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    „Wir schreiben ja alle auch die Angst weg“

    Die Westreporter kommen hierher und betrachten uns wie merkwürdige Tiere im Zoo, so schreiben sie auch darüber. Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten und muss sich klarmachen, dass dies tatsächlich der einzig mögliche Platz ist, wenn man nicht auch in den Wahn verfallen will, der, gar nicht mal so verschiedenen Inhalts, allerwärts herrscht.“ Dies schreibt die Schriftstellerin Christa Wolf in einem Brief vom November 1977 an Lew Kopelew in Moskau.

    Christa Wolf
    Die Schriftstellerin Christa Wolf. Foto: dpa

    Die Westreporter kommen hierher und betrachten uns wie merkwürdige Tiere im Zoo, so schreiben sie auch darüber. Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten und muss sich klarmachen, dass dies tatsächlich der einzig mögliche Platz ist, wenn man nicht auch in den Wahn verfallen will, der, gar nicht mal so verschiedenen Inhalts, allerwärts herrscht.“ Dies schreibt die Schriftstellerin Christa Wolf in einem Brief vom November 1977 an Lew Kopelew in Moskau.

    „Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten“, so lautet der Untertitel des soeben im Suhrkamp Verlag erschienenen voluminösen Bandes mit Briefen von Christa Wolf aus über sechzig Jahren (1952–2011). Einer Mammutaufgabe hat sich Sabine Wolf mit der Herausgabe gestellt. Die Literaturwissenschaftlerin und Leiterin des Literaturarchivs in der Berliner Akademie der Künste, die den Nachlass von Christa Wolf beherbergt, hat diese Aufgabe mit Bravour gemeistert, galt es doch aus einem schier unvorstellbaren Konvolut von 15 000 Briefen, die ein Drittel ihres gesamten Nachlasses ausmachen, ein überschaubares Ganzes zu komponieren. Die Herausgeberin hat aus der Fülle der Briefe so klug destilliert, dass man eine Biografie zu lesen meint. Es handelt sich um einen 1 000seitigen Band mit knapp 500 zum größten Teil unveröffentlichten Briefen, die nun noch einmal einen ganz unverfälschten Blick in Leben und Schaffen von Christa Wolf eröffnen, eine der unbestritten bedeutendsten deutschen Autorinnen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die nicht von ungefähr immer wieder als Nobelpreiskandidatin gehandelt wurde.

    Wir begegnen einer erstaunlich selbstbewussten jungen Germanistin aus den fünfziger Jahren, in denen sie zunächst als Literaturkritikerin für das „Neue Deutschland“ und für den Schriftstellerverband als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete, bevor sie sich ganz dem eigenen Schreiben widmete. Man kann das Buch aufschlagen, wo man will, oder es kontinuierlich lesen, stets beginnt der Sog von Wolfs speziellem Stil zu wirken, diese „subjektive Authentizität“, wie sie ihn selbst einmal nannte, diesen ihren Anspruch, authentisch, das heißt wahrhaftig zu sein. Das galt für ihre Literatur, aber auch, wie man nun – nach einigen eigenständigen Briefbänden mit jeweils einem Briefpartner – in diesem Band gut nachvollziehen kann. Der Ausspruch „Man steht bequem zwischen allen Fronten“ kann daher nur ironisch verstanden werden. Denn natürlich war es für die Autoren in der ehemaligen DDR alles andere als bequem, zumal wenn sie kritisch waren. Spätestens ab 1976 nach der auch von Christa Wolf unterzeichneten Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Viele Freunde, so Sarah Kirsch, Günter Kunert, Reiner Kunze verließen die DDR. Das belastete Christa Wolf sehr. „Es wird so leer. Man fängt an zu frieren“, schreibt sie ihrer Freundin Maxie Wander. An Sarah Kirsch schreibt sie kurz nach deren Ausreise in die BRD: „Nur frag ich mich, wie arbeitet man ohne die gewohnte Reibung (die ja Reibungswärme erzeugt, die man, manchmal, in Produktionswärme umsetzen kann) und doch, und doch, diese Dauerreibung nutzt ja auch so unglaublich ab.“

    Genau das war es wohl, was Christa Wolf zum Schreiben brauchte, das Sich-Reiben an der Wirklichkeit. Das war ihr Thema, woran sie auch die großen existenziellen Fragen ihrer Zeit – oft verschlüsselt in „klassischem“ Gewand wie in „Kassandra“ und „Medea“, aber auch ganz direkt wie im großen Thema der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in „Störfall“ – bearbeitete. Neben scheinbar privaten Inhalten wie in dem Roman „Sommerstück“ ging es ihr immer auch um das große Ganze in seiner Kompliziertheit und Unvollkommenheit. Wolfs Zwiespalt wird bleiben und sie immer wieder auch körperlich belasten mit Krankheiten. „Gehen oder bleiben“ ist und bleibt für sie die Dauerfrage. Obwohl bereits mit der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968 und dann mit der Ausbürgerung Biermanns eigentlich alle Hoffnungen auf einen menschlichen Sozialismus auch bei ihr vernichtet waren und sie sich fortan bewusst war, dass alle ihre Post mitgelesen wurde, wie sie in einem Brief an Gabriele Wohmann schreibt, den sie – dank ihrer Reisefreiheit als prominente Vertreterin der DDR – in den Westen expedieren kann. Aus der Rückschau schreibt sie im Februar 2001 an den Theaterregisseur Adolf Dresen „Einmal im Leben sollte man an Unmögliches geglaubt haben.“

    An solchen Beispielen kann man ablesen, dass Briefeschreiben für Christa Wolf unverzichtbares Mittel zur Mitteilung war, aber genauso zur Selbstvergewisserung, zum Ausdruck von Gefühlen, von Zweifeln und Überlegungen, die sie mit anderen teilen wollte. Bei offizielleren Adressaten erkennt man, dass sie sich ihrer Aufgabe als öffentliche Person und als solche mit gesellschaftlicher Verantwortung bewusst war. Nachzulesen sind auch ihre Bemühungen, Menschen zu helfen, auch verfolgten jungen Autoren wie Lutz Rathenow oder der jungen Herta Müller. Denn sie wusste „Wir schreiben ja alle auch die Angst weg.“ Und dann immer wieder das Private, das für Christa Wolf eine lebenswichtige Rolle spielt. Freundschaften, die Familie, der private Alltag, ihr Bauernhaus in Mecklenburg-Vorpommern als Refugium. Denn, so schrieb sie an Friederike Mayröcker: „Zwar könnte ich nicht leben, ohne zu schreiben, aber ich könnte auch nicht leben, wenn ich nur schriebe.“ Wie wichtig für sie insbesondere die Aufgehobenheit in der Familie war, davon zeugt ein berührender Brief an ihren Mann Gerhard Wolf zu seinem 82. Geburtstag: „Dass wir uns getroffen haben, dass daraus unsere Familie gewachsen ist, das ist mein Lebensglück.“

    Im August 2011, nur wenige Monate vor ihrem Tod, der sich am 1. Dezember zum fünften Mal jährte, schreibt Christa Wolf an die italienische Verlegerin ihrer Werke Sandra Ozzola in Rom: „Ich habe manchmal das Gefühl, ,ausgeschrieben‘ zu sein. Ich habe ja immer aus einer Konfliktlage heraus geschrieben, musste ein Problem angehen, das mich anging… Dieses letzte dicke Buch ist vielleicht doch etwas wie eine Bilanz.“ („Stadt der Engel“, DT vom 10.7.2010)

    In diesem äußerst lesenswerten Band wird ein halbes Jahrhundert deutsch-deutscher (Literatur)-Geschichte aufgeblättert. Dank der vorzüglichen Kommentierung kann man daraus nur Gewinn ziehen.

    Christa Wolf: Briefe 1952–2011. Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 1 040 Seiten, EUR 38,–