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    Zerrissene Zeiten, zerstörte Gefühle

    „Ich bin ein vorsichtiger und aggressiver Optimist. (…) Keine der Seiten hat recht oder unrecht. Es ist eine komplexe Situation, in der keine Seite schuldlos ist.“ (Micha Bar-Am) Was der 1930 in Berlin geborene israelische Fotograf Micha Bar-Am zu Beginn des dokumentarischen Erzählbandes „Mein Israel“ sagt, könnte als Motto über allen israelischen Neuerscheinungen des Frühjahrs schweben, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Die brisante politische Situation im Land mit der immer wieder aufflackernden Gewalt prägt nicht nur seit Jahrzehnten das Alltagsleben aller Bewohner, sie durchzieht sämtliche äußeren und inneren Lebensbereiche und findet ihren Niederschlag am deutlichsten in der Literatur.

    Wohl der bekannteste israelische Schriftsteller, dessen Bücher auf der Leipziger Buchmesse vertreten sind: Amos Oz. Foto: dpa

    „Ich bin ein vorsichtiger und aggressiver Optimist. (…) Keine der Seiten hat recht oder unrecht. Es ist eine komplexe Situation, in der keine Seite schuldlos ist.“ (Micha Bar-Am) Was der 1930 in Berlin geborene israelische Fotograf Micha Bar-Am zu Beginn des dokumentarischen Erzählbandes „Mein Israel“ sagt, könnte als Motto über allen israelischen Neuerscheinungen des Frühjahrs schweben, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Die brisante politische Situation im Land mit der immer wieder aufflackernden Gewalt prägt nicht nur seit Jahrzehnten das Alltagsleben aller Bewohner, sie durchzieht sämtliche äußeren und inneren Lebensbereiche und findet ihren Niederschlag am deutlichsten in der Literatur.

    „Mein Israel“, herausgegeben und aufgeschrieben von dem deutsch-iranischen (nichtjüdischen) Fotografen Ali Ghandtschi, lässt moderat religiöse, orthodoxe und säkulare Juden, Zionisten und palästinensische Israelis aller Generationen zu Wort kommen. Der Herausgeber bat sie, von ihrer Kindheit zu erzählen und stellt die Beiträge hintereinander, ohne sie zu kommentieren. Aus diesen sehr persönlichen Einzelbildern entsteht das Gesamtpanorama eines Landes, das wie kein anderes jeden Einzelnen täglich aufs Neue herausfordert, sich zu stellen, zu bekennen und durchzuhalten – oder die Heimat zu verlassen, was der 2013 verstorbene Schriftsteller Yoram Kaniuk präzisiert: „(…) es gibt tausend Gründe, von hier wegzugehen. Trotzdem gibt es hier etwas Magisches.“

    Die physischen und psychischen Belastungen der permanenten Bedrohung sind immens, jede Generation musste und muss Krieg und Gewalt erfahren in einem Land, das doch Schutz und Geborgenheit vor Verfolgung bieten sollte. Es sind zum Teil sehr bewegende Schicksale, die die eigene Perspektive in Frage stellen und den Blick auf Israel erweitern und verändern. (Ali Ghandtschi (Hrsg.): Mein Israel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 158 Seiten, mit 32 Farbfotografien des Autors, EUR 15,00)

    Die allgegenwärtige Politik bestimmt auch die Fiktion, alle Romane setzen sich mit der Geschichte Israels und den darin verwobenen eigenen familiären Umständen auseinander.

    Claire Hajaj, 1973 als Tochter einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters in London geboren, verkörpert den Konflikt des Landes in persona und versucht in ihrem Debütroman „Ismaels Orangen“ anhand der persönlichen Familiengeschichte der Frage auf den Grund zu gehen, wie brodelnder Hass entsteht und jeder folgenden Generation als Erbe auferlegt wird.

    1948. Salim Al-Ismaeli, der siebenjährige Sohn eines wohlhabenden palästinensischen Orangenzüchters, erlebt in Jaffa Krieg und Vertreibung aus seinem Paradies. Zur selben Zeit wächst Judith als Tochter von Holocaust-Überlebenden in England auf, belastet von der Hypothek Auschwitz, die sie gerne hinter sich lassen würde, um ein ganz normales Leben zu führen wie ihre Schulkameradinnen. Ein dichter Roman, der zurückführt in die Zeit der britischen Mandatsverwaltung und des Verlassens der letzten britischen Streitkräfte im Mai 1948, in deren Folge David Ben Gurion die Unabhängigkeit Israels erklärte, was umgehend Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien zur Kriegserklärung gegen den jungen Staat bewog und so dem Leser noch einmal die Ausgangssituation des bis heute andauernden Konflikts vor Augen führt. Kann Liebe wachsen, wo Hass gesät wird? (Claire Hajaj: Ismaels Orangen, Übersetzung aus dem Englischen von Karin Dufner, Blanvalet Verlag, München 2015, 448 Seiten, EUR 19,99)

    Der 1948 in Israel geborene Romancier Meir Shalev hat nach seinem letzten 2010 erschienenen Lesebuch „Aller Anfang“, das sich mit Akribie und tiefsinniger Komik den „ersten Malen“ in der Bibel widmet – dem ersten Lachen, dem ersten Traum, der ersten Liebe et cetera, und uns das Buch der Bücher ganz neu lesen lässt, wieder einen Roman geschrieben.

    „Zwei Bärinnen“ erzählt von Leidenschaft und Untreue, von Verlust, Rache und deren Sühne und geht zurück in das Jahr 1930, als in einem Dorf im Norden Palästinas drei Bauern Selbstmord begingen – hieß es. Doch tatsächlich wurde einer der drei ermordet, und alle im Dorf wussten davon. Und einige haben ihr Wissen weitergegeben unter dem Siegel der Verschwiegenheit, bis es in der heutigen Generation angelangt ist. So kennt auch Ruta Tavori, 40-jährige Lehrerin am Gymnasium, das dunkle Geheimnis, das ihre Familie über Jahrzehnte hinweg belastet hat und möchte sich davon befreien, indem sie es erzählt. Es ist die Geschichte ihres Großvaters, der einen Mord aus Eifersucht beging, dem ein noch schlimmeres Verbrechen folgen sollte. Nach unseren Maßstäben ist der Mann ein Verbrecher, dieser Patriarch jedoch ist eine archaische mythische Gestalt, für die andere Regeln gelten, die alttestamentarischen Gesetze des Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dass daraus für gewöhnlich nichts Gutes entsteht, sondern der Fluch sich fortpflanzt in die nächsten Generationen, daran wird Israel tagtäglich erinnert. Auch Ruta ist vom Fluch der Familie eingeholt worden, sie verliert ihren sechsjährigen einzigen Sohn durch einen tödlichen Schlangenbiss. Die böse Tat des Großvaters verfolgt noch die Nachfahren. Kann sie gesühnt werden? Ja, erfahren wir ganz am Ende des großartigen Romans.

    Meir Shalevs Werke basieren sehr häufig auf der Bibel. Er bezeichnet sich selbst als nichtgläubigen Juden, der Gottes Wege nicht zu erkennen vermag. Dafür beschreibt er sie aber mit unbändiger, kenntnis- und symbolreicher Lust am Fabulieren. Und er weiß genau, wie sehr sein Land mit dem Alten Testament verbunden ist, auf dessen Grundlage es letztlich erbaut wurde. (Meir Shalev: Zwei Bärinnen, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes Verlag, Zürich 2014, 457 Seiten, EUR 22,90)

    Winter 1959/60: Schmuel Asch muss sein Studium abbrechen, weil die Eltern finanziell ruiniert sind, seine Freundin heiratet einen anderen. In seiner verzweifelten Lage nimmt er gegen Kost und Logis eine Stellung bei einem alten, körperlich behinderten, aber geistig äußerst regen Mann namens Gershom Wald in einem verwunschenen Haus in Jerusalem an. Der 70-jährige Herr lebt dort nur mit seiner schönen verschlossenen Schwiegertochter Atalja Abrabanel. Schmuels Arbeit verpflichtet ihn zum abendlichen Diskutieren mit seinem Gastgeber und zu absolutem Stillschweigen darüber. So beginnt Amos Oz' neuer Roman „Judas“, in der Übersetzung von Mirjam Pressler, die den Leipziger Buchpreis in der Sparte Übersetzungen erhält.

    Der 1939 in Jerusalem geborene bekannteste Autor Israels lässt die beiden Männer in ihren Streitgesprächen um alle zum damaligen Zeitpunkt brennenden Themen kreisen – um die Staatsgründung Israels, Ben Gurion und seinen früheren Mitkämpfer und späteren Widersacher Schealtiel Abrabanel, den Vater von Atalja. Und natürlich um die Frage, ob und wie der jüdisch-palästinensische Konflikt gelöst werden kann.

    Schmuels bereits begonnene Magisterarbeit zum Thema „Jesus in den Augen der Juden“ lässt ihn nicht los und wird auch zum Gegenstand der abendlichen Diskussionen, vor allem die Rolle des Judas, dem Schmuels kühne Sichtweise eine völlig neue Rolle zuweist – Judas Ischariot ist für ihn der Begründer des Christentums und nicht dessen größter Feind. Der glühendste Jünger habe Jesus ans Kreuz geliefert, weil er glaubte, in dessen Sinne zu handeln: ohne Kreuzigung kein Christentum. Ist so jemand ein Verräter? Ausführlich wird die These untermauert und begründet. Der Verrat ist ein großes Thema in Oz' Roman – wie auch in seinem Leben, der Schriftsteller wurde immer wieder als Verräter beschimpft, weil er sich für eine friedliche Lösung zwischen Juden und Palästinensern einsetzt und für einen Wandel im Denken. Krieg erzeugt immer neue Gewalt, auch das wird diskutiert, und Schmuel findet heraus, dass Micha, der Sohn von Gershom Wald und Mann von Atalja, im Krieg von 1948 getötet und brutal verstümmelt wurde.

    Es ist ein Roman der Einsamkeit, der Verlorenheit aller drei Protagonisten, und so kann es auch kein Happy End geben, nicht für den jungen Mann und die reife Witwe, in die er sich notwendigerweise verlieben muss, nicht für den streitlustigen und gleichzeitig abgrundtief traurigen alten Herrn – aber doch ein hoffnungsvolles: Schmuel verlässt das Trauerhaus nach einigen Monaten wieder und fährt mit dem Bus in die Wüste Negev, um, innerlich gefestigt, ein neues Leben zu beginnen.

    Ein brillant funkelndes Werk hat uns Amos Oz geschenkt, ein zutiefst menschliches dazu. Der Schriftsteller ist immer wieder im Gespräch für den Literaturnobelpreis. Es wäre an der Zeit. (Amos Oz: Judas, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 335 Seiten, EUR 22,95)