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    Warum Katholiken die besseren Fußballfans sind

    Die Fußballweltmeisterschaft in Russland hält uns weiter in Atem. Ein 12-Punkte-Plädoyer zur Kultur rund um das Runde Leder. Von Rudolf Gehrig

    Soccer stadium
    Ball on gras in soccer stadium with illumination at night, 3D rendering Foto: Thomas-Soellner (iStockphoto)

    Punkt 1: Katholiken wissen, wie man feiert

    Im regulären Spielbetrieb feiert die Kirche einmal pro Woche (am Sonntag) die Auferstehung Jesu Christi mit einer Heiligen Messe. Dorthin zu gehen ist für jeden echten Katholiken Pflicht. Aufgrund der vielen Hochfeste und Feiertage, die die Kirche das ganze Jahr über feiert, kommt es jedoch häufig auch zur „Englischen Woche“. Dann wird von Katholiken erwartet, an Hochfesten wie Fronleichnam oder Christi Himmelfahrt (beides fällt immer auf einen Donnerstag) auch unter der Woche in die Messe zu gehen. Ein Katholik ist dies gewohnt, als Fußballfan dürfte er sich nicht besonders schwer damit tun, seinen Verein nicht nur einmal wöchentlich, sondern auch bei Pokalspielen unter der Woche zu unterstützen.

    Punkt 2: Katholiken

    wissen um die Bedeutung der Tradition

    Spielzeit verkürzen? Abseits abschaffen? Montagsspiele einführen? Katholiken wissen, dass man große Veränderungen im Regelwerk nicht so ohne Weiteres erzwingen soll. Sicher, hin und wieder sind Korrekturen nötig (wie zum Beispiel die Einführung des Elfmeterschießens oder die Abschaffung des Ablasshandels), andere Änderungen sind in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit und korrekte Anwendung noch zu überprüfen (Videobeweis/ der inflationäre Gebrauch von Kommunionhelfern). Ein echter Fußballfan wahrt die Traditionen, jedoch nicht um der Traditionen willen, sondern weil er sich deren Funktion bewusst ist.

    Punkt 3: Niemand steht über dem Verein

    (außer Gott)

    Ein Fußballer, der überzogene Gehaltsforderungen stellt, die Vertragsverhandlungen künstlich in die Länge zieht oder einen Wechsel durch Streik erzwingen will, hat im Verein nichts zu suchen. Ähnlich sieht es aus bei Gläubigen, die ihr eigenes Ding durchziehen ohne Rücksicht auf die Gemeinde, die durch Sonderwünsche und Extrawürste die Grundausrichtung der Kirche ändern wollen, ständig mit einem Vereinswechsel kokettieren, ohne jemals ernst zu machen. Der Katholik weiß: Der beste Dribbelkünstler kann im besten Fall mal ein Spiel an sich reißen und es zugunsten des eigenen Teams wenden. Doch auf Dauer hat auch er sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Ist das nicht gegeben, sollte man ihn möglichst schnell ziehen lassen. Natürlich gibt es auch innerhalb des Vereins eine Hierarchie und einen Vereinspräsidenten, der die administrativen Aufgaben rund um den Fußball zu managen hat. Das gilt auch für den Papst und seine Behörden, die sich um die Lehre der Kirche kümmern. Sie sind die letzten Bindeglieder zwischen dem einzelnen Fan und Gott.

    Punkt 4: Gelebte Ökumene statt „Tod und Hass dem HSV“

    Nach Jahren der blutigen Religionskriege haben selbst wir Katholiken gelernt, uns zusammenzureißen. Es ist lange her, als die letzte Reichsacht gegen notorische Ketzer ausgesprochen wurde (heute ist der Entzug der Lehrerlaubnis oft schon ausreichend) oder Horden von bewaffneten Katholiban unter dem Ruf „Deus lo vult“ das Heilige Land befreit haben. Klar, es gibt immer wieder einzelne Spinner, bedauerliche Einzelfälle, die rothaarige Frauen am liebsten durchs Dorf bis zum nächsten Scheiterhaufen schleifen würden. Die Mehrheit der Katholiken ist jedoch friedlich. Damit passen sie perfekt in die heutigen Stadien, in denen Hooligans so langsam der Vergangenheit angehören, weil die Mehrheit der Fans keine Lust mehr darauf hat, dass sich glatzköpfige Bomberjackenträger den Schädel einschlagen und dumpfe Parolen aus dem Dritten Reich nachplärren.

    Punkt 5: Katholiken wissen, wie man inmitten einer Gemeinschaft dennoch individuell bleibt

    Die Fans einer Mannschaft tragen meist dieselben Trikots und Schals, singen gemeinsam dieselben Lieder und springen im selben Rhythmus auf und ab. Ähnlich ist es bei den Gottesdiensten der Katholiken am Sonntag: Ein Klingeln zu Beginn der Messe zeigt an, wann sich alle gemeinsam erheben müssen, ein weiteres Klingeln vor der Wandlung gibt das Signal zum Hinknien und wenn der Priester den Segen gibt, schlagen alle das Kreuzzeichen. Und doch hat keiner das Gefühl, nur ein gesichtsloses Mitglied einer homogenen Masse zu sein. Denn so sehr die Heilige Messe das Gemeinschaftsgefühl stärkt, so ist sie in erster Linie die ganz persönliche Begegnung des Einzelnen mit Gott. Genau wie der Fan im Stadion mitten im Rausch der Masse dieses ganz intime Verhältnis zu seinem Verein verspürt und inbrünstig hinausbrüllt, versinkt im gemeinsamen Gebet auch der einzelne Gläubige ganz in der Gegenwart Gottes und hat die Möglichkeit, in trauter Zweisamkeit dem Herrn sein Herz auszuschütten.

    Punkt 6: Liebe und Wut, doch niemals

    Gleichgültigkeit

    Fußballweltmeisterschaften ziehen selbst Leute in ihren Bann, die sich sonst nicht für das Gekicke interessieren. Für ein paar Wochen wird das Hirn ausgeschaltet und eine ganze Nation versinkt im Massenrausch des Sportereignisses. Sobald aber wieder Italien, Spanien oder Frankreich den Partycrasher spielen und das DFB-Team aus dem Turnier kicken, flacht der Enthusiasmus wieder ab und viele fragen sich, warum sie sich von der Hysterie so haben mitreißen lassen. Einem eingefleischten Fußballfan wird das nicht passieren. Saisonbedingtes Interesse und unreflektiertes Sich-vom-Strom-mitreißen-lassen stehen da nicht zur Debatte. Es gilt: „Einmal Fan, immer Fan“, auch in schlechten Zeiten. Zwischen all den Momenten voller Glück darf es auch mal ernste Krisen geben. Die Liebe zum Fußball kann stellenweise umschlagen in Verzweiflung und Wut. Nur eines sollte niemals eintreten: Gleichgültigkeit. Dies ist exakt die Gefühlsklaviatur, die so mancher Katholik in seiner Beziehung zu Gott spielt: Auf und Abs, Wut und Verzweiflung, pure Freude und tiefe Ergriffenheit. Und manchmal auch völlige Stille. All das kann ein Katholik im Alltag ertragen, ohne jemals den Kontakt zu Gott zu verlieren. Ergo: der perfekte Fußball-Fan.

    Punkt 7: Katholiken wissen um die Bedeutung von Ritualen

    Es gibt kein Fußballspiel, ohne dass die Stadionregie versucht, die Zuschauer durch martialische Musik anzuheizen. Das Singen der Vereinshymne, die Präsentation der Mannschaftsaufstellung, die aufwendigen Choreografien – die Rituale sind vielfältig, und doch haben sie sich die letzten Jahre kaum verändert. Auch die richtige liturgische Kleidung – Fanschal, Trikot, Bierbecher – spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, dem Fußballspiel seinen feierlichen Rahmen zu geben. Katholiken wissen das. Ihnen ist auch bewusst, dass diese Rituale kein Selbstzweck sein dürfen. Sie müssen immer dem Obersten dienen, dürfen aber selbst nicht das Oberste werden.

    Punkt 8: Katholiken haben keinen Einfluss auf die Personalpolitik

    Dank des Internets ist es heutzutage jedem möglich, seine Meinung einem möglichst breiten Publikum kundzutun. Auch bei Themen, auf die man selbst keinen Einfluss hat. Regelmäßig fordern empörte Anhänger den Rauswurf eines Trainers oder die Absetzung eines Papstes. Das kann in einigen Fällen sogar funktionieren. Einfluss darauf, wer der Nachfolger für diese jeweils sehr wichtige Position wird, hat außer dem Präsidium oder dem Kardinalskollegium niemand. In einigen Fällen weiß es auch nur der Heilige Geist.

    Punkt 9: Niemand mag Retorten-Clubs

    Das Beispiel RB Leipzig zeigt: Retorten-Clubs machen den Glauben an den Fußball kaputt. Jener „Verein“ in Leipzig, der zwei rote Bullen im Vereinswappen hat, die einen Brausekonzern repräsentieren sollen, ist gewissermaßen der Zeuge Jehovas unter den Fußballvereinen: Keine Tradition, kein Lehramt, kein Anstand, und doch mehr Zulauf als man denkt. Dieser Punkt wäre natürlich die Traumvorlage, um die Einziggültigkeit der Katholischen Kirche nochmals herauszustellen und über all die billigen Kopien und Abspaltungen herzuziehen. Doch die Höflichkeit verbietet das. Und unser Papst.

    Punkt 10: Katholiken „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“

    In diesem Jahr war es endlich soweit und der HSV muss nach Jahren der Misswirtschaft endlich runter in die Zweite Liga. Und dann, nur eine Woche später: Das Pokalfinale des übermächtigen FC Bayern gegen die Underdogs aus Frankfurt. Beim überraschenden 3:1-Sieg jagte Frankfurt den Rekordmeister aus München, dieses Scientology des Fußballs, das glaubt, sich das ewige Heil durch prominente Spielertransfers erkaufen zu können, vom Platz. Gerechtigkeit im Fußball – es gibt sie noch! Wir Katholiken kennen diese Sehnsucht. „Wie sie mich verfolgt haben, so werden sie auch euch verfolgen“, hatte Jesus uns mit auf den Weg gegeben. Aber auch, dass er eines Tages wiederkehren würde. Und dann wird aufgeräumt. Kann sein, dass dann die einen ein Stockwerk tiefer geschickt werden, um in sich zu gehen und Buße zu tun. In dieser Welt mag man mit Hochmut weit kommen. Doch der Fall wird umso tiefer sein.

    Punkt 11: Streitfall Politik

    „Politik hat im Fußball (auf der Kanzel) nichts zu suchen“ und „Fußball bleibt Fußball, Politik bleibt Politik“. Sobald sich ein Verein in öffentliche politische Debatten einmischt, bekommt er diese Vorwürfe zu hören. Und da ist etwas dran! Der Fußball soll dem Menschen dabei helfen, dieser Welt wenigstens für 90 Minuten (plus Nachspielzeit) zu entfliehen. Nur für einen Moment weg von all den Problemen, den Sorgen, der Kriegsgefahr und der unsicheren Wirtschaftslage! Nur für einen Moment abtauchen in diese andere Welt, in der ich ganz zu mir finde, weil ich etwas begegne, das größer ist als ich. Ähnliches erleben wir Katholiken während der Heiligen Messe. Und auch hier ist es Mode geworden, dass sich Priester und Bischöfe in der Predigt oder der Art der Fürbitten-Formulierungen zu gesellschaftspolitischen Themen äußern. Das kann nerven. Doch spätestens dann, wenn der Fußball oder die Kirche für eine politische Agenda von links oder rechts missbraucht werden, muss man als Verantwortlicher eingreifen. Ansonsten gilt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Und damit ist nicht Franz Beckenbauer gemeint.

    Punkt 12: Du musst auch was zurückgeben

    Fan-Sein und Katholisch-Sein ist wie eine Liebesbeziehung zu führen: Ohne eigenes Engagement erlischt sie irgendwann. Einfach dazusitzen und nur zu konsumieren, ohne selbst etwas beizutragen, reicht nicht aus, um als „Fan“ zu gelten. Es reicht auch nicht, regelmäßig Geld für Merchandise auszugeben oder in den Klingelbeutel zu werfen und monatlich die Kirchensteuer abzudrücken. In Anlehnung an einen berühmten Ausspruch von John F. Kennedy könnte man also sagen: „Fragt nicht, was die Kirche für euch tun kann – fragt, was ihr für Gott tun könnt!“

    von Rudolf Gehrig

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