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    Wo der Mensch auf den Fisch kommt

    Dass im sogenannten Darwin-Jahr, mit dem des 200. Geburtstages des britischen Naturforschers gedacht wird, Bücher wie Pilze aus der Erde schießen würden, die die Entstehung des Menschen ohne Rückgriff auf einen schöpferischen Geist zu erklären versuchen, ist keine Überraschung. Überraschend ist vielmehr, dass es unter diesen Büchern auch solche gibt, die ausnahmsweise einmal nicht von uns verlangen, wir müssten uns Evolution als ein Geschehen vorstellen, das einerseits auf zufälligen Mutationen sowie auf Selektion basiere, bei sich jedoch andererseits ausgerechnet der Zweck die Mittel zurichtet. Und als wäre dies an sich noch nicht wundersam genug, erfolgt die Zurichtung der Mittel durch den Zweck – Simsalabim – zu allem Überfluss beinah jedes Mal genauso, wie er sie gerade benötigt.

    Dass im sogenannten Darwin-Jahr, mit dem des 200. Geburtstages des britischen Naturforschers gedacht wird, Bücher wie Pilze aus der Erde schießen würden, die die Entstehung des Menschen ohne Rückgriff auf einen schöpferischen Geist zu erklären versuchen, ist keine Überraschung. Überraschend ist vielmehr, dass es unter diesen Büchern auch solche gibt, die ausnahmsweise einmal nicht von uns verlangen, wir müssten uns Evolution als ein Geschehen vorstellen, das einerseits auf zufälligen Mutationen sowie auf Selektion basiere, bei sich jedoch andererseits ausgerechnet der Zweck die Mittel zurichtet. Und als wäre dies an sich noch nicht wundersam genug, erfolgt die Zurichtung der Mittel durch den Zweck – Simsalabim – zu allem Überfluss beinah jedes Mal genauso, wie er sie gerade benötigt.

    Diesen logischen Fehler – man könnte ihn auch den Kardinalfehler des Darwinismus nennen – begehen weder der Paläontologe Neil Shubin noch der Zoologe Keith Harrison. Auch sonst ragen ihre beiden Bücher „Der Fisch in uns“ und „Du bist (eigentlich) ein Fisch“ einigermaßen angenehm aus dem scheinbar endlosen Titel-Meer der Bücher heraus, die uns anlässlich des Darwins-Jahres die Entstehung der Welt ohne Gott erklären wollen.

    So stellt etwa Harrison gleich zu Beginn seines Buches unmissverständlich klar, dass sich „Religion“ und „Wissenschaft“ – gemeint sind natürlich die Naturwissenschaften – nicht ausschließen: „Einige Leute behaupten, die Wissenschaft sei ein Feind der Religion und fördere den Atheismus. Doch das stimmt nicht. (...) Mit Wissenschaft lässt sich die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes nicht erforschen und somit kann sie darüber auch keine Aussagen machen.“ Ein „bekennender Atheist“ sei, so Harrison, „ebenso gläubig wie ein Bischof“. Nur das Credo sei ein anderes. „Für einen Bischof ist es ein Glaubensgrundsatz, dass es einen Gott gibt; für einen Atheisten ist es ein Glaubensgrundsatz, dass es keinen Gott gibt.“ Der einzige (natur)„wissenschaftliche Weg“, die Existenz Gottes zu behandeln, laute daher: „Dieser Frage lässt sich mit der wissenschaftlichen Methode nicht beikommen, also versuche ich es gar nicht erst.“

    So weit so gut. Weniger gelungen ist, dass auch bei Harrison die Evolution, obgleich sie ebenso einfach wie zutreffend als das Ergebnis des Zusammentreffens verschiedener Faktoren wie Mutation, angeborener und erlernter Verhaltensmuster, örtlichen Gegebenheiten und natürlicher Selektion beschrieben wird, mitunter als Handelnder erscheint. Dann „hält“ die Evolution auf einmal „Lösungen bereit“, „schläft nie“ oder „kümmert sich nicht darum, ob Geburten Höllenqualen oder paradiesische Gefühle“ hervorrufen.

    Aufmerksame Leser werden trotzdem feststellen können, dass solche Formulierungen von Harrison nicht ernst gemeint, sondern dem Versuch geschuldet sind, Spannung mit einfachsten Mitteln zu erzeugen. An anderer Stelle wird die Evolution als „passive Reaktion“ kenntlich gemacht, als etwas, „das passiert“, weil es „natürliche Selektion gibt“ und die „nicht der Grund“ für diese ist. Anders als der Buchtitel nahelegt, behauptet Harrison strenggenommen nicht einmal, dass wir Menschen Fische seien – auch wenn diese mehrfach als „unsere Urahnen“ bezeichnet werden – sondern, dass wir einige wenige Merkmale besitzen, die auch Fische und Amphibien aufweisen: etwa ein zentral gelegenes Rückgrat, Zähne, Lungen und die Gewohnheit Nahrung durch den Mund aufzunehmen und zu atmen. Insofern müssen der Titel des Buches und die Illustration des Umschlags, der einen Fisch auf einem Fahrrad zeigt, als irreführende Zuspitzung betrachtet werden, die wohl dazu dienen soll, den Verkauf des an sich brauchbaren Buches auf nicht ganz redliche Weise zu fördern.

    Von einem anderen Kaliber ist da schon „Der Fisch in uns“ des Paläontologen Neil Shubin. Für Shubin, der den größten Teil seiner beruflichen Laufbahn damit zugebracht hat, Fische zu untersuchen, ist der Mensch tatsächlich nur „ein anderes Tier“ und der Körperbau von Fischen nur eine „einfachere Version unseres eigenen“. Im Jahr 2004 entdeckte er gemeinsam mit zwei Kollegen mitten im arktischen Eis der Ellesmere-Insel im Nunavut-Territorium Kanadas in 375 Millionen altem Gestein ein Fossil, das heute von vielen als Zwischenglied zwischen Fischen und Landlebewesen betrachtet wird, den sogenannten Tiktaalik: „Wie alle Fischen hatte er Schuppen auf dem Rücken und Flossen mit Flossenhäuten. Aber der Kopf war wie bei Landbewohnern flach, und einen Hals hatte das Tier auch. Und als wir das Innere der Flosse untersuchten, fanden wir Knochen, die dem Ober- und Unterarm sowie Teilen des Handgelenks entsprachen. Auch die anderen Gelenke waren vorhanden.“

    Reichlich abenteuerlich klingen manche der Schlussfolgerungen, die Shubin aus diesem Fund zieht. So folgert er etwas aus der Art, wie sich die Knochen des Fossils gegeneinander bewegen konnten, dass das Tier zu „Liegenstützen in der Lage“ war. „Dem Befehl ,runter und 20 Liegestützen‘ hätte Tiktaalik ohne weites nachkommen können.“ Auch auf die Frage, warum der Tiktaalik „Liegestützen machen“ soll, hat Shubin eine Antwort. Vor 375 Millionen Jahren sei die Welt ein Haifischbecken gewesen. „Unsere entfernten Vorfahren“ seiem dem Kampf in diesem Becken „offensichtlich lieber aus dem Weg“ gegangen.

    Zwingende Beweise hat Shubin für all das nicht. Und auch wenn seine Sprache einen ganz anderen Eindruck vermittelt, gibt er redlicherweise doch zu, dass es letztlich nicht mehr als „Indizien“ sind, um die herum gigantische Theorien gewebt werden. Theorien, die zutreffen können, aber nicht müssen. So etwa die, dass der Schluckauf ein Relikt aus der Evolution sei. Kaulquappen können bekanntlich sowohl mit der Lunge als auch mit Kiemen atmen. Wenn die Atmung über die Kiemen erfolgt, müsse Wasser durch Mund, Rachen und Kiemen gepumpt werden, dürfe aber nicht in die Lungen gelangen. Um dies zu verhindern, werde die Glottis, der Gewebelappen, der die Luftröhre abdeckt, verschlossen. Um dies bewerkstelligen zu können, besäßen Kaulquappen einen „Mustergenerator“ im Hirnstamm, der die Glottis und damit die Luftröhre blockiert. Dabei entstünde das unangenehme Geräusch, das auch zu hören sei, wenn uns ein Schluckauf befällt. Laut dem Autor seien beim Menschen die Kiemen im Laufe von Millionen Jahren verloren gegangen, der „Mustergenerator“ aber sei geblieben. Daher könne der Schluckauf heute dysfunktional ausgelöst werden.

    Man mag solche und andere Erklärung interessant oder abenteuerlich finden, zwingend sind sie nicht. Schon gar nicht sorgen sie dafür, dass sich einem der Verzicht auf den Glauben an einen Schöpfergott nahelegt. Im Gegenteil: Beide Bücher machen letztlich – wenn auch eher unfreiwillig – klar, wie recht der Erzbischof von München und Freising Michael Kardinal Faulhaber (1862–1952) hatte, als er einmal bemerkte: „Es ist schon unglaublich, wie viel man glauben muss, um ungläubig zu sein.“

    Von Stefan Rehder