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    Wenn die Guten zu Bösen werden

    Lange waren sie von der digitalen und realen Bildfläche verschwunden – pünktlich zum 60. Geburtstag der „Scientology“-Sekte sind sie ins Licht der Öffentlichkeit zurückgekehrt: Die Netzaktivisten des Kollektivs „Anonymous“, deren dem Polit-Comic „V wie Vendetta“ entlehnten Gesichtsmasken längst zum Markenzeichen der Bewegung geworden sind, haben am Wochenende in Hamburg vor der deutschen „Scientology“-Zentrale demonstriert. Mit Masken und Musik, Plakaten und Plätzchen.

    Ein Mitglied der Anonymous-Bewegung hält vor einer Scientology-Zentrale ein Plakat zur Abschreckung vor der Sekte. Zu de... Foto: dpa

    Lange waren sie von der digitalen und realen Bildfläche verschwunden – pünktlich zum 60. Geburtstag der „Scientology“-Sekte sind sie ins Licht der Öffentlichkeit zurückgekehrt: Die Netzaktivisten des Kollektivs „Anonymous“, deren dem Polit-Comic „V wie Vendetta“ entlehnten Gesichtsmasken längst zum Markenzeichen der Bewegung geworden sind, haben am Wochenende in Hamburg vor der deutschen „Scientology“-Zentrale demonstriert. Mit Masken und Musik, Plakaten und Plätzchen.

    Doch warum ausgerechnet „Scientology“? Verbindet man mit „Anonymous“ nicht eher große Freiheits- und Protestaktionen wie „Occupy Wallstreet“, die Unterstützung für das Portal „WikiLeaks“ oder den Widerstand gegen die europäischen und amerikanischen Gesetzesvorhaben „ACTA“ (Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen) und „SOPA“ (Stoppt Online Piraterie Akt)?

    Mit dem Widerstand gegen „Scientology“ fing alles

    Was man mittlerweile durch die zahlreichen aktuellen Ereignisse fast vergessen hat: Im Prinzip verdankt „Anonymous“ seine Existenz ausgerechnet der global agierenden Sekte, die in Frankreich bereits 1995 von der Nationalversammlung als „Kult mit gefährlichen Eigenschaften“ eingestuft wurde und auch in Deutschland seit 1997 durch den Verfassungsschutz beobachtet wird.

    War es doch ein internes „Scientology“-Video des Hollywood-Schauspielers Tom Cruise („Top Gun“, „Mission Impossible“), das Anfang 2008 ins Internet gelangte und sowohl bei Cruise selbst wie auch bei der Sekte, der er seit 1986 angehört, für reichlich Erklärungsbedarf sorgte. Mit irren Augen und fordernder Stimme warb Cruise darin für die vermeintlich heilsame Lehre der Organisation. Schnell erkannte man bei „Scientology“ den negativen PR-Wert des Auftritts und unternahm alles, um den Clip wieder aus den Weiten des virtuellen Netzes zu ziehen. Sehr zum Missfallen der Nutzer des freien Webforums „4chan“, die darin einen unerlaubten Eingriff in die Freiheit des Internets sahen und sich schon bald darauf vor „Scientology“-Einrichtungen versammelten. Aus Protest gegen die Sekte und ihre digitale Zensur-Praktiken. Ein Protest, dem aufgrund der totalitären Strukturen und umstrittenen psychologische Geschäftspraktiken, die „Scientology“ weltweit nachgesagt werden, natürlich ein großes Wohlwollen beschieden war. Doch vom schlichten Kampf der Guten („Anonymous“) gegen die Bösen („Scientology“) zu sprechen, würde wahrscheinlich zu weit führen. Zumal „Anonymous“ seit einiger Zeit selbst im Visier der Geheimdienste steht. Nicht ganz zu Unrecht: Immerhin hatten Mitglieder des Netzwerks im Zuge der „WikiLeaks“-Affäre mit gezielten Angriffen versucht, die Finanz- und Kreditunternehmen „PayPal“ und „Mastercard“ lahmzulegen, weil diese sich weigerten, die „WikiLeaks“-Finanzierung zu unterstützen. Diese Angriffe alarmierten eine Einheit des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communications Headquarter, auf Deutsch: Zentrale der Regierungs-Kommunikation). GCHQ-Agenten begannen die Chat-Räume von „Anonymous“ mithilfe von sogenannten DDoS-Attacken (massenhaften Abfragen) lahmzulegen und mehrere Hacker, die bei „Anonymous“ aktiv waren, auszuspähen. Und nicht nur das: Es kam auch zu mindestens zwei Verhaftungen von Aktivisten, die offensichtlich ihre aufklärerische Energie allzu sorglos mit krimineller Energie verbanden. An die vielen unbescholtenen „Anonymous“-Aktivisten wandten sich die britischen Agenten, wie der US-Nachrichtensender NBC News Anfang Februar und „Spiegel Online“ Anfang Februar berichteten, mit dem freundlichen Hinweis: „DDoS und Hacken ist illegal, unterlassen Sie das bitte“. Seitdem ist es im Chat-Raum von „Anonymous“ merklich ruhiger geworden.

    Doch: So illegal DDoS und Hacken tatsächlich sind, immerhin greift der britische Geheimdienst selbst auf diese Methoden zurück, weshalb es ebenfalls zu einfach wäre, vom Kampf der Guten („GCHQ“) gegen die Bösen („Anonymous“) zu sprechen.

    Die digitale Welt, sie ist sechs Jahre nach Cruise' Werbe-Clip noch grauer und irrer geworden und wirkt, was das alte Lager-Denken von Freund-und-Feind betrifft, nahezu so unverständlich und überdreht wie vielleicht ansonsten nur die Science-Fiktion-Romane des „Scientology“-Gründers Ron Hubbard (1911–1986).