• aktualisiert:

    Wenn die Musik der Freiheit Nahrung ist

    „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß!“ Mit diesem längst zum Aphorismus gewordenen Satz lässt William Shakespeare seine Komödie „Was ihr wollt“ beginnen. Siegfried Schmidt-Joos stellt seinem ersten Kapitel ein Zitat von Monika Maron voran: „Auch wer nicht in der DDR gelebt hat, wird in seinem Leben an einem vergleichbaren Kreuzweg gestanden und seine Entscheidung getroffen haben.“

    Lebenserfahrung von Jazz-Fans in der DDR – Umschlagbild des besprochenen Bandes. Foto: Mitteldeutscher Verlag

    „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß!“ Mit diesem längst zum Aphorismus gewordenen Satz lässt William Shakespeare seine Komödie „Was ihr wollt“ beginnen. Siegfried Schmidt-Joos stellt seinem ersten Kapitel ein Zitat von Monika Maron voran: „Auch wer nicht in der DDR gelebt hat, wird in seinem Leben an einem vergleichbaren Kreuzweg gestanden und seine Entscheidung getroffen haben.“

    Kreuzwege heißen so, weil der an ihrem namengebenden Punkt Angekommene genau vier Möglichkeiten hat. Er kann jetzt vor oder zurück oder nach links oder nach rechts gehen. Mindestens seit Sophokles' König Ödipus, der am Kreuzweg unwissentlich seinen Vater erschlug und mit der eigenen Mutter das Ehebett teilte, ist der Kreuzweg ein Synonym für das Schicksal schlechthin geworden.

    Auch zweieinhalb Jahrtausende von der Antike entfernt sind Geschichten vom lebensentscheidenden Kreuzweg nicht aus der Mode gekommen. Siegfried Schmidt-Joos erzählt uns eine davon. Es ist das autobiographische Porträt eines Musikenthusiasten als junger Mann. Dieser Mann hatte die Wahl zwischen politischer Anpassung und einer Herzensentscheidung. Er hat sich fürs Herz entschieden.

    Schon der erfrischende Buchtitel „Die Stasi swingt nicht. Ein Jazzfan im Kalten Krieg“ verspricht anregende Lesekost und wirft zugleich Fragen auf. Was könnte das Ministerium der Staatssicherheit der DDR mit dem Sound von Count Basie Duke Ellington oder Benny Goodman zu tun haben? Welche besonderen Lebenserfahrungen mögen es sein, die einen Jazz-Liebhaber in den Kalten Krieg verwickeln, in dem sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in aggressiv geführten Propagandaschlachten und militärischen Drohgebärden unversöhnlich gegenüberstehen? Siegfried Schmidt-Joos Antwort ist denkbar einfach. Sie lautet: Weil Jazz die Musik der Freiheit ist. Freiheit ist ein kostbares Gut und für Christen ein Gottesgeschenk. Adam und Eva waren frei. Sie mussten den von der diabolischen Schlange angebotenen Apfel nicht essen. Sie hätten sich auch dagegen entscheiden können. Auch der junge Siegfried ist von Natur aus frei. Weil er jedoch 1936 in Gotha zur Welt kommt, wächst er in der nationalsozialistischen Diktatur auf und nach 1945 in politische Verhältnisse hinein, deren Hauptmerkmal auch die Unfreiheit ist.

    Für Freiheit kämpfen kann man auf mancherlei Weise. Schmidt-Joos entschied sich dafür, es auf eine Art zu tun, die mit großen Gefühlen zu tun hatte: „Das Knistern, nachdem sich die Nadel auf die 78er-Schallplatte gesenkt hatte, war sogar noch im Radio zu vernehmen. Nach einer oder zwei Rotationen eine Sprech stimme: ,Hiya, fellas, this is Red Skelton, stopping by to say hello and to spin a V-Disc recording your way. It's Betty Roché, singing Trouble, Trouble.‘ Nach einem kurzen Band-Intro hebt eine leicht laszive, zugleich aber höchst verletzlich wirkende Stimme an zu singen: ,Trouble, trouble, trouble, Why can't you let me be? Trouble, trouble, trouble, Why can't you let me be? All the folks are asking for you, Why must you bother with me!‘ Wir schreiben das Jahr 1950. Ich höre die Sendung „Blues for Monday“ von AFN Frankfurt, dem Soldatensender American Forces Network. Ich lebe in Gotha, Thüringen, in der sowjetischen Besatzungszone, seit kurzer Zeit DDR, und bin vierzehn Jahre alt.“

    Nicht nur, aber auch weil der Jazz vom weltanschaulichen Feind kommt, gerät diese Musik in der DDR auf die Liste der verbotenen Dinge. Das muss Siegfried Schmidt-Joos schmerzlich erfahren, und dem Heranwachsenden wird mit den Jahren auch verstandesmäßig klar, warum die roten Diktatoren der DDR den Jazz genauso heftig bekämpfen wie ihre ruchlos untergegangen braunen Vorläufer im „Dritten Reich“.

    Jazz ist nämlich keine Marschmusik. Nach Jazz lässt sich nicht im Gleichschritt exerzieren. Mit Blues, Swing, Bebop und Cool lassen sich keine willfährigen Untertanen züchten. Woran das liegt, wird von Musikwissenschaftlern unterschiedlich beantwortet. Für Schmidt-Joos steht fest: Jazz ist deshalb antitotalitär, weil an der Wiege des Jazz die Freiheitslieder der auf den amerikanischen Baumwollfeldern schuftenden schwarzen Sklaven standen. Wie sich sein junges Leben in der DDR auf unabänderliche Weise mit der Liebe zum Jazz verbindet, beschreibt Siegfried Schmidt-Joos auf höchst anregende Weise. Was ihm gelingt, ist eine ausführliche und in den historischen Details äußerst exakte Geschichte des Jazz nicht nur in der DDR. Sein Buch ist gleichzeitig ein Lehrgang über die Machtmechanismen einer Diktatur: „Albtraumhafte Befürchtungen gingen mir durch den Kopf. Sehr viel Verbürgtes wussten wir damals noch nicht über den Strafvollzug im Arbeiter-und-Bauern-Paradies, aber Gerüchte über Folter, ja sogar Hinrichtungen waren aus der MfS-Zwingburg Runde Ecke in Leipzig und dem Zuchthaus Roter Ochse in Halle immer wieder nach draußen gedrungen. (...) Die DDR kein Unrechtsstaat? Dass ich nicht lache!“

    Weil er über den Jazz das Wesen der Diktatur erkannt hat, verlässt Schmidt-Joos 1957 die DDR und zieht zunächst nach Frankfurt am Main. Da ist er 21 Jahre alt. „Das war weniger als ein Drittel der Zeit, auf die ich heute zurückblicken kann, und ich hatte das Glück, mein gesamtes Berufsleben mit populärer Musik verbringen zu können.“

    Siegfried Schmidt-Joos hat im Rundfunk für „Radio Bremen“, den „RIAS“ und den „Sender Freies Berlin“ und im Fernsehen für die ARD gearbeitet. Er hat für zahlreiche Jazz-Fachzeitschriften und für diverse andere Print-Publikation geschrieben. Er war zehn Jahre lang Kulturredakteur beim „Spiegel“. Sein 1973 zusammen mit Barry Graves publiziertes „Rock-Lexikon“ hat weit mehr als halbe Million Leser gefunden und ist längst zum Standardwerk der Rock-Geschichte avanciert. Am 17. April 2016 ist Siegfried Schmidt-Joos achtzig Jahre alt geworden. „Die Stasi swingt nicht“ ist zweifellos seine persönlichste Publikation.

    Siegfried Schmidt-Joos: Die Stasi swingt nicht: Ein Jazzfan im Kalten Krieg. Mitteldeutscher Verlag 2016, ISBN-13: 978-

    3954627615, EUR 29,95