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    Wenn es im Netz zu rauschen beginnt

    Schon im amerikanischen Wahlkampf letztes Jahr konnte man beobachten, dass das Internet eine enorme Veränderung im herkömmlichen Wahlkampf bewirkt. Auch das ZDF hat diese Tendenz seit Monaten erkannt und in ihrem Internetangebot aufgegriffen. Diverse Formate auf Plattformen wie StudiVZ oder Youtube sollen insbesondere das jüngere Publikum mit der Wahlberichterstattung erreichen. Der Erfolg von Barack Obamas Online-Kampagne war durchschlagend – auch, weil es den Anhängern des US-Präsidenten gelang, damit viele Wähler zu mobilisieren. In Deutschland beklagen einige Parteien eben dies: Bei der Mobilisierung der eigenen Wählerschaft hapert es. Und so entdeckt jetzt auch die deutsche Politik das Web 2.0 für sich: Es gibt inzwischen kaum noch einen Politiker, der nicht mindestens twittert oder bei Facebook ist.

    Schon im amerikanischen Wahlkampf letztes Jahr konnte man beobachten, dass das Internet eine enorme Veränderung im herkömmlichen Wahlkampf bewirkt. Auch das ZDF hat diese Tendenz seit Monaten erkannt und in ihrem Internetangebot aufgegriffen. Diverse Formate auf Plattformen wie StudiVZ oder Youtube sollen insbesondere das jüngere Publikum mit der Wahlberichterstattung erreichen. Der Erfolg von Barack Obamas Online-Kampagne war durchschlagend – auch, weil es den Anhängern des US-Präsidenten gelang, damit viele Wähler zu mobilisieren. In Deutschland beklagen einige Parteien eben dies: Bei der Mobilisierung der eigenen Wählerschaft hapert es. Und so entdeckt jetzt auch die deutsche Politik das Web 2.0 für sich: Es gibt inzwischen kaum noch einen Politiker, der nicht mindestens twittert oder bei Facebook ist.

    So bieten meinVZ und studiVZ eine „Wahlzentrale“ für Jungwähler. Auch Nicht-Mitglieder können sich hier per Videoclip über politische Entwicklungen informieren. Doch nicht nur langweilige Debatten gibt es hier zu sehen: Auf meinVZ zeigen YouTube-Clips verbale Ausrutscher von Parlamentariern, eine alkoholisierte Debatte im Bundestag oder einen tanzenden Boris Jelzin. (www.meinvz.net/wahlzentrale, www. studivz.net/wahlzentrale).

    OPEN Reichstag heißt der ZDF-Wahl-Kanal auf YouTube. Hier stehen mal nicht die Politiker Rede und Antwort, sondern das YouTube-Publikum. Jeder kann auf Fragen der Volksvertreter mit einem selbst gedrehten Videoclip antworten. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt interessiert zum Beispiel, was an Deutschland besonders schön ist.

    Die besten, skurrilsten und lustigsten Videoantworten werden in den ZDF-Wahl-Sendungen im herkömmlichen Fernsehen gezeigt. (www.youtube.com/OPENReichstag).

    Wie der Online-Wahlkampf geführt wird zeigt die ARD-Sendung „Netzrauschen“ ab Mitte August online auf tagesschau.de. Eins-Extra strahlt die Folgen im herkömmlichen Fernsehen aus. Eine Folge gibt es schon mal vorab: SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel, selbst aktiv bei der Community Facebook und dem Mikrobloggingdienst Twitter, erzählt von der Onlinekampagne der SPD, den Internetsperren und der Piratenpartei. Zudem werden in der Sendung „bab@internet“ Ulrich Deppendorf, Chefredakteur im ARD-Hauptstadtstudio, und sein Stellvertreter Rainald Becker einen Einblick in ihren Arbeitsalltag gewähren, das politische Tagesgeschehen analysieren und kommentieren. Die Sendung startet ab Anfang September.

    Dass der Wahlkampf schwerpunktmäßig vom Fernsehen auf das Internet übergeht, ist eine Folge des Medienwandels. Auch wenn der deutsche Wahlkampf nicht mit dem in den USA zu vergleichen ist, so ist die Veränderung doch klar zu erkennen. Dennoch: Das „normale“ Fernsehen hat nicht an Bedeutung verloren. Besonders die öffentlich-rechtlichen Anstalten warten mit einer Fülle von Informationssendungen auf, wie das Beispiel ARD zeigt.

    Das Erste wird in den Tagen vor der Bundestagswahl und am Wahlabend selbst umfangreich und in verschiedenen, auch innovativen Formaten berichten. Programmdirektor Volker Herres: „Wir werden unseren Zuschauern natürlich die Spitzenkandidaten und die wichtigsten Köpfe, die zentralen politischen Forderungen und inhaltlichen Schwerpunkte der Parteiprogramme vorstellen, aber auch die Strategien und die atmosphärische Seite dieses Wahlkampfes beleuchten. Die Wahlsendungen im Ersten sollen dem wahlberechtigten Zuschauer Argumente für seine Stimmabgabe am 27. September liefern.“ In die heiße Phase des Wahlkampfes tritt Das Erste mit Sondersendungen ab Ende August ein.

    Wer ist der Mann, der Kanzler werden will? Und wie hat die Bundeskanzlerin in ihrer ersten Amtszeit das Land regiert? Wofür stehen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier? Diese Fragen sollen die beiden 45-minütigen Porträts über den Frontmann der SPD am 31. August und die Spitzenkandidatin der CDU/CSU am 7. September – jeweils um 21.00 Uhr im Ersten – beantworten. Tom Ockers und Hans-Jürgen Börner nähern sich für den NDR dem SPD-Spitzenkandidaten, Christian Thiels und Thomas Michel vom SWR porträtieren die Kanzlerin.

    Am Montag vor der Wahl haben Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien in dem Hearing „Die Favoriten“ (MDR/HR/RBB) Gelegenheit, sich noch einmal inhaltlich mit ihren zentralen Wahlthemen zu positionieren. In die 75-minütige Gesprächssendung am 21. September ab 21.00 Uhr werden auch Zuschauerreaktionen direkt einfließen. Ein Feature am Mittwoch, 23. September, um 23.30 Uhr mit dem Arbeitstitel „Die kleinen Parteien“ (SR/Radio Bremen) bezieht in einer filmischen Deutschlandreise die Standpunkte der bislang nicht im Bundestag vertretenen Splitterparteien und ihre Protagonisten ein.

    An fünf Terminen wird in dem neuen Format „Abgeordnet – der Politiker-Praxistest“ (SWR) die Frage aufgeworfen, wie wählernah prominente Politikerinnen und Politiker und wie alltagstauglich ihre Programme tatsächlich sind – moderiert von Birgitta Weber, da die ursprünglich vorgesehene Gabi Bauer aus privaten Gründen absagen musste. Birgitta Weber wird an fünf Sonntagen vor der Wahl (23. August bis 20. September, jeweils um 23.30 Uhr) Wolfgang Bosbach (CDU), Gregor Gysi (Die Linken), Renate Künast (Bündnis90/Die Grünen), Karl Lauterbach (SPD) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) auf Terminen vor Ort begleiten – etwa im Krankenhaus, in einem Bauunternehmen oder auf dem Bauernhof – und anschließend ihr Fazit ziehen.

    „Die lange Bundestagswahlnacht“ (WDR) vom 25. auf den 26. September lässt ab 23.30 Uhr Highlights aus sechs Jahrzehnten Wahlberichterstattung Revue passieren, greift amüsante und überraschende, nachdenkliche wie peinliche Situationen der Vergangenheit auf und lässt nach Möglichkeit noch einmal Akteure von damals zu Wort kommen.

    Doppeltes Meinungsklima

    Zur Vielzahl an Wahlsondersendungen im Ersten vor der Wahlentscheidung sind auch wieder mindestens ein „TV-Duell“ und unter dem Titel „Wahlarena“ zwei sogenannte „Townhall-Meetings“ mit den Kanzlerkandidaten vorgesehen. Die ARD bemüht sich zudem um einen direkten Schlagabtausch der Oppositionsführer von FDP, Die Grünen und Die Linken. Am Tag der Entscheidung wird die ARD ab 17.30 Uhr live aus dem Wahlstudio im Deutschen Bundestag berichten. Das Team vom ARD-Hauptstadtstudio um Ulrich Deppendorf und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn wird Hochrechnungen, erste Ergebnisse, Analysen und Reaktionen präsentieren. Auch nach der „Tagesschau“ und der anschließenden „Berliner Runde“ werden die Zuschauer im Ersten den ganzen Abend hindurch über den neuesten Stand der Auszählung informiert.

    Trotz Internet – das Fernsehen spielt bei der Informationsvermittlung nach wie vor die größte Rolle. In jedem Wahlkampf, aber auch in der Zeit dazwischen, legen die Medien die Themen fest, die einen politischen Handlungsbedarf begründen. Damit ist nicht gesagt, dass die Medien in jedem Einzelfall politische Einstellungen individuell beeinflussen. Doch sie erzielen Wirkungen, indem sie über die öffentliche Bedeutung von Themen entscheiden. Die Parteien versuchen deshalb, in der Wahlkampfzeit ihre Anliegen in die Medien zu bringen. Dabei nützt es den Parteien, wenn es genau jene Themen sind, bei denen sie einen Vertrauensvorsprung bei den Wählern besitzen. Was in den Medien nicht präsent ist, kann nicht wirken. Das besagt nicht, dass sich dadurch Einstellungen ändern, aber es kann für die Wahl ausreichend sein, wenn überhaupt etwas Bestimmtes aktualisiert wird.

    In der Bundesrepublik setzte der Umbruch vom traditionellen zum audiovisuell dominierten Wahlkampf Anfang der siebziger Jahre ein. Den Weg dahin bereitete ganz wesentlich Elisabeth Noelle-Neumann mit ihrer Forschung zur von ihr sogenannten Schweigespirale und der Rolle, die sie in diesem Zusammenhang gerade dem Fernsehen zuwies. Demnach beeinflusst das Meinungsklima, das sich dem Einzelnen durch die direkte oder durch Medien vermittelte Umweltbeobachtung erschließt, die individuelle Meinungsbildung und kann sich so auch auf die Wahlentscheidung auswirken. In einfachen Worten formuliert: Wenn die aktiven Mitglieder einer Partei, einer Kirche, eines Verbandes davon ausgehen, dass sie in der Öffentlichkeit für ihre Positionen weniger Gehör finden, dann haben sie sich bereits in die Schweigespirale begeben. Sie werden sich dann auch nicht öffentlich exponieren, weil sie davon ausgehen, dass sie sich damit nur Misserfolge einhandeln.

    Das Fernsehen ins Visier zu nehmen lag nahe, nachdem Elisabeth Noelle-Neumann bereits kurz vor dem Wahltermin 1976 in Zeitungsartikeln den Einfluss des Fernsehens auf die Wahlentscheidung thematisiert hatte. Dabei beschrieb sie, wie sich vor der Wahl ein „doppeltes Meinungsklima“ entwickelte: Während vom Sommer 1976 bis kurz vor dem Wahltag am 3. Oktober die Lager derjenigen, die für die damaligen Koalitionsparteien SPD und FDP oder für die oppositionelle CDU/CSU stimmen wollten, annähernd gleich groß waren, sei die Siegeserwartung – von der dann ein Einfluss auf die Wahlentscheidung ausgehen kann – für die Unionsparteien ständig zurückgegangen. Diese Entwicklung wäre vor allem bei den regelmäßigen Fernsehzuschauern zu beobachten gewesen. Angesichts des so knapp verpassten Sieges lag es für die CDU/CSU gleichsam auf der Hand, das Fernsehen zum Sündenbock für ihre Wahlniederlage zu machen.

    Dass das Fernsehen den Eindruck vermittelte, SPD und FDP würden die Wahl gewinnen, führte Noelle-Neumann zum einen darauf zurück, dass die Journalisten mehr als die Bevölkerung den Koalitionsparteien zuneigten und daher die Lage anders beurteilten: „Die Journalisten haben nicht manipuliert, sie sahen es so.“ Auch wenn die empirischen Untersuchungen von Elisabeth Noelle-Neumann für manchen nicht überzeugend belegen, dass durch die Medienberichterstattung der Ausgang von Bundestagswahlen umgekehrt werden kann, so macht die Theorie der Schweigespirale zumindest auf mögliche Probleme des Meinungsbildungsprozesses aufmerksam.

    Von Carl-H. Pierk