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    Wege zum Geheimnis des Glaubens

    Auf dem vor einem Jahr neu erschienenen „Gotteslob“ ist ein schlichtes Kreuz angedeutet. So würden es wohl die meisten Nutzer des Gebets- und Gesangsbuchs der deutschsprachigen Diözesen in Deutschland, Österreich und im Bistum Bozen-Brixen interpretieren. Oder ist es ein Zeichen für die Dreieinigkeit? Oder symbolisieren diese drei ineinander verwobenen Linien vielleicht etwas ganz anderes? Was ist mit den insgesamt 90 kurzen Illustrationen im „Gotteslob“? Um damit anzufangen: Es sind keine Illustrationen, nein, „das sind eigenständige Arbeiten, neben den Gebeten und Texten“, wie die Künstlerin Monika Bartholomé betont.

    Der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, im Gespräch mit der Künstlerin Monika Bartholomé. Im Hintergrund die Kollag... Foto: Hoensbroech

    Auf dem vor einem Jahr neu erschienenen „Gotteslob“ ist ein schlichtes Kreuz angedeutet. So würden es wohl die meisten Nutzer des Gebets- und Gesangsbuchs der deutschsprachigen Diözesen in Deutschland, Österreich und im Bistum Bozen-Brixen interpretieren. Oder ist es ein Zeichen für die Dreieinigkeit? Oder symbolisieren diese drei ineinander verwobenen Linien vielleicht etwas ganz anderes? Was ist mit den insgesamt 90 kurzen Illustrationen im „Gotteslob“? Um damit anzufangen: Es sind keine Illustrationen, nein, „das sind eigenständige Arbeiten, neben den Gebeten und Texten“, wie die Künstlerin Monika Bartholomé betont.

    Unterstützt wird sie vom Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann: „Dies sind Zeichnungen, die Anstöße und Anregungen geben sollen zu einer Form der Begegnung mit Gott.“ Die reduzierten, mitunter fast minimalistisch anmutenden Zeichnungen begegnen sich immer wieder, sie laufen auseinander, kommen wieder zusammen, sind miteinander verwoben oder finden keinen Kontakt zueinander. Auf manche Nutzer des Bestsellers „Gotteslob“ – sechs Millionen Exemplare wurden inzwischen aufgelegt – mögen die Zeichnungen irritierend, vielleicht sogar verstörend wirken – aber stets herausfordernd. Schließlich sei die Betrachtung einer Zeichnung, so die Künstlerin, „ein intimer Moment wie das Zeichen selbst und kann auf diese Weise existenzielle Fragen und Gefühle hervorrufen“. Viele dieser intimen Momente lassen sich nun – neben der aktuellen Ausstellung – in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, erleben. Dort wurden die Zeichnungen für das „Gotteslob“ als Schenkung des Verbands der Diözesen Deutschlands übergeben. Für Hofmann zeigen die Zeichnungen, die bei Bartholomé stets ganz bewusst auf Mehrdeutigkeit ausgelegt sind, einen liturgischen Weg auf. „Zeichen gehen stets tiefer in ihrer Aussagekraft und ihrem Sinn, sie beanspruchen einen tieferen Horizont, in ihnen kann eine innere Jakobsleiter zur Transzendenz erkannt werden.“

    Als der ehemalige Kölner Weihbischof und jetzige Oberhirte von Würzburg von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vor zwölf Jahren mit der Erarbeitung eines neuen „Gotteslob“ beauftragt worden ist, war sehr schnell klar, dass es neben Liedern und Gebeten zudem einen eigenständigen künstlerischen – wohlgemerkt zeitgenössischen – Beitrag geben soll. Kirche müsse sich für einen solchen Weg offen zeigen, Brücken bauen, ohne die Menschen zu verprellen, denn: „Auch die Kunst ist ein eigenständiges Medium für die Begegnung mit Gott“, so der promovierte Kunsthistoriker. Kunst eröffne einen Raum, der nicht benennbar, nicht konkret ist und könne auf ihre Weise zum „Geheimnis des Glaubens“ führen.

    Hofmann, in seiner Kölner Zeit viele Jahre unter anderem Künstlerseelsorger, hat die Zeichnungen bewusst ausgewählt und platziert. „Die grundsätzliche Herausforderung bestand darin, dass die Zeichnungen einerseits ihre individuelle Aussagekraft und künstlerische Freiheit bewahren, ohne das Gotteslob in Frage zu stellen oder zu vereinnahmen.“ Bartholomé und der Bischof haben in ihrer Zusammenarbeit indes rasch gemerkt, dass da „etwas Gemeinsames ist und ein beiderseitiges Vertrauen, um diese Idee auf ein entsprechendes Niveau zu führen“. Bartholomé hatte sich nach der Anfrage zwei Monate Bedenkzeit genommen und für sich vor allem die Frage geklärt: „Können meine Zeichnungen in diesem Kontext ihre Freiheit behalten und eine Anbindung an den Kontext haben?“ Das bedeutete insbesondere, dass ihre Zeichnungen in ihrer Aussage keinen Rückgriff auf bekannte Symbole vornehmen, sondern eine neue Zeichensprache darstellen – die den gläubigen Betrachtern die Möglichkeit zu eröffnen vermag, entsprechende christliche, respektive liturgische Symbole zu identifizieren. Sie habe „völlig freie künstlerische Entscheidungen“ treffen und eine innovative Zeichensprache mit den drei einfachen Linien realisieren können.

    In diesem Sinne zeigt das „Gotteslob“ die Kirche eben auch als Kulturträger auf einem zeitgenössischen Niveau und knüpft an die christlichen Wurzeln sowie die christliche Ikonografie an, die sich nach wie vor eben auch in der modernen Kunst widerspiegelt – mit Topoi wie Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, Leben und Tod. Dieses Kompendium aus Gebet, Lied und Kunst mute, so Hofmann, „fast schon wie ein privates Brevier“ an.

    Manches Vertrauen musste Hofmann wohl bei einigen seiner Mitbrüder im bischöflichen Amt aufbauen. „Es ging hier schließlich nicht um eine Einzelentscheidung“, betonte er bei der Übergabe der Zeichnungen in den Bestand von „Kolumba“. Alle Oberhirten hätten aber schließlich Vertrauen in das Projekt gehabt, auch wenn möglicherweise der ein oder andere keine innere Zustimmung gegeben habe. So sei am Ende „ein sehr großer Konsens“ bei den 27 deutschen und zehn österreichischen Diözesen sowie im Bistum Bozen-Brixen erreicht worden. Seit Vorlage des neuen Gotteslobs gebe es eine Vielzahl fast ausschließlich positiver Reaktionen – auch und gerade zu den Zeichnungen.

    Die vom Niederrhein stammende Künstlerin verfügt über ein umfangreiches Archiv über das Sujet der Zeichnung – darunter sind Postkarten, Publikationen, Zeitungsartikel, Filme und Originale. Dieses „Museum für Zeichnung“ wird nun, sozusagen als Museum im Museum, bis zum 24. August in „Kolumba“ präsentiert. Museumsdirektor Stefan Kraus bezeichnet die Sammlung als eine Wunderkammer voller Anspielungen und Querverweisen, medienübergreifend und interdisziplinär, unabhängig, subjektiv, spielerisch, poetisch und informativ“. Ohnehin fasst das erzbischöfliche Kunstmuseum den Begriff der Zeichnung sehr weit, sieht darin einen Teil einer „anthropologischen Archaik“ von der Felsen- und Höhlenzeichnung über die Buchmalerie bis hin zu Tattoos.