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    Warum Sterben eine Kunst ist

    Zum Menschsein gehört die Auseinandersetzung mit dem Sterben und die Vorbereitung auf den Tod. Von Josef Bordat

    Still life art photography on human skull skeleton
    Still life art photography on human skull skeleton with blank scroll and books. Concept of judge verdict Foto: (93978497)

    Das Thema „Sterben und Tod“ wird heute gemeinhin verdrängt. Oder, um es mit Prälat Wilhelm Imkamp zu sagen: „Der Tod ist heute weitgehend outgesourct. Gestorben wird in Kliniken oder Hospizen. So wird der Tod aus dem Alltag verdrängt. Menschen denken nicht daran – und weil sie nicht daran denken, können sie sich auch nicht darauf vorbereiten. So wird der Tod nicht mehr als ein normaler Bestandteil des Lebens, sondern überhaupt nicht mehr gesehen.“

    Verdrängen, vergessen, übersehen – Imkamps Einschätzung im „Tagespost“-Interview (Nr. 43, 25. Oktober 2018) beschreibt eine Umgangsform, die in der Moderne zum Habitus der Mehrheit wurde, die ihren Ursprung aber in der Antike hat. Den Tod „outzusourcen“, das ist nicht neu – weder was die ontologische Voraussetzung einer solchen Haltung betrifft, den Materialismus, noch, was dessen Konsequenzen in der Praxis angeht: die Verdrängung von Sterben und Tod als Lebensthema, das Vergessen. Bereits vor 2 300 Jahren tritt uns die Negation des Todes-Topos deutlich entgegen, vor allem bei Epikur, der die atomistische Lehre des Ur-Materialisten Demokrit übernahm, eine hedonistische, auf die Lust im Hier und Jetzt reduzierte Ethik entwickelte und – dazu passend – dem irgendwie unangenehmen Todesgedanken die Relevanz absprach.

    Im „Brief an Menoikeus“ schreibt Epikur: „Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt.“ Die Schlussfolgerung, die Epikur zieht, lautet: „Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“

    Ein logisch schlüssiges Argument? Nein. Was logisch klingt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als unzulässiger Schluss von Bewusstseinsverlust auf Bedeutungsverlust. Denn die Vorstellung, im Tod das Bewusstsein für immer zu verlieren, hat durchaus Bedeutung und kann Angst machen. Verlieren wir auch im Tod das Bewusstsein des Lebens, so verlieren wir ein Leben lang nie das Bewusstsein des Todes. Die Folge: Der Tod beschäftigt den Menschen. Das zu leugnen, geht an der Wirklichkeit vorbei. Warum wohl muss es im Krimi um einen Mord gehen, nicht um einen Ladendiebstahl oder Urkundenfälschung? Warum ist das Versprechen „ewiger Jugend“ so verlockend? Heute heißt das „Anti-Aging“ und erreicht 72 Millionen Treffer bei „Google“.

    Aber: Ist Epikurs Ignoranzempfehlung wenigstens tröstlich? Nur dann, wenn sich die im Materialismus abschlägig beantwortete Frage nach dem „Danach“ nicht doch einmal stellt. Wenn sich mit der Verdrängung des Todesthemas nicht auch die Fragen erfolgreich verdrängen lassen, die mit dem Bewusstsein der Sterblichkeit fest verbunden sind: Ist dann wirklich alles aus? Und, wenn nicht: Was kommt nach dem Tod? Schließlich: Kann ich mich im Leben irgendwie darauf vorbereiten? Es sind allzu menschliche Fragen. Menschsein gelingt tatsächlich nur im Transzendenzbezug und damit nur in der Auseinandersetzung mit diesen „letzten Fragen“, die unser Dasein übersteigen.

    Jemand, der das bemerkt hat, ist Platon. Dessen Thanatologie soll den Menschen auf das unausweichliche Ende seiner irdischen Existenz vorbereiten, ja, er soll regelrecht „sterben lernen“. Mit seiner Todeslehre verbindet Platon den Anspruch, dass sich Sittlichkeit auf das Ganze des Daseins bezieht, heißt: zu einem gelungenen Leben gehört auch ein „gelungenes Sterben“. Es geht Platon dabei um den Prozess des Sterbens. Während für die Vorsokratiker (etwa Alkmaion von Kroton, Empedokles oder auch Heraklit) die ontologische Betrachtung zentral war (also die Frage: Was ist das – Tod?), geht es bei Platon um Kommunikation über den Übergang vom Leben zum Tod (also um die Frage: Wie geht das – Sterben?).

    Bei den Vorsokratikern beherrschen die objektiven Fakten die Rede von Sterben und Tod: der Platz des Todes im Gefüge des Seienden (Topologie) und die Spekulation über seine Ursachen (Ätologie) – im Einzelfall (Gerichtsmedizin) wie im Allgemeinen (philosophische Anthropologie). Alkmaion von Kroton glaubte: „Die Menschen vergehen darum, weil sie nicht die Kraft haben, den Anfang an das Ende anzuknüpfen“, Empedokles erklärt den Tod als „Trennung des Feuers von der Erde“ und Heraklit meint: „Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod, zu Erde zu werden. Aus Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“

    Platon entwickelt in der „Apologie des Sokrates“ eine eigene Prozesstheorie des Todes, die sich weniger um ontologisch-naturalistische Deutungen bemüht als vielmehr um Metaphern und Vergleiche zum Thema „Sterben“. Sterben sei entweder wie ein Nichtsein oder wie ein Wechsel beziehungsweise eine Übersiedlung der Seele: „Lasst uns auch auf folgende Weise bedenken, wie groß die Hoffnung ist, dass es sich um etwas Gutes handelt. Denn von zwei Dingen kann das Sterben nur eines sein; entweder nämlich ist es wie ein Nichtsein, so dass der Verstorbene auch keinerlei Empfindung mehr von irgendwas hat, oder es findet, wie ja behauptet wird, eine Art Wechsel und Übersiedlung der Seele statt: von dem Orte hier an einen anderen Ort.“

    Hier zeigen sich gleich drei Veränderungen gegenüber den Vorsokratikern: Nicht Tod, sondern Sterben, nicht Fakt, sondern „Hoffnung“, nicht Beschreibung eines Sachverhalts, sondern gleichnishafte Referenz („wie“, „eine Art“) bestimmen die Darstellung. Damit wird der Topos Sterben und Tod der ausschließlich ontologischen Betrachtung entzogen. Das Ende wird bei Platon zum Übergang, entweder ins „Nichts“ oder an einen „anderen Ort“. Platon bemüht die Metapher des „Loslassens“ im Sterbeprozess, etwas, das der Mensch tatsächlich einüben kann – gewissermaßen im Schlaf. Der Tod als „Schlafes Bruder“ (so in der Bach-Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ – „Komm o Tod, du Schlafes Bruder“) ähnelt am Ende des Lebens jenem Loslassen, das der Mensch am Ende jeden Tages vornimmt, wenn er sich schlafen legt.

    Der Tod verliert damit seinen Schrecken, er ist kein Übel, das es zu fürchten gilt, sondern ein Ausdruck von Hoffnung, mehr noch: etwas Erstrebenswertes. Zumindest muss niemand Sterben und Tod fürchten. Dabei wertet Platon den Ort der griechischen Unterwelt, den Hades, vom Furchtort („a-idés“, der Unsichtbare) zum Lernort („eidénai“, wissen) um. Vom Ort des Schreckens und der Strafe wird er zum Ort des Weiter-Lernens und damit der Selbstoptimierung über den Tod hinaus.

    Da unser Wissen um den Tod eine Auseinandersetzung mit dem Sterben ermöglicht, kann Platon von einem solchen teleologischen Bezug sprechen und die favorisierte philosophische Lebensform, durch die der Mensch das Wahre, Gute und Schöne erkennt, an die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Sterben und Tod knüpfen. Dies gipfelt in der Meinung Platons, alle Philosophie diene letztlich dazu, sich auf den Tod vorzubereiten, sei „Sterbensübung“ („meléte thanátou“). Welch ein Unterschied zu Epikur!

    Gleichwohl fand Epikur in Lukrez einen Rezipienten, der die These von der Bedeutungslosigkeit des Todes weiterentwickelte und zuspitzte. Lukrez fand, „dass der Tod uns nicht das Geringste bedeutet“. Wer sich dennoch mit dem Lebensende beschäftige, mache sich selbst das Leben zur Hölle – schon vor dem Tod. Doch bietet Lukrez in seinem Bild vom Leben als Mahl, an dessen Ende ein gesättigter Gast Abschied nimmt, selbst eine Perspektive an, den Tod ins irdische Leben hineinzunehmen und zu verarbeiten. Als „Abschied“ gibt Lukrez dem Tod – positiv besetzt durch die Lebenssattheit des Abschiednehmenden – eine angenehme Bedeutung, die Trauernde trösten kann. Denn dem Sterben als „Abschied nehmen“ haftet durchaus etwas Befreiendes an. Ein „Mehr“ an Leben wäre ein „Zuviel“. Man kann das „Mahl“ nicht in alle Ewigkeit fortsetzen.

    Bei Epikur und Lukrez steht also die proto-moderne Verdrängung des Todes im Zentrum, bei Platon die Einübung des Sterbens und die Vorbereitung auf den Tod – eine proto-christliche ars moriendi. Der Gedanke: Wer dem Tod den Schrecken nehmen will – zunächst noch ohne Bezug auf das Christentum oder religiöse Deutungsgehalte – bedarf einer Beschäftigung mit ihm, damit sich die Depotenzierung des Todes im Sterbeprozess tatsächlich als tröstlicher Halt erweist. Ein Trost findet sich vielleicht in der Verbindung von Schlaf und Tod. Wenn das die Vorstellung vom Sterben ist – in den Schlaf zu gleiten –, dann wäre dem Prozess der Todesannäherung der Schrecken erst einmal genommen.

    Dennoch bleibt der Tod etwas Besonderes: Aus ihm gibt es – im Gegensatz zum Schlaf – kein Erwachen, zumindest nicht im Rahmen säkularer Deutungsmuster. Hier nun zeigt sich die Kraft der christlichen Auferstehungshoffnung: Auch der Tod hat ein Ende, vielmehr: Er ist bereits am Ende, besiegt, überwunden. Und: Nicht allein die Seele lebt weiter, sondern auch der (neue) Leib, der sich – im Glauben der Kirche – wieder mit ihr verbindet. Schließlich: Nicht Kontinuität zum Irdischen bestimmt das Jenseits, vom Menschen her gedacht und in menschlichen Metaphern zu fassen versucht, sondern eine neue Wirklichkeit, die von Gott her aufbricht und die sich nur mit einem Konzept verstehen lässt, das in der vorchristlichen Antike keine große Rolle spielte: Liebe.

    Von Josef Bordat

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