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    „Wissenschaft dient der Vorhersage, nicht der Einsicht“

    Am 17. Juli ist der 100. Todestag des französischen Mathematikers und theoretischen Physikers Jules-Henri Poincaré. Geboren 1854, starb er im Alter von nur 58 Jahren an den Folgen einer Operation. Hinsichtlich der Originalität und Vielfalt seiner Beiträge zu verschiedenen Teilgebieten der Mathematik, theoretischen Physik und Himmelsmechanik ist er seinem Zeitgenossen David Hilbert (1862–1943) ebenbürtig.

    Am 17. Juli ist der 100. Todestag des französischen Mathematikers und theoretischen Physikers Jules-Henri Poincaré. Geboren 1854, starb er im Alter von nur 58 Jahren an den Folgen einer Operation. Hinsichtlich der Originalität und Vielfalt seiner Beiträge zu verschiedenen Teilgebieten der Mathematik, theoretischen Physik und Himmelsmechanik ist er seinem Zeitgenossen David Hilbert (1862–1943) ebenbürtig.

    Poincaré studierte Bergbau, Mathematik und Physik in Paris. Diese für die damaligen französischen Naturwissenschaftler nicht unübliche Symbiose von Technik und Grundlagenwissenschaft hat ihn sein ganzes Leben begleitet. Zugleich hat er im Zuge seiner zunehmenden Tätigkeit für die Bekanntmachung der Geistigkeit der Naturwissenschaften auf hohem Niveau zahlreiche Artikel und vier Bücher über philosophische Fragen der Naturwissenschaften veröffentlicht und dabei den sogenannten Konventionalismus entwickelt.

    Einem größeren Publikum ist der Name Henri Poincaré wohl durch die nach ihm benannte Vermutung bekannt. Die Vermutung betrifft die Klassifizierung von dreidimensionalen Punktmengen, die man sich beispielsweise als Kugeln, Brezeln mit unterschiedlicher Anzahl von Löchern vorstellen kann. Das ist eine wichtige Frage in der sogenannten Topologie, und die Vermutung wurde endgültig 1904 formuliert. Wäre das nur wenige Jahre früher passiert, hätte die Poincarésche Vermutung durchaus einen Platz unter den von Hilbert im Jahre 1900 auf dem zweiten Internationalen Mathematikerkongress in Paris proklamierten 23 ungelösten „Jahrhundertproblemen der Mathematik“ finden können.

    Aber auch so hat sie die Arbeit vieler Mathematiker auf sich gezogen und ist schließlich auf der Liste von sieben Millenniumsproblemen gelandet, die im Jahr 2000 in Paris unter Anspielung auf Hilberts Vortrag 100 Jahre früher als solche proklamiert wurden.

    Poincarés Leistungen in Mathematik, theoretischer Physik einschließlich der Himmelsmechanik und auch Technik sind in leicht zugänglichen Quellen gebührend referiert. Insbesondere führt das Internet-Stichwort „Poincaré-Vermutung“ zu einem Wikipedia-Artikel, der unter seinen Referenzen eine lesenswerte allgemeinverständliche Darstellung von Michael Eisermann (Institut für Geometrie und Topologie der Universität Stuttgart) vom April 2010 nennt.

    Das liberum examen in der wissenschaftlichen Forschung

    Das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft oder gängiger – wenngleich weniger korrekt – Glaube und Wissen wird seit Jahrhunderten als problematisch empfunden. In mehr oder weniger entwickelter und expliziter Form sind beide Bereiche in der geistigen Welt jedes Menschen präsent, und ihr Verhältnis zueinander kann friedlich oder konfliktbeladen sein. Deshalb fällt es auf, dass sich Poincaré nur bei einer einzigen Gelegenheit dazu öffentlich geäußert hat. Das ist wohl kaum ein Zufall. Es ist schon ein Teil der Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis: Beide Bereiche sind für Poincaré eher getrennt und unabhängig voneinander als geeint und aufeinander bezogen.

    Genau in diese Richtung zielt der Titel des Vortrags, den Poincaré am 21. November 1909 in der freien Universität Brüssel auf Einladung des Rektors bei einem Festakt aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der Universität gehalten hat.

    Der Titel „Das liberum examen in der wissenschaftlichen Forschung“ ist eine unüberhörbare Anspielung auf die lutherische These, dass die persönliche Interpretationsfreiheit der Bibel nicht durch das Lehramt der Kirche eingeschränkt werden darf. Der Titel signalisiert also, dass sich nichts und niemand daranmachen möge, die Freiheit der Forschung durch außerwissenschaftlich begründete oder auch nur motivierte Vorgaben einzuschränken. So sagt es einer der ersten Kernsätze des Vortrags: „Das Denken darf sich niemals unterordnen. Weder einem Dogma, noch einer Parteiung, auch keiner Leidenschaft, ebenso wenig Interessen oder vorgefassten Urteilen, oder sonstigen Instanzen, ausgenommen den Tatsachen selbst. Sich-unterordnen wäre Selbstvernichtung.“

    In dem Brüsseler Vortrag nimmt Poincaré zu einigen damals relevanten Themen Stellung. Seine eigene Haltung im Grundsatz aber wird am deutlichsten da, wo er auf Louis Pasteur zu sprechen kommt, der auch nach seinem Tod 1895 noch als der katholische Topwissenschaftler par excellence galt: „Glauben Sie nur nicht, ich wollte es gläubigen Menschen, insbesondere Katholiken, verwehren, Wissenschaft zu treiben. Da sei Gott vor! Ich bin nicht primitiv genug, um die Menschheit der Verdienste eines Pasteur zu berauben. Es gibt eben Menschen, die ihren Glauben vergessen, wenn sie das Labor betreten und ihren Arbeitskittel anziehen. Sie verstehen es, der (wissenschaftlichen) Wahrheit geradewegs in die Augen zu blicken, und sie beweisen dabei einen kritischeren Geist als viele andere. Mehr kann man von ihnen nicht verlangen.“ Man spürt, wie Poincaré von einem konfliktschwangeren Verhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis und Glaubenswissen ausgeht. Die Schlussfolgerung ist evident und bleibt dem Leser überlassen: Im Konfliktfall hat sich die Religion gefälligst in die Sakristeien zurückzuziehen.

    Es kann als sicher angenommen werden, dass Poincaré bald nach seiner Geburt getauft wurde und zur Erstkommunion gegangen ist. Er hat kirchlich geheiratet; aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, und er und seine Frau Louise sind kirchlich begraben. Darüber hinaus ist über sein religiöses Leben fast nichts bekannt. Es fehlt nicht an Fachleuten, die seine religiöse Haltung als „agnostisch“ einschätzen. Der Brüsseler Vortrag mit seiner These vom „Vergessen“ der Religion am Arbeitsplatz stützt diese Einschätzung zwar nicht direkt, widerlegt sie aber auch nicht. Es ist nämlich nicht ganz auszuschließen, dass diese These von Poincaré als Schutzmanöver für den Glauben gemeint war, um ihm immerhin noch ein Nischendasein im Privatleben zu sichern.

    Poincaré hat möglicherweise gespürt, dass eine derartige Scheidung der religiösen von der wissenschaftlichen Sphäre der Einheit der Wahrheit Gewalt antut. Dann mag er auch in seinem Innersten bestrebt gewesen sein, diese historisch gewachsene Situation wenigstens durch ein Auseinandersetzen der Parteien zu mildern. Wie dem auch sei, der von ihm propagierte Konventionalismus erfüllt tatsächlich diese Funktion – auf den ersten Blick. Demnach sind wissenschaftliche Theorien nämlich lediglich bequeme Konventionen, die nichtsdestotrotz durch ihre Vorhersagekraft einen gewissen Realitätsbezug haben. Aber sie können durch Experimente weder verifiziert noch falsifiziert werden. So verstandene wissenschaftliche Theorien stehen nicht auf derselben Ebene wie unverrückbare, da geoffenbarte, Glaubenswahrheiten über die geschaffene Welt. Der Konventionalismus erzeugt also in erster Linie durch eine Relativierung des Erkenntniswertes wissenschaftlicher Theorien eine Scheidung beider Bereiche hinsichtlich ihres erkenntnistheoretischen Ranges. Historisch wurde der Konventionalismus unter anderem begünstigt durch die Entdeckung nicht-euklidischer Geometrien um 1830. Sie unterscheiden sich, kurz gesagt, darin, ob die Winkelsumme im Dreieck genau 180 Grad ist (euklidische Geometrie) oder kleiner oder größer (nicht-euklidische Geometrien). Es stellte sich dann die Frage, ob unser physischer Raum durch eine euklidische oder eine nichteuklidische Geometrie beschrieben wird. In einem der erwähnten wissenschaftsphilosophischen Werke mit dem Titel „Wissenschaft und Hypothese“ (original 1902, deutsch 1905), sagt Poincaré, dass „die Geometrie keine Erfahrungswissenschaft (ist); aber die Erfahrung leitet uns bei Aufstellung der Axiome; sie lässt uns nicht erkennen, welche Geometrie die richtige ist, wohl aber, welche die bequemste ist. Es ist ebenso unvernünftig zu untersuchen, ob die fundamentalen Sätze der Geometrie richtig oder falsch sind, wie es unvernünftig wäre zu fragen, ob das metrische System richtig oder falsch ist.“ – „Das Experiment ist die einzige Quelle der Wahrheit; die mathematische Physik hat die Aufgabe, die Verallgemeinerung so zu leiten, dass der Nutzeffekt der Wissenschaft vermehrt wird.“ Auf den zweiten Blick wird jedoch klar, dass der Konventionalismus keinen Konflikt entschärft und dazu noch einen anderen schafft. Gerade durch ihn entsteht ja ein Gegensatz geistiger Klimata in Wissenschaft und Theologie.

    Wenngleich Konventionalismus nicht identisch mit Beliebigkeit ist, ist er doch ein klares Zeichen der Auffassung Poincarés, dass die menschliche Geistigkeit und die Verfasstheit dieser Welt, wie sie uns in der christlichen Offenbarung entgegentritt, ziemlich weit auseinanderklaffen. Wissenschaft dient nach Poincaré (nur) der Vorhersage, nicht der Einsicht. Aber bei der Theologie, allem voran bei der Schöpfung, ist es umgekehrt: Sie ist vor allem Einsicht in die Taten und das Wesen Gottes, aber nicht deren Vorhersage.

    Dieser Artikel profitiert viel von Hinweisen zweier Mitarbeiter des Henri Poincaré-Archivs an der Universität Nancy: Jules Henri Greber und Laurent Rollet.