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    Wie denken Medienmacher?

    Mit abfälligen Äußerungen über Zuschauer wird der Kampf um die Quote noch deutlicher. Von Burkhardt Gorissen

    Thomas Ebeling
    Ist nachdenklich geworden: ProSiebenSat.1 Senderchef Thomas Ebeling zieht sich nach umstrittener Äußerung zurück. Foto: dpa

    Was ist den Fernsehmachern der Zuschauer wert? Die Antwort darauf gab der ProSiebenSat.1 Senderchef Thomas Ebeling in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Dass Ebelings Fauxpas öffentlich wurde, deutete darauf dahin, dass er angezählt ist. Nun hat er freiwillig seinen Rückzug für Februar 2018 angekündigt.

    Offenbar hatten die Analysten kritische Fragen zum Geschäftsmodell von ProSiebenSat1 gestellt, die sich dahingehend konkretisieren, ob der Sender noch gegen Bezahlangebote wie Netflix oder Sky ankommt. Ebelings Antwort: „Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen.“ Dass er im Nachsatz feststellte, „Nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun. Und sehr oft sind deren Inhalte sehr, sehr Arthouse-like“, fiel durch den medialen Raster. Viel Spielraum für Missverständnisse gibt es ohnehin kaum. Die Katastrophe erfolgte auf Ansage. Nach dem Bekanntwerden brauste denn auch ein Orkan über Ebelings Kopf hinweg.

    Das Spiel mit Hoffnungen und Ängsten der Menschen

    Mit der plumpen Beschreibung seiner Kernzielgruppe erwies er der Münchener Mediengruppe einen Bärendienst. Hinzu gesellte sich der Glaubwürdigkeitsverlust bei der Werbeindustrie. Kaum vorstellbar, dass sie ihre auf junge, dynamische Käufer ausgerichteten Produkte bei einem Sender platzieren, deren Zuschauer schlaff vor der Kiste dahindämmern. Plötzlich war der fast schon vergessene Begriff des „Unterschichtfernsehens“ wieder in aller Munde. Damit verlor das Unternehmen bei Anlegern weiter an Vertrauen. Um zu retten, was nicht mehr zu retten war, reagierte der Unterföhringer Konzern mit einer waidwunden Stellungnahme Ebelings, die ein Sprecher verkündete: „Bei meiner Aussage handelte es sich natürlich um eine plakative Zuspitzung zur Illustration unterschiedlicher Mediennutzungsweisen. Mitnichten wollte ich unsere TV-Zuschauer diskreditieren. Aus dem Zusammenhang der Diskussion gerissen, ist diese Äußerung leider falsch verstanden worden, was ich sehr bedauere.“ Das klang schon sehr nach Rückwärtsverteidigung. Und was heißt hier plakative Zuspitzung? Umgekehrt wird ein Schuh draus. Dass seine Äußerung wenig Interpretationsspielraum bot, musste ein Topmann wie Ebeling wissen. Der war er, denn er hatte sich als Manager durchaus seine Meriten verdient. Dazu gehörten die Digitalgeschäfte, die er in den vergangenen Jahren aufbaute. Allerdings, erläutern Analysten, habe der Vorstandschef in seiner Programmpolitik auch diverse Fehler gemacht. Unter seinem Faible für kleine Spartensender, so der Vorwurf, litt das Kerngeschäft enorm. In der Tat: die Börsennotierungen gaben nach, in den vergangenen vier Monaten brachen sie sogar um 30 Prozent ein. Folge: Der Dax-Titel verlor fast zwei Milliarden an Börsenwert. Ein Desaster für die Anleger. Nun kam es noch schlimmer. Ebelings unbedachte Äußerungen sorgten für einen weiteren heftigen Kursrutsch. Zeitweilig fielen die Papiere der Münchener TV-Gruppe um mehr als zehn Prozent. Der Aktie droht damit der Abstieg aus dem deutschen Leitindex. Die Erschütterung war nicht nur in der Vorstandsetage zu spüren. Ebeling zog die Konsequenzen. Sein Vertrag lief noch bis Mitte 2019, allerdings hatte er bereits früher angekündigt, den Kontrakt nicht verlängern zu wollen. Der Aufsichtsrat muss nun den personellen Neuanfang schneller einläuten als ursprünglich geplant. Zeit bleibt bis zum Februar 2018 nicht viel. Einstweilen warten die Analysten gespannt auf den Nikolaustag. Nicht wegen der Geschenke, am 6. Dezember soll auf dem Kapitalmarkttag die neue Konzernstrategie von ProSiebenSat1 präsentiert werden. Das wird Ebeling wohl noch durchziehen. Im Gespräch ist ein radikales Sparpaket. Vermutlich ist vorgesehen, die TV-Sendegruppe auf drei große Geschäftsbereiche zu begrenzen. Möglich sind auch separate Börsengänge, um den Wert des Gesamtunternehmens zu steigern. Ein letzter Husarenstreich, für den sein Nachfolger die Meriten einsammeln wird? Business as usual – so oder so. Seit 2009 stand er an der Spitze des Unternehmens. Der Aufsichtsrats-Vorsitzende und ehemalige SAP-Finanzchef Werner Brandt würdigte schon mal vorab, dass sich Ebeling in dieser Zeit „als eine der herausragenden Unternehmerpersönlichkeiten der Medienindustrie erwiesen“ habe.

    Ist damit alles in Ordnung? Nein, denn Ebelings Ausrutscher deutet ein gravierendes Problem an. Zynismus ist zunehmend Programm. Nicht nur bei den Privatsendern. Dort äußert er sich vor allem in Crash-Talks und Trash-Shows. In festlich inszeniertem Casting-Nonsens und anderen erniedrigenden Menschenzoo-Darbietungen. Man spielt mit den Hoffnungen und Ängsten jener Menschen, die etwas gönnerhaft als „kleine Leute“ bezeichnet werden oder, wenn's eine Kante härter sein soll, als „ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“. Bei der ganzen Quotenjagd, deren Opfer nun auch Ebeling geworden ist, geht es nur darum, niederste Instinkte zu wecken oder, wie es in Managerkreisen euphemistisch heißt, „die Konkurrenz wegzubeißen“. Kann ein solches Programm dann auch etwas anderes werden als eine menschliche Vollkatastrophe?

    Nicht minder perfide: Die Quotenopfer glauben den durchgestylten, dauergrinsenden Moderatoren, die jovial Fragwürdiges servieren, als gäbe es nur die Wahl zwischen Analogkäse oder Presswurst. Solcherlei Ablenkung von der Wirklichkeit nennt Pro7 „We love to entertain you“. Entertainment ist schließlich die virtuelle Fußfessel der ultimativen Fun-Gesellschaft. Hauptsache, die Bilanz stimmt. Was nicht eventtauglich ist, wird aufgepimpt. „Sexy machen“, heißt das im Branchenjargon – damit es die „Klatschaffen“ (Branchenjargon für Zuschauer) fressen. Diese branchenübliche Einschätzung gilt nicht nur für die Ebelings Outlaws, sondern ebenso für den promovierten Fernsehkonsumenten. Doch diese Bilanz stimmt nicht, nicht erst seit dem Katastrophenzitat eines Medienmachers. Zeugt der intellektuelle Hochmut der Eliten eigentlich vom moralischen Verfall dieser Kaste oder ist er nur der natürliche Ausdruck einer aalglatten Egoismusindustrie? Schließlich ist der ganze Mediensums nur solange hip, wie die Börsenwerte steigen. Cash as cash can. Doch Ebeling hat den Fehler gemacht, sich nicht in einer jener senderüblichen mittäglichen Krawall-Talkshows zu äußern, wo seine „ein bisschen fettleibig und ein bisschen armen“ Zuschauer aufeinandergehetzt werden, als wären sie Darwins Rottweiler, während ihre Brüder und Schwestern „auf dem Sofa sitzen“ und verzweifelt glauben wollen, in dem viereckigen Apparat vor ihnen sei irgendetwas Realität.

    Ebelings Äußerungen lassen darauf schließen, dass in einigen Amtsstuben der Medienindustrie grenzenloser Hochmut herrscht. Dafür wurde er an den medialen Pranger gestellt. Dass er die Konsequenzen gezogen hat, ehrt ihn, doch damit widerfährt weder denjenigen Gerechtigkeit, die er stigmatisierte, noch denen, die als Anleger ihre Werte geschmälert sehen. Entschuldigt hat er sich bislang wohl nicht. Eine Erklärung, es nicht so gemeint zu haben, ist jedenfalls arg fad. Wenn es nur das wäre, könnte man meinen. Doch längst sind wichtige Werte unserer Gesellschaft perdu. Beispielsweise Anstand. Mehr Demut täte dem Journalismus und seinen Managern generell ganz sicher gut. Nachdenken, in sich gehen, überlegen, welchen Wert ein Leben überhaupt hat. Es geht um mehr als um eine flapsige Äußerung.