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    Widerständigkeit einer alten Kultur

    In Neapel leben die Menschen mit den Toten und geben alles für die Madonna Von Urs Buhlmann

    Fontanels cemetery, Cimitero delle Fontanelle of Naples it is perhaps one of the most mysterious places in the city of Naples. Italy
    Der Friedhof der Schädel gehört zu den mysteriösesten Orten der Stadt. Foto: Adobe Stock

    Eine Stadt, ein Kontinent: Auch wer nur ein einziges, kurzes Mal in Neapel war, wird gemerkt haben, dass er in einem ganz besonderen Teil Italiens unterwegs ist. Wer die Römer für typische Süditaliener hält, wird hier eines Besseren belehrt. Größere Familien sieht man in der Hauptstadt fast gar nicht mehr, hier schlendern große Clans lässig über die Piazza, spielt sich noch fast klischeehaft das Leben auf der Straße ab.

    Liegend dem Altar entgegenrobben

    Die Stadt ist erkennbar ärmer als Rom, definitiv schmutziger und jedenfalls lauter und fröhlicher. Mit einem gleichsam doppelten Blick als Ethnologe und Literaturwissenschaftler nähert sich Ulrich van Loyen dem Phänomen Neapel und rollt es sozusagen von unten auf: Der Totenkult der Stadt, katholisch camoufliert als „anime sante del purgatorio“ oder der Madonno dell'Arco zugeignet, lehrte ihn, dass die Entzauberung der Welt diesen Ort noch nicht erreicht hat und dass Friedhöfe Orte des Lebens sind. Theologisch formuliert könnte man sagen: Schaut, wie eure Vorfahren früher glaubten, wie Wunder geschehen, wenn man sie für möglich hält.

    Van Loyen forschte als Stipendiat einige Jahre in der Stadt am Vesuv und teilte dort das Leben der einfachen Menschen. Sie lehrten ihn alles, was er wissen wollte, indem sie ihn teilhaben ließen an ihren Traditionen. Der Forscher muss dazu freilich die olympische Perspektive des ungerührt Beobachtenden verlassen und dahin gehen, wo sich pralles Leben ereignet. Die Tisch- und Festgemeinschaften bei den Festen des Volkes zum Beispiel seien als Tauschgemeinschaft konzipiert, man nimmt, man gibt. „Das nationale Copyright auf Pizza und Pasta, beides Speisen, die sich beliebig und ohne Qualitätssprünge vermehren lassen, beansprucht Neapel bis heute. Dort isst man nicht raffiniert, sondern große Mengen an Speisen, die sich leicht teilen lassen und an denen alle teilhaben.“ In ihnen spiegeln sich die Eigenschaften wieder, die man den Bewohnern der Stadt zuschreibt: Die „furbizia“, die Schläue, die als Frucht der Anpassung an weltliche und geistliche Autoritäten gedeutet wird, die Gastfreundschaft, der Aberglaube, die „arte di arrangiarsi“, die Kunst, es sich zu richten. Aber nirgendwo, so der Autor, sei der Neapolitaner mehr bei sich als wenn er die Ahnen ehre, wie es schon seine vorchristlichen Vorfahren getan haben. Man steigt in die Katakomben und Krypten hinab und küsst alle Bilder, überhaupt alles, dessen man habhaft werden kann. Und das heißt auch die Schädel, die dort säuberlich gestapelt liegen. Jede Familie hat sich einen Schädel ausgesucht, den sie eifersüchtig bewacht, aber eben auch verehrt. Er wird poliert, bis er glänzt wie eine Billardkugel.„Die Gebete sind nicht an die Toten gerichtet, sondern für sie gesprochen, das sei klar (heißt es, ist aber so klar wieder nicht), aber sie werden angereichert mit dem intensiven Begehren der Betenden.“ Die Toten werden mit allen Mitteln aufgefordert, am Dasein der Lebenden teilzunehmen: „Durch die Aufführung lässt sich die eigene ,miseria‘ etwas besser bewältigen, kann sie fortgerückt und thematisiert werden“. Die Toten haben also eine Doppelrolle als Gegenstand und Adressat der Verehrung, sie werden auf diesem Weg bereits zu „santi nel paradiso“. Besucher aus dem Norden hat das zu allen Zeiten befremdet bis angeekelt. Der Autor lässt keinen Zweifel an seinem der Objektivität verpflichteten wissenschaftlichen Ansatz. Aber er zeigt doch viel Wärme in der Beobachtung und Beurteilung seiner (lebenden) Anschauungsobjekte, erzählt, wie die Neapolitaner, unter denen und mit denen er lebte, ihn allmählich adoptieren, sich auch geehrt fühlen vom Interesse des Doktors aus Deutschland. Natürlich wird er auch mehr und mehr eingespannt in ihre Klientelwirtschaft, soll dieses und jenes besorgen und ermöglichen. Das Verbrechen ist eine Macht in der Stadt, die Camorra, der zumal die kleinen Leute nicht entkommen und deren Dominanz achselzuckend akzeptiert wird. Und die Priester, die sich leicht in zwei Gruppen einteilen lassen: Diejenigen, die die alte Volksfrömmigkeit akzeptieren und allenfalls in „gesunde“ Bahnen zu lenken versuchen, und in die, denen das in jeder Beziehung zu viel ist. Nüchtern zeichnet der Autor nach, wie nach dem letzten Konzil Bischöfe und „fortschrittliche“ Pfarrer versuchten, mit der Herrschaft der Toten aufzuräumen – und scheiterten. Von Tatkraft und Einsamkeit der Priester liest man viel in diesem Buch, sie scheinen in einer Stadt wie Neapel noch wirklich etwas bewegen zu können und sind die heimlichen Bezirksbürgermeister der Millionenstadt. Auch Beppe Grillo kommt vor, der Komiker und Anti-Politiker, der behauptet, enge Beziehungen zu einem der wichtigen Sozial-Pfarrer der Stadt zu haben.

    Man liest van Loyens Buch mit steigendem Interesse, weil es auf keiner Seite langweilig ist und kaum einmal soziologisch wird. Es ist gleichzeitig Reiseführer (durch die weniger bekannten Teile Neapels), Beschreibung eines wissenschaftlichen Feldversuchs und Selbstauskunft eines Teutonen, der wahrnimmt, wie ihn das Leben mit den kleinen großen Leuten Neapels prägt und verändert. Der Totenkult genauso wie die rauschhafte gesteigerte Verehrung der Madonna, an deren Festtag die besonders Eifrigen dem Altar der Basilika auf dem ganzen Körper liegend langsam entgegenrobben sind letztlich trotziges Symbol der Widerständigkeit einer alten Kultur – in dem traurigen Wissen, dass sie eben doch poco a poco verschwindet. Ulrich van Loyen ist bewusst, dass er die „Letzten ihrer Art“ beobachtete, „die Überlebenden einer Kultur der Heiligen, die, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil ein symbolisches Verständnis von Heiligkeit propagierte (oder von praktischer Nachfolge anstatt von wundertätigen Berührungen), ein Schattendasein fristet. Dabei sind sie demütige Menschen in dem Sinne, dass sie die Wirkungen Gottes erfahren wollen, ohne sich anzumaßen, je sein zu können wie Er. Diese Demut immunisiert sie gegen den Anspruch einer allgemeinen Moral, macht sie aber nicht ,unmoralisch‘.“ Wir können also alle etwas lernen von den Bewohnern der „populären“ Viertel Neapels, deren wundersame und wundermächtige Welt dieses mit kongenialen Fotografien von Anja Dreschke bebilderte ungewöhnliche Buch uns aufschließt.

    Ulrich van Loyen: Neapels Unterwelt – Über die Möglichkeit einer Stadt, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018, 454 Seiten, ISBN 978-3-95757-471-8, EUR 28,–

    Von Urs Buhlmann

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