• aktualisiert:

    „Wenn mir Unrecht widerfahren ist, muss ich mich wehren“

    Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes gibt es immer mehr

    Professor Herbert Scheithauer. Foto: dpa

    Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes gibt es immer mehr

    Anzeigen von Cybermobbing. Gerade Jugendliche werden oft Opfer von

    Psychoterror im Internet. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert der Berliner Psychologieprofessor und Medienexperte

    Herbert Scheithauer (45) die Gefahren von Cybermobbing und Präventionsmöglichkeiten.

    Das Bundeskriminalamt hat in den vergangenen Jahren immer mehr Fälle von Beleidigungen oder Nötigungen über das Internet registriert. Nimmt das Cybermobbing zu?

    Das kann man pauschal nicht sagen. Zum einen gibt es unterschiedliche Definitionen von Cybermobbing, weil der Forschungsstand in diesem Bereich noch jung ist. Zum anderen muss man unterscheiden zwischen den bei der Polizei gemeldeten Fällen und der Dunkelziffer. Eventuell sind lediglich mehr Vorkommnisse bei der Polizei registriert worden, weil das Bewusstsein für die Problematik zugenommen hat. Die Medien berichten mehr darüber.

    Wie kann ich Cybermobbing vermeiden?

    Zunächst sollte ich mir die Frage stellen, was ich überhaupt im Internet veröffentliche. Einige Internetnutzer, auch Erwachsene, gehen sehr freizügig mit ihren Daten um. Sie veröffentlichen Urlaubsfotos oder Bilder ihrer Kinder in sozialen Netzwerken und bedenken nicht, wie viele Menschen damit möglicherweise ihr Unwesen treiben können.

    Außerdem ist es wichtig, dass die Geschäftsbedingungen zum Beispiel der sozialen Netzwerkseiten genau gelesen werden. Wenige Nutzer machen sich diese Mühe und wissen dann nicht, was der Betreiber mit den Daten tun darf und was nicht. Zudem sollte ich die vorhandenen Schutzmöglichkeiten der Webportale nutzen. Auf Seiten wie Facebook kann man genau einstellen, wer welche Inhalte von mir sehen darf. Schließlich sollte aktuelle Schutzsoftware benutzt und Updates installiert werden – die Hard- und Software muss auf dem aktuellem Stand sein. Abgesehen davon sollte man beim eigenen Verhalten vorsichtig sein, etwa keine Passwörter preisgeben, sich wenig risikoreich verhalten und auch nicht andere provozieren.

    Wie sicher kann man sein, wenn diese Regeln befolgt werden?

    Den absoluten Schutz gibt es nicht. Man kann unverschuldet zum Betroffenen werden. Denkbar ist zum Beispiel, dass jemand mich in einer peinlichen Situation fotografiert. Das Bild kann er dann zum Beispiel auf Facebook weiterverbreiten. In dem Fall gibt es keine Kontrolle darüber.

    Was können Betreiber von Internetseiten gegen Mobbingfälle tun?

    Die Anbieter der sozialen Netzwerke könnten eine Filterfunktion bereitstellen. Dann würden Inhalte vor der Veröffentlichung auf Fremdenfeindlichkeit, Gewalt oder Hass geprüft. Jedoch werden beispielsweise auf YouTube jeden Tag so viele neue Videos hochgeladen, dass es kaum möglich ist, alles genau zu prüfen. Zudem muss es die Möglichkeit geben, beleidigende Beiträge zu melden und schnell zu löschen. Auch hier gibt es jedoch Grenzen. Einige Betreiber haben ihre Server im Ausland, in dem Fall hat man von Deutschland aus kaum Einfluss auf die Inhalte. Andere soziale Netzwerke sind an hohen Klickraten interessiert, weil sie damit Geld verdienen. Dann ist die Motivation der Anbieter gering, überhaupt Fotos oder Videos zu löschen.

    Wie begegnet man dem Problem auf gesellschaftlicher Ebene?

    Hier ist die Prävention sehr wichtig. Wir müssen möglichst viele Menschen erreichen, die Schulen und die Erwachsenenbildung sind gefragt. Es geht darum, die Medienkompetenz zu erhöhen. Dazu gehören zwei Dinge: Zunächst brauchen wir mehr Aufklärung über die persönlichen Schutzmöglichkeiten. Darüber hinaus muss zum Beispiel klar werden, dass Kommunikation im Internet anders funktioniert als auf zwischenmenschlicher Ebene. Es fehlt oft die direkte Rückmeldung, es gibt weder Gestik noch Mimik. Menschen, die sich ohnehin kaum in andere hineinversetzen können, tun sich im Internet noch schwerer damit. Auch die Förderung von Empathie, also sich in den anderen hineindenken und -fühlen, stellt eine wichtige, zu fördernde Fähigkeit dar, die sich präventiv auf Cybermobbing auswirkt.

    Was kann ich als Opfer tun?

    Wenn mir Unrecht widerfahren ist, muss ich mich wehren. Da Cybermobbing strafrelevantes Verhalten sein kann, kann man als Betroffener bei der Polizei Anzeige erstatten. Dafür müssen Beweise gesucht und sichergestellt werden. Wenn ich zum Beispiel in einem Blog oder Chat beleidigt werde, sollte ich einen Screenshot machen. Außerdem kann es notwendig sein, sich in psychologische Betreuung zu begeben. Kontakt zu Beratungsstellen erhält man zum Beispiel über entsprechende Websites im Internet. Wichtig ist, sich den Eltern oder anderen Erwachsenen anzuvertrauen.

    Welche psychischen Folgen kann eine Cybermobbingattacke haben?

    Wenn man als Schüler den Täter unter den Klassenkameraden vermutet, wird man ängstlich. Der Schulbesuch wird zur Qual, die Folge können sinkende Leistungen sein. Gravierend wird es, wenn sich die Belastung durch das Cybermobbing zu einer Depression oder anderen psychischen Störungen ausweitet. Im Extremfall ist jemand so tief innerlich verletzt, dass er das Gefühl hat, nicht mehr weiterleben zu können und sich das Leben nimmt. Auch bei den Tätern kann sich eine negative Entwicklung anschließen. So sind Täter von Cybermobbing tendenziell auch in anderen Kontexten gewalttätig.