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    Wissenswahn der Atheisten

    Der Encyclopédie als unbestritten bedeutendstes Werk der französischen Aufklärung ist es gelungen, die antichristlichen Positionen ihrer Autoren weit in die Gesellschaft hineinzutragen. Nicht zuletzt durch sie wurde die Französische Revolution und damit der Sturz des Ancien Régime vorbereitet. Weil zur Zeit ihrer Entstehung jedoch noch keine Rede von einer Pressefreiheit im heutigen Sinne sein konnte, mussten sich die Enzyklopädisten etwas einfallen lassen, um dem Urteil der Zensurbehörden zu entgehen. Eigentliches Angriffsziel der Encyclopédie war nicht nur die Institution der Kirche – die Kritik geht tiefer, sie greift auch die kirchlichen Dogmen und damit das Christentum an sich an. An dem Jahrhundertwerk beteiligt waren die wichtigsten Philosophen der Epoche: Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Jaucourt, Holbach und Condillac, die auch schon zuvor gegen das Christentum als „Quelle aller Übel“ angeschrieben hatten. Welche Taktiken wurden unter der Federführung Diderots und d'Alemberts – den Hauptherausgebern der Encyclopédie – angewandt, um sich im Spannungsfeld zwischen staatlicher oder kirchlicher Zensur einerseits und dem dezidierten Willen zur „Aufklärung“ durchzusetzen?

    „Das Heiligtum der Wahrheit“, Allegorie auf die Künste und Wissenschaften, um 1772. Für Robbespierre war die „Encyclopéd... Foto: IN

    Der Encyclopédie als unbestritten bedeutendstes Werk der französischen Aufklärung ist es gelungen, die antichristlichen Positionen ihrer Autoren weit in die Gesellschaft hineinzutragen. Nicht zuletzt durch sie wurde die Französische Revolution und damit der Sturz des Ancien Régime vorbereitet. Weil zur Zeit ihrer Entstehung jedoch noch keine Rede von einer Pressefreiheit im heutigen Sinne sein konnte, mussten sich die Enzyklopädisten etwas einfallen lassen, um dem Urteil der Zensurbehörden zu entgehen. Eigentliches Angriffsziel der Encyclopédie war nicht nur die Institution der Kirche – die Kritik geht tiefer, sie greift auch die kirchlichen Dogmen und damit das Christentum an sich an. An dem Jahrhundertwerk beteiligt waren die wichtigsten Philosophen der Epoche: Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Jaucourt, Holbach und Condillac, die auch schon zuvor gegen das Christentum als „Quelle aller Übel“ angeschrieben hatten. Welche Taktiken wurden unter der Federführung Diderots und d'Alemberts – den Hauptherausgebern der Encyclopédie – angewandt, um sich im Spannungsfeld zwischen staatlicher oder kirchlicher Zensur einerseits und dem dezidierten Willen zur „Aufklärung“ durchzusetzen?

    Doch zunächst: Worum handelt es sich bei der Encyclopédie? Als „Spiegel der Aufklärung“ konzipiert, war sie seinerzeit das größte verlegerische Unternehmen, sowohl was den Umfang, das investierte Kapital als auch die Zahl der an ihrer Herausgabe beteiligten Arbeitskräfte anging. 1772 umfasste sie schließlich 28 Bände (mit 72 998 Artikeln), elf davon waren Tafelbände mit kunstvoll angefertigten Kupferstichen. Das Werk wurde nicht nur in Frankreich gelesen, sondern von London bis nach St. Petersburg verkauft. Die Encyclopédie hatte sich nicht nur eine gigantische Sammlung allen Wissens der Zeit zur Aufgabe gemacht, sie zielte gleichfalls darauf ab, zu einer treibenden Kraft der Umgestaltung der Gesellschaft zu werden. Verwirklicht werden sollte dies durch ein stattliches Aufgebot an Autoren, die als Spezialisten Artikel über ihr eigenes Fachgebiet anfertigten. Eine besondere Stellung nahmen dabei die Verfasser von kirchenfeindlichen Texten ein. Gemeinsamer Nenner jener Enzyklopädisten war eine allgemein antichristliche Haltung. Der Historiker Philipp Blom („Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung“, Hanser Verlag 2011), der sich ausführlich mit der Geschichte der Encyclopédie befasst hat, meint sogar, dass die „wichtigsten Autoren und Herausgeber Atheisten“ waren. Was im Frankreich Mitte des 18. Jahrhunderts freilich „in den Texten nicht einmal andeutungsweise zum Ausdruck kommen durfte“.

    Bei der Gestaltung lehnten sich Diderot und d'Alembert stark an den von Francis Bacon (†1626) konzipierten Wissensbaum an: Dieser enthält in seinen Zweigen das gesamte Wissen, wobei die einzelnen Bezüge bis in die kleinsten Details durch die vielen Verzweigungen wie bei dem Astwerk eines echten Baumes reichen, und doch gleichzeitig eine globale Sicht auf das gesamtverfügbare Wissen eröffnet wird. Bei der Encyclopédie besteht innerhalb der einzelnen Artikel ein ausgeklügeltes Verweissystem (ähnlich wie bei Wikipedia), das es erlaubt, die Informationen zueinander in Verbindung zu setzen, um damit die Verkettung des Wissens zum Ausdruck zu bringen.

    Der erste Kunstgriff bestand nun darin, die Systematik Bacons dahingehend zu ändern, dass der frühere Hauptast, die Heilige Theologie, einfach abgesägt wurde. An die erste Stelle tritt nunmehr die Metaphysik, die Theologie wird zu einer Verzweigung der „Wissenschaft Gottes“, wobei die Encyclopédie eine Zweiteilung in „Natürliche“ und „Offenbarungstheologie“ vornimmt, und über diese Verästelungen gelangt man überhaupt erst zum dünnen Zweiglein der Religion. Philosophisch ist das äußerst bedeutsam, drückt es doch den expliziten Wunsch der Herausgeber aus, das Wissen zu entsakralisieren. Bei einer streng linearen Lesart des Wissensbaumes erkennt man zudem, dass die Offenbarungstheologie und das gesamte Lehrgebäude der katholischen Kirche auf derselben Ebene steht mit Aberglauben. Durch diese Neustrukturierung des Wissens gleich zu Beginn der Encyclopédie wird die Theologie, die bisherige Königin der Wissenschaften, durch Diderot und d'Alembert entthront, indem man sie als einen unbedeutenden Zweig des Wissensbaumes darstellt und sie darüber hinaus als vertrockneten Ast neben der schwarzen Magie unterbringt.

    Eine geschickte Taktik nun aber, um die Kirche in Sicherheit zu wiegen und diese gerade nicht herauszufordern, bestand darin, zu religiösen Einträgen Artikel zu liefern, die absolut unangreifbare Sätze enthielten, geradeso, als seien sie einem Katechismus entnommen. Dabei sollte der Eindruck erweckt werden, es handle sich bei den Autoren um glaubenstreue Zeitgenossen und bei der Encyclopédie um ein nicht zu beanstandendes Werk. Die vermeintliche Orthodoxie mancher Passagen konnte noch eine Steigerung erfahren, wenn man nur so tat, als wollte man Einwände gegen Dogmen widerlegen und diese damit nur umso heikler für die Kirche machte – durch die bloße Erwähnung wurden diese Einwände dadurch zuweilen ja erst publik gemacht. Bei den rechtgläubigen Artikeln kam ferner das rhetorische Stilmittel der Ironie zum Einsatz. So schreibt Diderot unter dem Lemma „Christentum“: „Jeder ernstlich von den Wahrheiten seiner Religion durchdrungene Christ sollte es dem Bewohner des Kaukasus gleichtun und über den Tod seiner Kinder glücklich sein. Der Tod sichert dem Neugeborenen ewige Seligkeit, während noch das Schicksal eines Menschen, dessen Leben ein Muster an Frömmigkeit schien, ungewiss ist. Wie furchtbar und zugleich trostreich unsere Religion doch ist.“ Andere wichtige Artikel zu Glaubensthemen waren wiederum völlig unanfechtbar.

    Wie gelang es den Enzyklopädisten dennoch, an ihren aufklärerischen Ansichten zumindest für ihre Leser keinen Zweifel aufkommen zu lassen und somit ihre Glaubens- und Kirchenkritik trotzdem zu verbreiten? Als zuverlässige Möglichkeit bot sich das bereits erwähnte raffinierte Verweissystem an, durch das innerhalb glaubenstreuer Artikel auf weitere Einträge hingewiesen werden konnte, in denen erstens kritische Passagen zu finden waren, und zweitens alleine schon durch deren Nennung im orthodoxen Beitrag Verbindungen zu ganz neuen Aspekten (aufklärerischer Art) geschaffen wurden, wodurch gleichzeitig das, im von der Kirche nicht monierten Text, Gesagte wieder in Zweifel gezogen wurde. Die Attacken gegen die Kirche verbergen sich somit in Beiträgen, die weniger auffallen, doch deren Lemma bereits die Absicht der Autoren erkennen lassen: „Vorurteil“, „Aberglaube“, „Fanatismus“. Mit Vorliebe wurde von den Enzyklopädisten immer wieder auf diese provokativen, die katholische Kirche diffamierenden Schlüsseltexte verwiesen. Und in diesen Passagen zweifelte man die soeben brav erklärten Dogmen an oder brachte sie sogar ganz zum Einsturz: Man befasst sich etwa orthodox mit der Existenz Gottes, mit der Freiheit und der Spiritualität der Seele, doch wenn der Leser dann auf die mit diesen Artikeln verknüpften Seiten gelangt, so zerrinnt jegliche Doktrin vor seinen Augen. Allerdings waren sich die Autoren nicht immer einig in ihrer Vorgehensweise. So kam es etwa zu großen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Herausgebern und Voltaire. Letzterem war das Versteckspiel viel zu aufwendig, es erschien ihm zu langsam fortschreitend. D'Alembert rechtfertigt hingegen sein Prozedere mit den Behörden, die man eben täuschen müsse, um das gesamte Projekt nicht zu gefährden.

    Zu einer wahren Meisterschaft der geschickt verborgenen Kirchenkritik in der Encyclopédie brachte es der Chevalier de Jaucourt, der als einer der fleißigsten Enzyklopädisten (angeblich hat er über 17 000 Artikel geschrieben) unzählige Texte als Attacken gegen Kirche und Dogma verfasste. Er bedient sich nur selten der eben erwähnten Verweise, stattdessen zieht er den direkten Angriff vor, diesen indes in unverdächtigen Einträgen versteckt: So benutzt er mit Vorliebe geographische Lemmata, die er kurzerhand zu Platzhaltern für Biographien unliebsamer Kirchenmänner erklärt, um damit all das zu anzuprangern und verächtlich zu machen, was ihn am katholischen Glauben stört: das Papsttum und überhaupt die Hierarchie der Kirche, die Mönchsorden, die Inquisition, die Kirchenväter, das Dogma und der Gottesdienst. Außerdem ist er ein militanter Gegner des Zölibats, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit bekämpft und der Lächerlichkeit preisgibt. Dies lässt sich an vielen Beispielen belegen: Kirchenschelte verborgen unter geographischer Gestalt, oder auch in geschichtlichen oder wissenschaftlichen Einträgen – jedenfalls dort, wo man sie nicht vermutet. Natürlich hätten sich die Aufklärer über den Zölibat unter dem passenden Lemma „Zölibat der Priester“ nicht despektierlich äußern dürfen. In diesem Fall wird der Text unter dem Lemma „Worsted“, einem unbedeutenden Marktflecken, zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Priesterehe: Zwei Zeilen sind dem marginalen Dorf gewidmet, sechs ausführliche Spalten (...) befassen sich dagegen aufklärerisch-kritisch mit dem für damalige Zeiten „heißen Eisen“ Zölibat. Religiöse Praktiken bemüht sich Jaucourt in Frage zu stellen, etwa indem er bei der Darstellung katholischer Riten versucht, diese auf heidnische Ursprünge zurückzuführen, um sie ihrer göttlichen Herkunft zu berauben und sie damit auf eine menschliche Erfindung zu reduzieren. Ein Beispiel dafür findet sich unter dem Lemma „Juno“, bei der er die Anbetung der heidnischen römischen Göttin mit der katholischen Heiligen- und Marienverehrung gleichsetzt.

    Es kommt auch vor, dass sich zwei Artikel mit ein- und derselben Materie beschäftigten: das eine Mal auf rechtgläubige Weise zur Besänftigung der Kirche, das andere Mal in aufklärerischer Diktion. So ist der Eintrag „Priester“ ein absolut neutrales Zugeständnis Diderots: Man glaubt in der Tat einen Katechismus oder eine der theologischen Summen aus dem Mittelalter vor sich zu haben, wohingegen sich Jaucourt, angriffslustig wie eh und je, unter dem Lemma „Priester der Christen“ mit demselben Sujet auseinandersetzt.

    Die Täuschungsmanöver der französischen Atheisten

    Vermutlich wurden aber noch weitere Mittel genutzt, um sich der Gefahr eines Verbots der Encyclopédie zu entziehen. Jedenfalls rätselt die Fachwelt noch immer über die mysteriöse Rolle des Abbé Mallet, die dieser im Rahmen des gigantischen Aufklärungsprojekts gespielt haben mag. Es handelt sich bei ihm nämlich um einen äußerst glaubensstrengen Geistlichen, und man muss davon ausgehen, dass er dem Konzept Diderots keinerlei Sympathien entgegenbrachte. Doch weshalb machte man ausgerechnet ihn zu einem Mitarbeiter der Encyclopédie, dem man immerhin 2 000 Beiträge zur Bearbeitung überließ? Blom führt einen gewichtigen Grund dafür ins Feld: „Dem Abbé Mallet hing der Ruf eines ... Reaktionärs an, dem man die religiösen Artikel überließ, um dem Projekt einen Hauch Respektabilität zu sichern.“ Eng damit verbunden scheint die Tatsache zu sein, dass Mallet zum Protégé eines der einflussreichsten Prälaten des 18. Jahrhunderts wurde, der direkten Zugang zu Ludwig XV. hatte. So ist es tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass Abbé Mallet durch seine Einflussnahme in Hof- und Kirchenkreisen das weitere Erscheinen der Encyclopédie sichern sollte, indem er zur Libertinage der übrigen Mitarbeiter ein gewisses Gegengewicht bot.

    Obwohl man den Enzyklopädisten keineswegs ein konsequentes und kohärentes Agieren bescheinigen kann, ist es ihnen mit ihren vielfältigen Täuschungsmänovern doch gelungen, die Zensurbehörden in die Irre zu führen: Die Encyclopédie konnte so zu einem großen – wenn auch zweifelhaften – Erfolg werden. Und wie effektvoll das Wirken aufklärerischer Schriften auf das Glaubensleben der französischen Bevölkerung war, lässt sich an statistischen Erhebungen am Vorabend der Revolution ablesen: So beklagten die katholischen Bischöfe bereits zu dieser Zeit einen abnehmenden Kommunionempfang bei den Gläubigen sowie die teilweise Nichteinhaltung der Fastenzeiten, was durchaus als aussagekräftiges Symptom zu werten ist. Trotzdem war der weitaus größte Teil der Bevölkerung noch als gläubig zu bezeichnen. Eine weitgehende Entchristianisierung der Lebensweise lässt sich jedoch bei bestimmten gesellschaftlichen Milieus feststellen: beim Hofadel, bei Kauf- oder Finanzleuten. Diese Entfremdung vom christlichen Glauben springt bei der Lektüre der Erinnerungen und Korrespondenzen der Minister, Diplomaten und Generäle ins Auge, wo man nur noch ganz selten Spuren religiöser Vorstellungen und Verhaltensweisen findet.

    Die Encyclopédie (auf Französisch) im Internet: portail.atilf.fr/encyclopedie/index.htm