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    Was die „German Angst“ triggert

    Wir Deutsche gelten in Bezug auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen als zögerlich, unser Handeln als angstbesetzt. Warum eigentlich? Von Heinrich Wullhorst

    „German Angst“ Ausstellung im Haus der Geschichte
    Eine Ausstellung im Haus der Geschichte widmet sich der „German Angst“ und ihren Gründen. Foto: HdG

    Angst gehört zu den Urgefühlen des Menschen. Sie ist uns in den Genen mitgegeben. Eine natürliche Reaktion, die unseren Körper auf lauernde Gefahren aufmerksam machen will. Ängste sind individuell und vielfältig. Dem einen flößt jede Art von Höhe Angst ein, dem anderen bricht der Schweiß aus, wenn er eine Spinne sieht, ein dritter kann keine Plätze überqueren ohne körperliche Folgen. Neben der auf einzelne Personen bezogenen Angst, gibt es kollektive Ängste. Das sind Umstände, die einer Vielzahl von Menschen Sorge bereiten. Manchmal scheint Angst zur DNA einer Gesellschaft zu gehören. So entstand im internationalen Sprachgebrauch die Vokabel „German Angst“ für einen uns aus dem Ausland zugeschriebenen Charakterzug. Wir Deutsche gelten in Bezug auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen als zögerlich, unser Handeln als oft angstbesetzt.

    Der Deutsche Michel scheint ein angstgetriebenes Wesen zu sein. Und deshalb widmet das Haus der Geschichte in Bonn der „German Angst“ eine Sonderausstellung. Eine deutsche Versicherungsgesellschaft hat im Sommer 2018 eine Studie über die aktuellen Ängste der Deutschen veröffentlicht. Vier von ihnen nimmt die Ausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ bis zum 19. Mai 2019 in den Blick. Es sind „Zuwanderung“, „Atomkrieg“, „Umweltzerstörung“ und „Überwachung“. Anhand von mehr als 300 Ausstellungsstücken wird aufgezeigt, welche Rolle die Medien bei der Verbreitung von Angstgefühlen spielen und wie sich Ängste im jeweiligen geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang entwickeln. Schon der Eingang zur Ausstellung macht deutlich, dass Angst kein monolithischer Block ist, sondern sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Die einzelnen Buchstaben stehen hier jeder für sich für eine der vielen Ängste, die uns umtreiben.

    Gleich zu Beginn konfrontiert die Sonderschau den Betrachter mit der Angst vor der Zuwanderung. Beschrieben wird das Spannungsfeld zwischen Willkommenskultur und drastischer Ablehnung. Deutlich wird: Mit der Kölner Silvesternacht 2015 verändert sich der Blick auch in der medialen Berichterstattung. Die Verunsicherung der Bürger wächst, sie haben Angst vor persönlicher Überforderung und staatlichem Kontrollverlust. Die Ausstellung klärt auf, dass diese Angst kein neues Phänomen ist. Sie präsentiert eine Titelseite der Wochenzeitung „Der Spiegel“ aus dem Jahre 1992: „Angst hat die Deutschen gepackt“. Damals ging es um die Sorgen der Zuwanderung von Flüchtlingen infolge des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien. Schon damals hieß es: „Das Boot ist voll“.

    Im nächsten Angstraum geht es um den Atomkrieg. Ist es heute eher die Sorge, dass ein gestörter Staatenlenker auf den Atomknopf drückt, ging es nach der Gründung der Bundesrepublik in der Debatte zunächst um die Wiederbewaffnung der Bundeswehr. Später mobilisiert der NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen die Menschen in ihrer Angst vor einem Atomkrieg. Das Land erlebt, wie 1981 im Bonner Hofgarten, Demonstrationen ungekannten Ausmaßes. Die entstehende „Friedensbewegung“ ist die Reaktion auf die sich steigernden Sorgen. „Ich habe Angst vor Ihrer Politik.“ Diesen Satz schleudert ein 17-jähriger Schüler dem damaligen Bundeskanzler und Doppelbeschlussbefürworter Helmut Schmidt entgegen. Die Ausstellung lässt in Bild- und Tondokumenten damalige Aktivisten wie den Kölner Musiker Wolfgang Niedecken zu Wort kommen. Für ihn war die Gefühlslage „bei allem Rock ‘n‘ Roll von Angst geprägt“.

    „Erst stirbt die Tanne, dann der Mensch“. Lange vor der aktuellen Debatte um den Feinstaub war es der „saure Regen“, der auf uns niederprasselte. Ebenfalls Anfang der 80er Jahre erfasste Deutschland die kollektive Panik vor dem großflächigen Waldsterben. In der Ausstellung werden die umfangreichen Maßnahmen beschrieben, die ergriffen wurden, um den Wald zu retten. Die Älteren unter uns erinnern sich noch gut an die Bilder von sterbenden Bäumen, die lange die Titel der damaligen Leitmedien füllten. Medial verdrängt wird diese Angstwelle 1986 durch die Umweltkatastrophe von Tschernobyl. Hier trifft Europa der oft prognostizierte atomare Supergau. In der heutigen Ukraine explodierte aus schweren Sicherheitsmängeln ein Atomreaktor. Das setzte eine nukleare Wolke frei und löste schlimme Ängste vor der Kontaminierung von Menschen, Böden und Lebensmitteln aus. Verbraucher mieden in dieser Zeit vor allem Milchprodukte, Pilze und den Konsum von Wildfleisch.

    Auch die letzte beschriebene Angst der Sonderschau nicht neu. Dabei könnte man meinen, dass die Furcht vor Überwachung eine Folge der zunehmenden Digitalisierung ist. Doch bereits Anfang der 80er Jahre entlädt sich der Volkszorn im Protest gegen die damals beabsichtigte Volkszählung. Für das Frühjahr 1983 hatte die Bundesregierung eine solche in Form einer Totalerhebung angeordnet. Die Erfassung sollte durch Beamte oder Beauftragte der öffentlichen Verwaltung von Tür zu Tür erfolgen. Ein Proteststurm erhob sich über das Land und das Bundesverfassungsgericht befand, dass eine solche Zählung in die Grundrechte des Einzelnen eingreife und die informationelle Selbstbestimmung verletze.

    Irgendwie nötigt dieses Eintauchen in die Geschichte dem Betrachter in Zeiten von Datenklau, Hackerattacken und freiwilliger Preisgabe jedweder Information in den Sozialen Medien ein Lächeln ab. Ähnlich wie der noch einmal beschriebene Protest gegen die Aktivitäten des Internetriesen Google bei der Erstellung der Bilder für sein „Streetview“-Projekt. Manche Ängste relativieren sich mit der Zeit. Diese Ausstellung im Haus der Geschichte ist in jedem Falle sehenswert. Sie macht auch deutlich, dass die neuen Ängste quasi schon vor der (Ausgangs)-Tür stehen. Dort können die Besucher nämlich darüber abstimmen, welche größte Bedrohung sie für das Jahr 2030 sehen. Da führt gerade die künstliche Intelligenz das Ranking an, vielleicht der nächste Trigger für die „German Angst“.

    Angst. Eine deutsche Gefühlslage?

    10. Oktober 2018–19. Mai 2019, Haus der Geschichte der BRD,

    Öffnung: Di–Fr 9–19 Uhr, Sa/So/Feiertage 10–18 Uhr, Eintritt frei