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    „Wir brauchen die Tugend heroischer Gelassenheit“

    Herr Professor, das Schüren von Angst ist heute eine terroristische Waffe.

    ist Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Die Deutschen und ih... Foto: dpa

    Herr Professor, das Schüren von Angst ist heute eine terroristische Waffe. Warum trifft sie uns in den westlichen Gesellschaften, denn eigentlich ist die statistische Wahrscheinlichkeit, von einem Auto überfahren zu werden, wesentlich höher als einem Terror-Anschlag zum Opfer zu fallen?

    Dass der Terrorismus in ganz anderer Weise Angst und gelegentlich sogar Panik erzeugt als die Gefährdungen und Risiken in unserem Alltag, hat auch etwas mit seiner Selbstinszenierung zu tun, dem Plötzlichen, dem Überraschenden, den Bildern eines Detonationspilzes und der Aufmerksamkeit der Medien dafür. Terrorismus nützt beides aus, die großstädtischen Verdichtungsräume, in denen es für die Akteure relativ leicht ist, einen Anschlag durchzuführen, aber auch die Mediendichte in diesen Räumen, die dazu führt, dass über solche Anschläge relativ schnell und intensiv berichtet wird. Das macht den Unterschied zu irgendwelchen Gewalthandlungen, die in dem, was man früher die Dritte Welt genannt hat, stattfinden.

    Welche bürgerlichen Tugenden braucht es in den westlichen Gesellschaften, um sich gegen die „Waffe Angst“ zu wappnen?

    Gelassenheit. Ich habe das auch einmal heroische Gelassenheit genannt, um deutlich zu machen, dass es keine Gelassenheit ist, die man sich sozusagen nebenbei leistet, sondern dass es angesichts der medialen Aufmerksamkeit und der Erregungskonjunktur von Boulevardpresse oder Privatfernsehen eines Entschlusses zur Gelassenheit bedarf. Wenn man diesen Entschluss rational unterfüttert, das heißt die realen Risiken des Lebens in ihrer statistischen Wahrscheinlichkeit in Erinnerung ruft, dann lässt sich das vernünftig angehen.

    Was macht eine solche von Ihnen forcierte Gelassenheit im Einzelnen im Verhalten der Bürger und Politiker aus?

    Im Prinzip heißt das für alle: Unseren Tag so zu führen und zu organisieren, wie wir ihn organisiert hätten, wenn es keine Terrorwarnungen oder keine Internet-Bedrohungen gegeben hätte. Dass wir gewissermaßen das, was Terrorismus mit uns anstellen will, an uns abprallen lassen.

    Welche Ausdrucksformen für die geforderte Gelassenheit gibt es dann in den westlichen Gesellschaften, um den Terroristen umgekehrt zu signalisieren, dass ihre „Waffe Angst“ stumpf ist, ihr Spiel nicht funktioniert?

    Wir wissen nicht so viel über die Terroristen, aber die wissen sehr viel über uns. Das liegt auf der Hand: Das eine ist eine Geheimgesellschaft, das andere eine offene Gesellschaft, die auch ihre Kommunikationen und Erregungen öffentlich pflegt. Wenn seitens der Entscheider terroristischer Gruppierungen festgestellt wird, dass sich bestimmte Gesellschaften in höherem Maße in einen Erregungszustand versetzen lassen und dass dadurch mit relativ geringen Mitteln ein größerer Schaden angerichtet werden kann, dann sind diese besonders leicht erregbaren Gesellschaften natürlich in besonderer Weise im Fokus von terroristischen Akteuren. Das ist gewissermaßen die Rationalität ihres Handelns. Wobei der Schaden, den sie anrichten können, darin besteht, dass sie durch die Veränderung unserer Lebensweise – indem wir beispielsweise nicht mehr U-Bahn fahren, sondern auf den Individualverkehr umsteigen – Staus und Verkehrsinfarkte produzieren, die ihrerseits zu ökonomischen Verlusten führen. Das heißt, die andere Seite kann mit einem begrenzten Aufwand bei uns gewaltige ökonomische Effekte erzielen – diejenigen, die jüngst Paketbomben an jüdische Einrichtungen in aller Welt verschickt haben, teilten in einer Internet-Nachricht ja mit, dass sie die Aktion gerade mal 4 000 Dollar gekostet habe, die westlichen Gesellschaft zur Abwehr solcher Gefahren jedoch in Zukunft Milliarden Dollar aufwenden müssten. Und das dürfte ungefähr stimmen. Das ist ihr Ziel. Insofern wird hier deutlich, wie die asymmetrische Bedrohungslage aussieht.

    Sollte man dann mit heroischer Gelassenheit die Sicherheitsvorkehrungen erst gar nicht erhöhen?

    Dass im Luftfrachtbereich eine Sicherheitslücke klafft, war der Polizei und den Nachrichtendiensten hierzulande sicherlich bekannt. Aber es ist doch auch klar, dass man das Schließen dieser Lücke zunächst unterlassen hatte, weil es zu hohe Kosten verursacht hätte. Natürlich kann man nicht mutwillig sagen, wir schließen bestimmte Lücken nicht, machen dies oder jenes nicht, weil das Geld kostet. Das können sich unsere Gesellschaften mit ihren gewaltigen Sicherheitsbedürfnissen nicht leisten. Da muss die Politik einen klugen Balanceakt vollführen. Gelegentlich arbeitet die Politik ja auch mehr mit Symbolik als mit effektiven Maßnahmen. Ich denke, dass die an vielen öffentlichen Einrichtungen aufmarschierte Bundespolizei in ihren Schutzwesten und Maschinenpistolen eher symbolische Bedeutung als einen realen Effekt für die Terrorabwehr hat.

    Nochmals zur heroischen Gelassenheit: Wo sehen Sie Sinnressourcen in den westlichen Gesellschaften, aus denen sich eine solche Haltung speisen kann? Ist es Religion, ist es Verfassungspatriotismus, ist es gesunder Menschenverstand?

    In diesem Fall würde ich vor allem sagen, gesunder Menschenverstand. Religion spielt hier eher keine Rolle, weil es ja in diesem Zusammenhang zumindest auf unserer Seite nicht um irgendwelche heilsgeschichtlichen Erwartungen geht, sondern eigentlich nur um die Aufrechterhaltung von Alltagsroutine. Verfassungspatriotismus hilft vielleicht ein wenig, indem er darauf insistiert, dass wir eine bestimmte Lebensweise haben, in der wir der Freiheit einen hohen Wert beimessen. In dieser Frage wendet sich der Verfassungspatriotismus beinahe schon gegen übertriebene Maßnahmen der Sicherheitsbehörden, gegen Einschränkungen bestimmter Freiheiten und bestimmter Rechte im Hinblick auf terroristische Bedrohungen. Der Verfassungspatriotismus fällt eher einem übereifrigen Staat in den Arm. Wohingegen der gesunde Menschenverstand sozusagen kühl kalkuliert, dass die morgendliche Fahrt zum Arbeitsplatz mit dem Auto statistisch riskanter ist als die Nutzung der U-Bahn, bei der ein Anschlag stattfinden könnte.

    Sehen Sie in diesem Zusammenhang auch Parallelen zum sogenannten Deutschen Herbst 1977, dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) und den damaligen Reaktionen der Bevölkerung und der Politik?

    Natürlich gibt es Parallelen insofern, dass terroristische Strategien nach vergleichbaren Mustern funktionieren. Aber man sollte auch die Differenzen ins Auge fassen. Im Falle der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer oder der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 etwa ging es um ganz konkrete Ziele der Akteure, nämlich das Erpressen der Regierung dahingehend, dass die Stammheimer Gefangenen freizulassen seien. Es war bis zur Entführung der „Landshut“ auch klar, dass sich die Gewalt der RAF und ihrer Verbündeten eigentlich gegen die Spitzen des Staates und die Spitzen der Wirtschaft – vergleiche die entsprechende Kapitalismustheorie der RAF – richteten. Es war klar, dass kein Anschlag auf Vorort-Züge stattfindet, also auf das, was in der Sprache der RAF das bundesdeutsche Proletariat gewesen wäre. Insofern war die Bevölkerung tendenziell lediglich der Beobachter einer Szene. Das kippte mit der Entführung der „Landshut“, als durch das Hereinziehen eines palästinensischen Kommandos schlagartig klar war, dass es im Prinzip jeden treffen kann, jedenfalls jeden, der irgendwo Urlaub machen will. Danach war auch klar, dass die RAF keine Chance mehr auf eine wie auch immer geartete Sympathie oder gar Unterstützung aus irgendwie größeren Gruppen der Bevölkerung heraus hatte. Sie hatte den Kampf um den interessierten Dritten verloren und diese Konsequenz hat die in Stammheim einsitzende Spitzengruppe der RAF-Terroristen dann auch gezogen. Jetzt geht es eher darum, diffuse Angst zu verbreiten. Insofern kann man sagen, die jetzige Bedrohung ähnelt eher sporadischen Terroranschlägen der politischen Rechten wie beispielsweise dem auf das Münchener Oktoberfest, der uns nicht so in Erinnerung ist, den es aber gegeben hat. Oder wie vermutlich die rechten Gruppierungen einige Anschläge in Italien durchgeführt haben, siehe Bologna und ähnliche mehr. Insofern gibt es Ähnlichkeiten, aber auf der operativen Ebene überwiegen die Unterschiede.

    Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch über die Deutschen und ihre Mythen geschrieben. Im Ausland gibt es das Bonmot von der „German Angst“, der vermeintlich für Deutschland so typischen Angst. Ist die Angst ein deutscher Mythos?

    Zunächst einmal: Keine Gesellschaft war so sicher hinsichtlich der Bewältigung von Lebensrisiken wie es unsere jetzt ist. Aber die Folge dieser historisch unvergleichlichen Sicherheit ist ein gestiegenes Unsicherheitsgefühl. Das ist ganz erstaunlich – man könnte hier auch von einer Dialektik sprechen, dass die Erhöhung von objektiver Sicherheit zu einem Wachsen von subjektiven Unsicherheitsempfindungen führt. Ich habe das in anderen Zusammenhängen eine „postheroische Gesellschaft“ genannt, in der die Menschen tatsächlich sehr viel zu verlieren haben und permanent umgetrieben werden vor Sorge. Ich würde überhaupt den von dem Philosophen Martin Heidegger gepflegten Begriff der Sorge höher stellen als den der Angst. „German Angst“ bezieht sich ja auch darauf, dass es diesen Begriff so eigentlich nur im Deutschen gibt, wobei Angst gemäß dem Existenzphilosophen Sören Kierkegaard und dem Psychoanalytiker Sigmund Freud von Furcht zu unterscheiden ist. Es gibt die Furcht, bei der ich weiß, was mich bedroht und gefährdet und ich sozusagen auf dieses Objekt bezogen in Erregungszustand bin, wohingegen Angst eine diffuse Disposition des in-der-Welt-seins ist. Es mag sein, dass das zeitweilig eine deutsche Attitüde gewesen ist. Man könnte fast sagen, damit haben die Deutschen in ihrer kollektiven Psyche ausgeglichen, was sie zwischen 1914 und 1945 an demonstriertem Heroentum und Opferbereitschaft in die Waagschale der europäischen Politik geworfen haben – zu unser aller Unglück.

    Sind die Deutschen jetzt angesichts der Terrorwarnungen also zu ängstlich oder nicht?

    Ich glaube nicht, dass jetzt in Deutschland eine Angst in besonderem Maße ausgeprägt ist, die sich von der der Franzosen oder Briten unterscheidet. Die Reaktion der Bevölkerung in Deutschland scheint mir von großer Gelassenheit geprägt zu sein: Ich bin gestern und heute mit der U-Bahn in Berlin gefahren bis zur Friedrichstraße in der Nähe des Reichstags. Es ist in dem Zug genauso wie sonst auch. Die Angst vor dem Terror ist in vieler Hinsicht eher ein Medienphänomen, als dass man das wirklich in der Bevölkerung festmachen kann.