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    Wer reich ist, zahlt mehr

    Bei aller Sorge vor Internetüberwachung gibt es jetzt auch eine Studie, die handfeste Daten liefert. Sie macht deutlich, wie Daten ausgewertet werden und wie machtlos die Nutzer sind. Davon völlig unberührt bleibt, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst auch in Zukunft verschlüsselte Internetverbindungen verstärkt überwachen will. Er soll dazu für die „Strategische Initiative Technik“ (SIT) 28 Millionen Euro beantragt haben und bis 2020 das Zehnfache, um Cyberangriffe abzuwehren. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ will der BND sogar beim Geschäft des Kaufs von Sicherheitslücken in Computerprogrammen mitmischen, um wie die NSA mehr Zugriff auf Internetdaten zu haben. Solche Geschäfte aber werden ein Anreiz sein, Lücken möglichst verdeckt zu halten, was letztlich den normalen Datennutzern schadet.

    Alles im Blick? Der Bundesnachrichtendienst, hier die Zentrale in Berlin, will gegen Cyberangriffe technisch aufrüsten. Foto: dpa

    Bei aller Sorge vor Internetüberwachung gibt es jetzt auch eine Studie, die handfeste Daten liefert. Sie macht deutlich, wie Daten ausgewertet werden und wie machtlos die Nutzer sind. Davon völlig unberührt bleibt, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst auch in Zukunft verschlüsselte Internetverbindungen verstärkt überwachen will. Er soll dazu für die „Strategische Initiative Technik“ (SIT) 28 Millionen Euro beantragt haben und bis 2020 das Zehnfache, um Cyberangriffe abzuwehren. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ will der BND sogar beim Geschäft des Kaufs von Sicherheitslücken in Computerprogrammen mitmischen, um wie die NSA mehr Zugriff auf Internetdaten zu haben. Solche Geschäfte aber werden ein Anreiz sein, Lücken möglichst verdeckt zu halten, was letztlich den normalen Datennutzern schadet.

    Die im Internet verfügbare Studie des Wiener Datenexperten Wolfie Christl im Auftrag der österreichischen Bundesarbeiterkammer „Cracked Labs: Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag“ zeigt, was wohl auch in Zukunft passieren wird. Zu den prominentesten Beispielen zählt die Studie über das Verhalten der amerikanischen Supermarktkette Target, die ihren Kunden Identifikationsnummern zuweist, weil sie durch ihre Käufe als schwanger oder auch Familien identifiziert wurden, ohne dass Babykleidung gekauft wurde. Die Kunden wurden dann gezielt mit nach Hause geschickten Katalogen oder Gutscheinen überhäuft. Durch Facebook-Likes genau kann auch ermittelt werden, welche politische Einstellung, Religion, Beziehungsstatus, sexuelle Orientierung, Alkohol- oder Drogenkonsum jemand hat.

    Auch kann das Persönlichkeitsprofil anhand von Smartphone-Daten zu mehr als 70 Prozent genau ermittelt werden. Und das nicht über den Inhalt von Kommunikation, sondern von den angeblich neutralen Metadaten, auf die auch Telekommunikationsfirmen Zugriff haben. Allein aus der Häufigkeit von Anrufen oder SMS lässt sich schließen, ob der Nutzer emotional stabil, weniger offen, ob er extrovertiert, gewissenhaft oder weniger sozial verträglich ist. Das sind die „großen Fünf“ des Charakters, sich aus den Metadaten ablesen lassen. Das Hamburger Kreditinstitut Kreditech greift gemäß der Studie auf Daten aus sozialen Netzwerken zurück, um die Kreditwürdigkeit von Personen einzuschätzen aufgrund der Art und Weise, wie Kreditanträge im Internet ausgefüllt werden, wie die Löschtaste betätigt wird oder wie das Surfverhalten im Internet ist. Das Unternehmen verlangt Zugriff auf den Kundenzugang von Facebook, Xing oder Linkedin – E-bay ist sowieso öffentlich zugänglich. „Alle Daten sind Kreditdaten, wir wissen nur noch nicht, wie wir sie einsetzen werden“, hatte bereits 2012 Douglas Merrill, Gründer von zest finance und ehemaliger Chief Information Officer bei Google erklärt. Darum sammeln die Internettechnologiefirmen Daten: Was heute noch nicht ausgewertet werden kann, wird in Zukunft zu Geld gemacht werden.

    Besonders gravierend ist der Eingriff in das Nutzerverhalten, wenn auf der Basis von Online-Verhalten, Standort-Informationen, der benutzten Geräte oder Browser unterschiedliche teure Produkte verkauft werden. Ein Unterschied bis zu 166 Prozent ist ermittelt worden. Das Online-Reisebuchungsportal Orbitz habe immerhin noch 13 Prozent mehr verlangt, wenn die Bestellung von einem Mac-Computer aus erfolgte anstatt von einem PC. Die Computernutzer haben keinen Einblick darin, wie die Preise zustande kommen. Und, auch das ist ein Beispiel und keine Zukunftsvision, die amerikanische Versicherung Aviva bezieht ihre Prognosen über die Risiken von Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Depression allein aus den Daten über Einkommen, Konsumverhalten oder Lebensstil.

    In Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten gibt es bereits das Abgreifen der Fahrerdaten in Autos, um durch den Fahrstil und das Einleiten des Bremsvorgangs bei Unfällen die Daten an Versicherungen weiterzugeben. Deutschland wird hier noch nachziehen – das Modell könnte dann auch Vorbild für andere Lebensbereiche sind, etwa für die Gesundheitsversorgung, die Menschen Tag und Nacht überwachen könnte. Die Versicherungshöhe richtet sich dann nach dem jeweiligen Verhalten der Bürger. In Deutschland nutzt die Sparkassen-DirektVersicherung die Überwachungsmöglichkeit von Autofahrern, wonach alle 20 Daten über die Position, die Uhrzeit, Geschwindigkeit sowie über das Brems- und Beschleunigungsverhalten an die Zentrale gesendet werden. Wer vorsichtig fährt, zahlt im darauffolgenden Jahr fünf Prozent weniger, wie es in der Studie heißt.

    Überhaupt werden in Deutschland schon längst fleißig Daten gesammelt, wie die Studie angibt. Die Deutsche Post, Otto und Bertelsmann/arvato werden besonders genannt; das amerikanische und auch in Deutschland tätige Unternehmen Acxiom verfüge über einen Pool von Informationen zu 700 Millionen Menschen mit teils bis zu 3 000 Einzeldaten zu Ausbildung, Eigentum, Finanzen, Wahlverhalten, Bedürfnissen und Interessen. 44 Millionen Deutsche sollen hierbei ausspioniert werden, was durch die Kooperation des Unternehmens mit Google, Facebook und Twitter erleichtert wird, wie die Studie sagt.

    Die Studie von Wolfie Christl weist auch ausführlich auf die Gefahren hin, die durch die Kenntnis des Einzelnen, aber auch von Firmen, möglich sind. Dazu gehören neben fehlerhafter Klassifikation von Bürgern auch Cyberkriminalität, vor der der BND schützen möchte. Christl empfiehlt allerdings eher weniger Geheimdienste, sondern die Transparentmachung von Algorithmen, eine europäische Datenschutzverordnung oder Unterstützung dezentraler Technologien, die persönlichen Daten mehr Sicherheit verschaffen. Doch solange das große Geld lockt, ist es immer ein Hinterherlaufen hinter den Technologiefirmen; das wird auch der BND erfahren. Die letzten Sätze aus George Orwells Roman „1984“ heißen: „Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den großen Bruder.“