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    Wenn die Medizin auch nicht weiterhelfen kann

    Im Rahmen der ARD-Woche „Woran glaubst Du?“ strahlt am Mittwoch das Erste das Sterbedrama „Atempause“ aus. Der Tod eines Kindes erschüttert immer, erst recht, wenn er aus heiterem Himmel geschieht. Wie damit möglicherweise umgegangen werden kann, schildern die Drehbuchautoren Christian Schnalke, Joyce Jacobs und Sven Halfar sowie die Regisseurin Aelrun Goette.

    Hannes (Mikke Rasch) wurde vom Fußball am Kopf getroffen, seine Eltern Esther (Katharina Marie Schubert) und Frank (Carl...

    Im Rahmen der ARD-Woche „Woran glaubst Du?“ strahlt am Mittwoch das Erste das Sterbedrama „Atempause“ aus. Der Tod eines Kindes erschüttert immer, erst recht, wenn er aus heiterem Himmel geschieht. Wie damit möglicherweise umgegangen werden kann, schildern die Drehbuchautoren Christian Schnalke, Joyce Jacobs und Sven Halfar sowie die Regisseurin Aelrun Goette.

    Esther Baumann (Katharina Marie Schubert) kommt offensichtlich viel zu spät nach Hause. Ihr geschiedener Mann Frank (Carlo Ljubek) ist bereits mit dem gemeinsamen neunjährigen Sohn Hannes (Mikke Rasch) unterwegs zur Sporthalle, wo Hannes bei einem Fußballspiel im Tor stehen soll. Der Junge schickt vom Sportplatz aus eine Videonachricht an seine Mutter, damit sie sich beeilt. Als sie auf der Zuschauertribüne Platz nimmt, lenkt sie Hannes gerade in dem Augenblick ab, als ein Junge der gegnerischen Mannschaft mit aller Wucht schießt – und Hannes auf den Kopf trifft. Der Junge bleibt zunächst liegen, steht wieder auf ... und fällt wieder zu Boden. Die alarmierten Eltern bringen ihn sofort zur Notaufnahme des nahegelegenen Krankenhauses, wobei Esther ihren Mann fragt, ob die anderen Jungs nicht viel älter und größer als ihr Sohn seien. Ja, antwortet Frank. Sie seien bereits zwölf, aber Hannes so gut als Torwart, dass er es mit den um drei Jahre Älteren aufnehmen kann. Bereits im Krankenwagen beginnen die gegenseitigen Schuldzuweisungen der geschiedenen Eheleute: Esther wirft Frank vor, er habe Hannes mit viel älteren Kindern spielen lassen. Er antwortet ihr, wäre sie nicht zu spät gekommen, hätte sie ihren Sohn nicht abgelenkt.

    Die Anschuldigungen erweisen sich jedoch als nicht stichhaltig. Denn die Ärzte stellen fest, dass Hannes an einem angeborenen Aneurysma – einer erweiterten Arterie – im Gehirn litt, die durch den Ballaufprall geplatzt ist. Hannes' Gehirn wird nicht mehr durchblutet. Eine Operation kann nichts mehr ausrichten. Auch wenn der Chefarzt ihnen versucht beizubringen, was Hirntod bedeutet, glaubt Esther immer noch fest daran, dass ihr Sohn wieder gesund wird. Frank glaubt allerdings eher dem Urteil der Ärzte und akzeptiert, dass Hannes' Körper nur noch durch Apparate am Leben erhalten wird. Die 16-jährige Schwester Tina (Sarah Mahita) versucht, allein mit der Situation zurechtzukommen. Die verzweifelten Großeltern Elfriede (Irene Rindje) und Günther (Jürgen Heinrich) meinen, mit ihrem Geld die Heilung des Enkelkindes ermöglichen zu können.

    Bei aller Glaubwürdigkeit der Haltungen, die von den einzelnen Familienmitgliedern eingenommen werden, wirkt die Figurenkonstellation zu sehr als einem Drehbuch entsprungen, das eben diese Reaktionen auf die Charaktere jeweils verteilt. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass später in Hannes' Zimmer ein weiterer, gleichaltriger Patient hineingeschoben wird: Yusuf (Ilyes Moutaoukkil) hat gerade eine neue Leber bekommen. Mit ihm fällt auch noch die Großfamilie in die Intensivstation ein, allen voran Yusufs redseliger Vater Bülent (Özgür Karadeniz). Damit kontrastiert „Atempause“ die zwei Familien miteinander: Auf der einen Seite die geschiedenen Eltern und die Schwester von Hannes, auf der anderen eine harmonisch wirkende, türkische Großfamilie. Wobei bei aller Unterschiedlichkeit die beiden Familien die Sorge um den todkranken Sohn eint. Dass dadurch außerdem gezeigt werden soll, wie unterschiedliche Kulturen anders mit dem Thema Glauben umgehen, steht eher auf dem (Drehbuch-)Papier. In einem weiteren Nebenstrang stellt „Atempause“ die emotionale Überforderung einer jungen Krankenschwester (Luise Heyer) in der Konfrontation mit sterbenden Kindern in den Mittelpunkt.

    Auch wenn diese Nebenerzählungen das eigentliche Sujet des Filmes etwas überlagern, besitzt es genügende emotionale Wucht, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Der Hirntod eines Kindes stellt den Ausgangspunkt für ein Drama dar, das Verzweiflung und Hoffnung, Wut und Trauer in den Eltern und in der Schwester auslöst. In diesen Zusammenhang gehören auch die existenziellen Fragen, die mit der Themenwoche „Woran glaubst Du?“ zu tun haben, weil die Betroffenen an den Rand ihrer Möglichkeiten kommen. Der Glaube an eine allmächtige Medizin schwindet bald. Wenn das Gehirn nicht mehr durchblutet wird, kann auch eine fortschrittliche ärztliche Kunst nichts mehr ausrichten. Der Mensch muss anerkennen, dass er nicht alles beherrschen kann. Wie steht es mit der Rolle, die zumal in einer solchen Extremsituation der Glaube an Gott spielen kann? Dazu führt die zuständige MDR-Redakteurin Melanie Brozeit aus: „Wir haben immer die einzelnen Schicksale und Menschen dargestellt und nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion. Besonders schön sind im Film aber die Momente, wenn die Mütter beider Familien sich annähern und gegenseitig Kraft geben. Vater Frank sucht Trost im Raum der Stille im Krankenhaus. Das hilft ihm in diesen schweren Stunden. Ansonsten wird er nicht als religiöser Mensch erzählt.“ Lediglich Hannes' Schwester Tina äußert sich dazu: „Vielleicht gibt es Gott. Es ist schön, wenn jemand da ist, der alles richtig macht.“ Dass die junge Krankenschwester Lisa in dem Augenblick des Todes das Fenster öffnet, damit die Seele davonfliegen kann, kann allerdings auch als Zeichen eines übernatürlichen Glaubens aufgefasst werden. „Atempause“ entlässt den Zuschauer jedoch nicht ohne Hoffnung. Denn Hannes' Tod führt auch zu neuem Zusammenhalt in der Restfamilie.

    „Atempause“. Regie: Aelrun Goette. Mittwoch, 14. Juni, 20.15 Uhr, ARD, 90 Minuten