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    Wie stellt man eigentlich Literatur aus?

    Frankfurt an der Oder gehört eher zu den Sorgenkindern unter den deutschen Städten. Rund 58 000 Einwohner zählt die Stadt an der Grenze Deutschlands zu Polen. Seit der Wende in der DDR im Jahre 1989 hat die Stadt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und des Geburtenrückgangs fast 30 Prozent ihrer Bewohner verloren. Der Trend hält an. Bis 2025 könnte Schätzungen zufolge die Bevölkerungszahl auf 44 000 fallen.

    Das neu eröffnete Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder. Foto: Museum

    Frankfurt an der Oder gehört eher zu den Sorgenkindern unter den deutschen Städten. Rund 58 000 Einwohner zählt die Stadt an der Grenze Deutschlands zu Polen. Seit der Wende in der DDR im Jahre 1989 hat die Stadt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und des Geburtenrückgangs fast 30 Prozent ihrer Bewohner verloren. Der Trend hält an. Bis 2025 könnte Schätzungen zufolge die Bevölkerungszahl auf 44 000 fallen.

    Da ist es eine gute Entscheidung, dass die Stadt Frankfurt an der Oder unterstützt vom Land Brandenburg, dem Bund und der Europäischen Union, in dieser Situation in Kultur investiert hat. In der Geburtsstadt des 1777 geborenen Brandenburger Dramatikers, Erzählers und Lyrikers Heinrich von Kleist ist am vergangen Donnerstag der 5,4 Millionen Euro teure Neubau des Kleist-Museums eröffnet worden – und mit ihm die neue Dauerausstellung „Rätsel Kämpfe Brüche. Die Kleistausstellung“. Der Titel passt zu dem unsteten Leben Kleists mit seinen vielen Reisen, dem zu Lebzeiten weitgehend versagten Ruhm und seinen Krisen. Kleist war Sohn eines preußischen Offiziers. Der Familientradition folgend trat er mit 14 Jahren in die Armee ein, empfand den Militärdienst jedoch als unerträglich und quittierte nach sieben Jahren den Dienst.

    Nicht auf Reichtum, Würden und Ehren wollte er, so Kleist, sein Leben gründen, sondern auf die Ausbildung des Geistes und ein wissenschaftliches Studium aufnehmen. Er studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Staatswissenschaft in Frankfurt an der Oder, doch brach er das Studium bereits nach drei Semestern ab. Es folgten unstete Jahre, in denen er sich in Paris und der Schweiz, in Königsberg, Dresden und zuletzt in Berlin aufhielt.

    Existenzielle Unruhe und ständige Glücksuche prägten sein Dasein. Ohne literarischen Erfolg, an menschlichen Bindungen zweifelnd und über die politische Lage verzweifelt, nahm er sich gemeinsam mit der unheilbar kranken Henriette Vogel im Alter von nur 34 Jahren am Berliner Wannsee das Leben. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Novelle „Michael Kohlhaas“, die Komödien „Der zerbrochene Krug“ sowie „Amphitryon“ und das Drama „Prinz Friedrich von Homburg“.

    Das Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder ist der Ort, wohin in Deutschland diejenigen gehen, die über den großen deutschen Dichter forschen wollen. Das Haus verfügt nach eigenen Angaben mit mehr als 34 000 Schriften, Kunstwerken und Dokumenten in der Bibliothek sowie den Sammlungen über die derzeit umfangreichste Dokumentation zu Heinrich von Kleist und sein literaturgeschichtliches Umfeld. Zu den wichtigsten Teilen der Sammlungen zählen nach Museumsangaben Dokumente der Auseinandersetzung bildender Künstler mit Leben und Werk des Dichters. Darunter befinden sich Arbeiten von Max Slevogt, Oskar Kokoschka und Max Liebermann. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Thema Kleist in der DDR-Kunst.

    In der ehemaligen Garnisonsschule in Frankfurt an der Oder, einem barocken Altbau aus Kleists Geburtsjahr 1777, wurde 1969 zu DDR-Zeiten das erste Kleist-Museum eröffnet. Seit 2011 wird nun am Neubau gebaut. Das schlichte Gebäude mit seiner Natursteinfassade aus Dolomit steht direkt neben dem alten Museum. Ein Durchgang verbindet den Neubau mit seiner regelmäßig gegliederten Fassade mit dem barocken Denkmal.

    Die Arbeiten an dem Neubau standen unter der Federführung von Lehmann Architekten (Offenburg/Berlin). Das Gebäude mit vier Ebenen ist nach Angaben des Museums 26 Meter lang und zwölf Meter hoch. Der Museumsstandort hat neben der Ausstellung Platz für die Sammlungen, die Bibliothek, den Veranstaltungsraum und für die Mitarbeiter.

    Im Altbau wird Kleists Leben präsentiert; im Neubau sein Werk und seine Sprache. Museumsdirektor de Bruyn: „Wir haben versucht, ein sehr modernes Angebot zu machen. Mit akustischen Signalen, die versuchen, die unverwechselbare Sprache Kleists zu erklären und sein Werk zu interpretieren, zu hinterfragen. Kleists Sprache ist das Unverwechselbare, das ihn auszeichnet. Das sollte man nicht mit der Biografie vermischen.“

    Kleist einen eigentümlichen literarischen Stil, berühmt ist der über 90 Worte lange erste Satz der „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“: „In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirth, dass sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, dass wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der That waren.“

    Paradiesische Harmonie und völlige Hoffnungslosigkeit: Zwischen diesen beiden Extremen schwanken Kleists Erzählungen häufig – so wie in „Das Erdbeben in Chili“, in welchem das schreckliche Ende den Leser schockiert: Einige Menschen – unter ihnen zwei Liebende – schöpfen neue Hoffnung, nachdem sie ein schweres Erdbeben überlebt haben. Sie wollen ihre Rettung bei einem Gottesdienst dankbar feiern und werden dann von einer Menschenmenge grausam getötet, die meinen, die Schuldigen für das Erdbeben als „Strafe Gottes“ gefunden zu haben.

    Wie kann man Kleist, aus dessen Leben – außer einer Miniatur – keine anderen gegenständlichen Zeugnisse existieren als beschriebene Blätter, in einem Museum adäquat darstellen? Das war die große Herausforderung, vor der Museumsdirektor Wolfgang de Bruyn und Barbara Gribnitz, Kuratorin der neuen Dauerausstellung standen. Im Ausstellungskatalog bringt die Kuratorin es auf den Punkt: „Wie stellt man eigentlich Literatur aus?“

    „Weder Bücher oder Manuskripte noch Exponate, die auf Wirkungsbedingungen verweisen, können Literatur ausstellen,“ schreibt Barbara Gribnitz im Einführungskatalog zum Katalog der Ausstellung. „Literatur ist ein sprachliches Erzeugnis, das erst in der Rezeption durch den Einzelnen entsteht.“ Die Kuratorin versucht nicht, eine Ausstellung im klassischen Sinne anzubieten, sondern eine Inszenierung über Rauminstallationen, die Lebensphasen Kleists in charakteristische Bilder fassen.

    Im Neubau, dem Beginn des Rundgangs, trifft der Besucher zuerst auf das Alleinstellungsmerkmal Kleists, seine unverwechselbare Sprache: Zwischen Stangen befestigte Leuchtbücher versuchen die Eigenheit von Kleists Sprache zu vermitteln. Im zweiten Raum trifft der Besucher auf einen Stangenwald, aus dem aus seinen Werken zitiert wird. Begleiter durch die Ausstellung sind Tablet-Computer, mit denen man vertiefende Informationen abrufen kann.

    Die fünf Räume des Altbaus, den der Besucher über einen gläsernen Verbinder erreicht, sind – gegliedert nach „Tradition“, „Liebe und Bildung“ „Stationen“, „Schriftstellerleben“ und „Tod“ – Kleist in seiner Zeit gewidmet. Der Kleine Wannsee als beklemmendes Panorama verweist auf den inszenierten Tötungsakt. In Wechselausstellungsräumen im Neubau ist Platz für viele Ausstellungen zur Wirkungsgeschichte Heinrich von Kleists.

    Die Dauerausstellung „Rätsel Kämpfe Brüche. Die Kleist-Ausstellung“ ist täglich außer Montag von 10–18 Uhr zu besichtigen. Der Katalog zur Ausstellung ist für 19,50 Euro im Kleist-Museum und im Buchhandel erhältlich.