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    Zeitgeistige Umdeutung einer Konversion

    Der Fernsehfilm „Ein weites Herz“ verfilmt das Leben der Isa Vermehren von ihrer Zeit als Kabarettistin bis zum Eintritt in den Sacré-Coeur-Orden. Der Untertitel „Schicksalsjahre einer deutschen Familie“ spielt darauf an, dass nicht nur Isa Vermehrens persönliche, sondern auch die Geschichte ihrer Familie in der NS-Zeit mit berücksichtigt wird. Regisseur Thomas Berger lässt den Film mit einer Examensfeier beginnen: Isa (Nadja Uhl) provoziert mit einem satirischen Lied auf die Nazis, sodass ihr trotz bestandener Prüfung der Studienabschluss verweigert wird. Deshalb muss sie ihren Plan, Lehrerin zu werden, aufgeben. Gegen den Willen ihrer Mutter Petra (Iris Berben) setzt sie durch, im politischen Kabarett aufzutreten. Als Sängerin mit Akkordeon feiert sie Bühnenerfolge. Sie verliebt sich in den Pianisten Laurenz (Hinnerk Schönemann). Durch ihren Bruder Erich (Max von Thun) lernt Isa die faszinierende Gräfin Elisabeth von Plettenberg (Peri Baumeister) kennen, die einem katholischen Kreis vorsteht.

    Elisabeth von Plettenberg (Peri Baumeister, rechts) schenkt Isa Vermehren (Nadja Uhl) ein Kreuz. Aus Elisabeths Rolle be... Foto: ZDF/Stefan Erhard

    Der Fernsehfilm „Ein weites Herz“ verfilmt das Leben der Isa Vermehren von ihrer Zeit als Kabarettistin bis zum Eintritt in den Sacré-Coeur-Orden. Der Untertitel „Schicksalsjahre einer deutschen Familie“ spielt darauf an, dass nicht nur Isa Vermehrens persönliche, sondern auch die Geschichte ihrer Familie in der NS-Zeit mit berücksichtigt wird. Regisseur Thomas Berger lässt den Film mit einer Examensfeier beginnen: Isa (Nadja Uhl) provoziert mit einem satirischen Lied auf die Nazis, sodass ihr trotz bestandener Prüfung der Studienabschluss verweigert wird. Deshalb muss sie ihren Plan, Lehrerin zu werden, aufgeben. Gegen den Willen ihrer Mutter Petra (Iris Berben) setzt sie durch, im politischen Kabarett aufzutreten. Als Sängerin mit Akkordeon feiert sie Bühnenerfolge. Sie verliebt sich in den Pianisten Laurenz (Hinnerk Schönemann). Durch ihren Bruder Erich (Max von Thun) lernt Isa die faszinierende Gräfin Elisabeth von Plettenberg (Peri Baumeister) kennen, die einem katholischen Kreis vorsteht.

    Auf die gravierenden historischen Fehler, die allein in diesen ersten Sequenzen enthalten sind, geht Gräfin Gabriele Plettenberg in dieser Ausgabe (siehe Seite 14) ein. Dem Zuschauer dürfte über den unbekümmerten, ja fahrlässigen Umgang mit historischen Fakten hinaus nicht entgehen, dass er sich im Film „Ein weites Herz“ zeitlich kaum orientieren kann: In welchem Jahr soll Isa bei der eingangs erwähnten Examensfeier den Nazis negativ aufgefallen sein? Wann soll sie erstmals im Kabarett aufgetreten sein? Wie alt war sie damals? Wie viel Zeit verstreicht, bis nun offenbar plötzlich der Krieg ausbricht? Dies fällt umso mehr auf, als das ZDF bei solchen historischen Rekonstruktionen peinlich auf die Nachprüfbarkeit der Zeitdaten achtet, so zuletzt im Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (DT vom 16. März). In „Ein weites Herz“ ist nichts nachprüfbar. Nur ein Beispiel: Die Familie Vermehren hat zu keiner Zeit zusammen in Berlin gelebt. Als die 15-jährige (!) Isa zu ihrer Mutter nach Berlin zog und mit (!) deren Einverständnis im Kabarett auftrat, lebten die Eltern bereits getrennt. Jede Dramatisierung eines Lebens führt zwar zu einer gewissen Zuspitzung, weil es Drehbuchautoren dramaturgisch verdichten müssen. Zu einer solchen Verdichtung könnte noch Isas Alter gezählt werden, als sie ihre Karriere als Kabarettistin und Sängerin begann. Oder geschah dies lediglich deshalb, weil die Produktion die Rolle nicht durch zwei verschiedene Schauspielerinnen besetzen wollte, und Nadja Uhl als 15-Jährige kaum glaubwürdig gewirkt hätte?

    Beim Film „Ein weites Herz“ wundert es jedoch, dass unter „Drehbuch“ neben den Autorinnen Annette Hess mit Franziska Gerstenberg und dem Regisseur Thomas Berger noch der Zusatz „nach dem Buch von Matthias Wegner“ angegeben wird. Denn das Bild, das der ZDF-Film von Isa Vermehren zeigt, hat mit dem, was aus Matthias Wegners gleichnamigem Buch hervorgeht, kaum etwas zu tun. Zur zentralen Frage von Isas Konversion zum Katholizismus versucht der Film, Ereignisse festzustellen, die dazu geführt haben könnten: „Als Isa erfährt, dass ihr Vater Kurt (Friedrich von Thun) ihre Mutter Petra betrügt, ist sie erschüttert. Auch das Schicksal von Laurenz, der von den Nazis verschleppt wurde, verunsichert sie. Isa nähert sich auf der Suche nach einem neuen Halt im Leben dem Katholizismus an“, führt der Pressetext dazu aus. Dies steht in krassem Gegensatz zu Isa Vermehrens eigenen Angaben, die Wegner in seinem Buch zitiert: „Immer wieder suchen die Menschen, die sich für mich interessieren, nach den dramatischen Ereignissen, die mich weg von den weltlichen Verführungen in die Arme Gottes getrieben haben: eine unglückselige Liebe, eine durchschlagende Enttäuschung in meiner Karriere als Kabarettistin oder Sängerin. Es gibt diese Brucherfahrungen nicht in meinem Leben.“

    Regisseur Thomas Berger sah sich offenkundig außerstande, Isas inneren Reifeprozess, der sie zur Konversion und später zum Ordenseintritt führte, in Bilder umzusetzen. Die entscheidende Rolle, die Elisabeth von Plettenberg dabei spielte, deutet er sogar als eine lesbische Beziehung um – wieder im Widerspruch zu dem, was Matthias Wegner schreibt: „Isa Vermehren hat oft darauf verwiesen, welche Bedeutung die Begegnung mit Elisabeth Plettenberg für sie hatte, wobei sie weniger deren einnehmendes Wesen meinte als sie spirituelle Leuchtkraft, die verführerische Selbst- und Glaubensgewissheit, die von dieser ausgegangen seien.“ Überhaupt die von Peri Baumeister dargestellte Elisabeth von Plettenberg: Wegners Buch zeichnet sie als eine fest im Glauben stehende junge Frau, die andere zum Glauben führte. Im Film wird dies zwar behauptet, in keinem Augenblick aber verständlich gemacht. Wodurch sich ihr katholischer Glaube ausgedrückt haben soll, bleibt völlig im Dunkeln. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist ihre (Nicht-)Reaktion auf Petra Vermehrens Hasstiraden, nachdem diese vom Konversionsentschluss ihrer Tochter erfahren hat. Dass die „echte“ Elisabeth von Plettenberg auf diese Rede von der „reaktionären Kirche“, in der „Dogmen, Dogmen, Dogmen“ herrschten, keine Antwort gewusst haben soll, ist jedem Leser von Matthias Wegners Buch schlicht unvorstellbar. Der ZDF-Film „Ein weites Herz“ erweist als eine vertane Chance, ein stimmiges filmisches Bild einer der faszinierendsten Frauen des 20. Jahrhunderts zu zeichnen.

    „Ein weites Herz“, Regie: Thomas Berger, Ostermontag, 1.4., 20.15 Uhr, 120 Minuten, ZDF.