabtei Niederaltaich und auch der populäre Trappistenmönch Thomas Merton (1915–1968) verbreiteten im 20. Jahrhundert das Gebet innerhalb der katholischen Kirche – und 1992 fand es schließlich auch seinen Eingang in den Katechismus der katholischen Kirche (siehe KKK 430–435 sowie 2666–2668; 2688ff.)

    Man sieht also, dass die katholische Kirche bereits seit geraumer Zeit es ihren eigenen Gläubigen auf vielfältige Art und Weise ermöglicht, altehrwürdige christliche Glaubens- und Gebetsformen aus Ost und West kennenzulernen und so die persönliche Spiritualität zu bereichern. Um richtig glauben zu können muss man nämlich erst einmal richtig beten lernen – in Gesten, Formen, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Denn, so sagt die Kirche: „Die Kirche glaubt so, wie sie betet“. Oder – um es salopper auszudrücken: „Sage mir, wie du betest und ich sage, dir wie du glaubst.“

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