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    Woran liegt es?

    Es gibt zu wenig Kinder. Allmählich hat das auch der Letzte begriffen. Aber warum ist das so? Welche Faktoren entscheiden darüber, ob aus einem Paar eine Familie wird? Und was hindert daran, Familie zu gründen? Wird in den familienpolitischen Debatten etwa Wichtiges übersehen?

    Warum werden in Deutschland so wenig Kinder geboren? Ist der Kinderwunsch bei jungen Menschen heute möglicherweise weniger ausgeprägt als in früheren Zeiten? Liegt es daran, dass sich Beruf und Familie nur schwer vereinbaren lassen, wie oft behauptet wird?

    Dieser Frage ging unlängst eine Tagung im Franz-Hitze-Haus in Münster nach. Unter dem Motto „Qualität der Paarbeziehung und Geburtenrate“ wurde die Frage erörtert, ob die familienpolitische Debatte womöglich allzu einseitig den gängigen Ursachenvermutungen folgt und darüber eine zentrale Ursache, nämlich die Qualität der Paarbeziehung als Einflussfaktor auf die Bereitschaft zur Gründung einer Familie, vernachlässige.

    Gesellschaftliche Faktoren und persönliche Einstellungen

    Im Zentrum der Tagung standen familiensoziologische Forschungsergebnisse des Soziologischen Instituts der Universität Heidelberg um Professor Thomas Klein. Dort werden die gängigen Ursachenvermutungen auf ihre Plausibilität und empirische Stichhaltigkeit hin untersucht. Darüber hinaus werden neue Indikatoren entwickelt und miteinander kombiniert. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die entscheidenden Einflussfaktoren eher in der gesellschaftlichen Wirklichkeit oder eher in der Persönlichkeit der Partner zu suchen sind. Sind die eher gesellschaftsbezogenen Argumente plausibler oder die eher persönlichkeitsbezogenen?

    Die gängigen Ursachenvermutungen sind nahezu ausschließlich gesellschaftsbezogen: Der Wertewandel habe eine Lockerung, wenn nicht gar Auflösung von zwischenmenschlichen Bindungen bewirkt und eine Individualisierung der Lebensentwürfe und -vollzüge zur Folge. Daraus resultiere, dass das subjektive Empfinden für die „Opportunitätskosten“ des Kinderhabens gestiegen sei. Mit diesem Unwort wird in der Familiensoziologie der Umstand bezeichnet, dass Kinderhaben zur Rücksichtnahme auf sie verpflichtet, so dass Eltern kleiner Kinder nicht leben können, als hätten sie keine. Manches „geht“ einfach nicht, wenn man kleine Kinder hat. Sie zwingen die (verantwortlichen) Eltern geradezu zu einer Änderung ihres Lebensvollzugs. Dass sie dafür in anderer Hinsicht überreichlich „belohnt“ werden, wird von der „Opportunitätskosten“-These zu wenig berücksichtigt.

    Zu den Folgen des Wertewandels sind auch die dramatisch gestiegenen Scheidungszahlen zu rechnen. So kamen 1970 auf 10 000 Einwohner 15 Scheidungen, 2006 dagegen 40. Erhellend und die Wertewandlungsthese stützend ist auch, dass auf die jüngeren Geburtsjahrgänge erheblich mehr Ehescheidungen kommen als auf die älteren. So waren von den Ehepaaren der Geburtsjahrgänge 1933 bis 1939 nach 9 Ehejahren mit Kindern noch 80 Prozent verheiratet, ohne Kinder jedoch nur noch 18 Prozent. Von den Geburtsjahrgängen 1970 bis 1979 waren nach 9 Ehejahren mit Kindern nur noch 26 Prozent verheiratet und ohne Kinder 22 Prozent. Getrennt hatten sich nach 9 Ehejahren von den Ehepaaren der Jahrgänge 1933 bis 1939 mit Kindern 1 Prozent, ohne Kinder 8 Prozent. Von den Jahrgängen 1970 bis 1979 dagegen hatten sich 5 Prozent mit Kindern und 48 Prozent ohne Kinder wieder getrennt.

    Zu den gesellschaftsbezogenen Ursachen werden ferner verlängerte Ausbildungszeiten und „berufsbiographische Unsicherheiten“ gezählt. Sie führen dazu, dass junge Menschen immer später in ihrer beruflichen Biographie einen Punkt erreichen, an dem sie das Gefühl haben, jetzt könnten sie sich ein Kind „leisten“, wenn sie denn überhaupt einen Kinderwunsch haben. Untersuchungen zeigen, dass der abstrakte Kinderwunsch junger Menschen – etwa der 15-Jährigen – heute kaum geringer ist als in früheren Zeiten. Der konkrete Wunsch und seine Realisierung im „passenden“ Alter bleibt dann weit dahinter zurück. Das führte in der Diskussion zu der zugespitzten Fragestellung, woran es liege, dass vom Kinderwunsch der 15-Jährigen bei den 35-Jährigen nur „Trümmer“ übrigbleiben.

    Die Antwort der Heidelberger Soziologen lautet: Zwar spielt der gesellschaftliche Wandel eine Rolle, aber es gibt keine zwingende Kausalität zwischen dem Wertewandel und der mangelnden Realisierung des durchaus vorhandenen – abstrakten – Kinderwunsches. Entscheidend ist vielmehr, wie sich der Wertewandel auf die Persönlichkeitsentwicklung der Partner und damit auf die Qualität der Paarbeziehung auswirkt. Da infolge der extrem hohen Scheidungsraten das subjektiv wahrgenommene Trennungsrisiko hoch ist, spielt etwa der Gesichtspunkt der Verlässlichkeit eine bedeutend größere Rolle als in früheren Zeiten, wo sie als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt wurde. Veränderungen der partnerschaftsbezogenen Voraussetzungen für die Realisierung des Kinderwunsches haben heute einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Geburtenrate. Diese Voraussetzungen sind immer weniger selbstverständlich. Vielmehr ist eine zunehmende Instabilität der Partnerschaftsbeziehungen zu verzeichnen, wie sie sich insbesondere in den Ehescheidungsziffern zeigt. Sind die partnerschaftsbezogenen Voraussetzungen gegeben, kommt es also zur stabilen, dauerhaften Paarbeziehung, so wird daraus heute nicht seltener eine Familie (Kinder) als bei den Jahrgängen, die in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren wurden.

    Nur noch eine Option unter vielen Lebensentwürfen

    Damit stellt sich die Frage, welche Faktoren darüber entscheiden, ob die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen Partnerschaftsfähigkeit, Familienbereitschaft und Elternfähigkeit ergibt oder nicht. Liegt es am öffentlichen Wandel der Leitbilder? War es vor Jahrzehnten mehr oder weniger selbstverständlich für einen jungen Menschen, dass in seiner Lebensperspektive das spätere Vater- beziehungsweise Muttersein, die Übernahme der Elternrolle also, eine Selbstverständlichkeit darstellte, so ist dies heute weitaus weniger selbstverständlich. Das Vater- beziehungsweise Muttersein ist nur noch eine unter vielen „Optionen“ eines Lebensentwurfs. Viele (verheiratete) Erwachsene zeigen den jungen Menschen, dass es auch ganz anders „geht“. Diese sind – nicht zuletzt aufgrund ihres durch die gewollte Kinderlosigkeit ermöglichten aufwendigen Lebensstils – heute nicht weniger „stilbildend“ als Menschen in der Elternrolle. Unübersehbare Infantilisierungstendenzen in unserer Gesellschaft – etwa das krampfhafte Besorgtsein vieler Menschen jenseits der Fünfzig um „Jugendlichkeit“ – tragen ihrerseits zur Verbreitung von Leitbildern bei, die sich auf die Ausprägung von Partnerschafts- und Elternfähigkeit in der Persönlichkeitsentwicklung äußerst ungünstig auswirken.

    Eine der Folgen des tiefgreifenden Wertewandels der vergangenen Jahrzehnte besteht zweifellos darin, dass die Familie als Lebensideal an Attraktivität im öffentlichen Bewusstsein verloren hat. Sie hat ihre frühere Monopolstellung eingebüßt. Das hat zur Pluralisierung von Konzepten der Lebensentwürfe und Lebensführung geführt. Davon blieben auch die Partnerschaftskonzepte nicht unberührt. Auch sie diversifizierten. Die familienorientierte Ausrichtung der Partnerschaft war mehr oder weniger selbstverständlich: Früher oder später wurde geheiratet und stellten sich Kinder ein. Diese Ausrichtung ist heute nur noch eine unter mehreren. Daneben gibt es die paarorientierte und die individualistische Ausrichtung der Partnerschaft. In der paarorientierten Partnerschaft entwickeln die Paare ein gemeinsames Lebensmodell und leben ihr Leben – wenigstens überwiegend – gemeinsam. Kinder sind – in den Fällen gewollter Kinderlosigkeit – in ihr nicht vorgesehen. In der individualistischen Ausrichtung der Partnerschaft entwickeln die Partner nicht einmal ein gemeinsames Lebensmodell. Sie verbringen ihr Leben nur punktuell gemeinsam. Kinder sind darin „selbstverständlich“ nicht vorgesehen.

    Es ist offenkundig, dass diesen unterschiedlichen Partnerschaftsmodellen unterschiedliche Leitbilder zugrunde liegen, die zu einer unterschiedlichen Deutung und Wertschätzung der Partnerschaft von Mann und Frau führen. Über die Deutung entscheiden einerseits die Wertschätzung des jeweiligen Leitbildes, dem man folgt, als Resultat der Wertprägung im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, und andererseits die Merkmale der jeweiligen Partnerschaftssituation. Je eindeutiger die Partnerschaftssituation ist, desto weniger wird das Verhalten durch Kosten-Nutzen-Erwägungen bestimmt. Ist die Deutung unsicher, wird das Verhalten an Kosten-Nutzen-Erwägungen orientiert (Jan Eckard).

    Das jeweilige Partnerschaftsleitbild (Was möchte ich?) und die konkrete Partnerschaftsdeutung (Wie steht es um uns?) sind von ausschlaggebender Bedeutung bei der Entscheidung eines Paares, ob es sich zur Familie erweitern, das heißt Kinder haben will. Eine wesentliche Voraussetzung für eine Familiengründung ist heute eine starke „familienorientierte Rahmung der Partnerschaft“ (Jan Eckard). Diese „Rahmung“ ist in hohem Maße abhängig von den Partnerschaftsmerkmalen als Resultaten der Persönlichkeitsentwicklung.

    Partnerschaftsfähig werden heißt das Gebot der Stunde

    Partnerschaftsfähigkeit, die Familien- und Elternfähigkeit impliziert, ist eine wesentliche Voraussetzung. Ihrer frühzeitigen Förderung muss entsprechende Beachtung geschenkt werden. Solange keine ausreichend starke „familienorientierte Rahmung“ gegeben ist, begünstigen die heutigen Gesellschaftsstrukturen alternative Partnerschaftskonzepte ohne Anspruch auf Dauerhaftigkeit und damit ohne Familiengründungsabsicht. Daraus ergibt sich, dass Partnerschaften ohne „familienorientierte Rahmung“ in der Regel kinderlos bleiben und einem höheren Trennungsrisiko unterliegen. Partnerschaften mit „familienorientierter Rahmung“ bekommen dagegen in der Regel Kinder und haben ein niedriges Trennungsrisiko (Jan Eckard).

    Was helfen uns solche Erkenntnisse? Können wir, kann die Gesellschaft dazu beitragen, dass mehr Partner eine Familienorientiertheit in die Partnerschaft einbringen, so dass mehr Partnerschaften mit „familienorientierter Rahmung“ entstehen, aus denen Kinder hervorgehen? Die Politik kann in dieser Hinsicht kaum etwas ausrichten. Der auf der Tagung anwesende Familienminister des Landes Nordrhein-Westfalen Armin Laschet vertrat die Auffassung, dass die Politik für die Rahmenbedingungen zuständig sei, nicht jedoch für das Wertbewusstsein der Menschen. Zu mehr Aufklärung über diesen Sachverhalt könnte der Staat allerdings sehr wohl beitragen. Eine Verbreitung solcher Erkenntnisse mit staatlichen Mitteln wäre jedenfalls sinnvoller und hilfreicher als die gegenwärtig mit großem finanziellen Aufwand betriebene Förderung der Gender-Ideologie. Es gibt viele Möglichkeiten, das Ansehen der Familien im öffentlichen Bewusstsein wieder zu erhöhen. Eine sichere Folge wäre, dass sie für junge Menschen wieder stärker zum angestrebten Ideal würde, an dem sie ihre Persönlichkeitsentwicklung ausrichten und dadurch fähig werden zu einer familienorientierten Partnerschaft, die sich zu einer Familie mit gut erzogenen Kindern erweitert.

    Von Johannes Schwarte