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    Würzburg

    Vorsicht Falle

    Der Szientismus feiert wieder Feste: Auf den Feldern der Gentechnik und der Künstlichen Intelligenz wird zunehmend als Wissenschaft ausgegeben, was eigentlich eine Religion ist.

    Dunkle Seite der Macht
    Menschen, die nicht an Gott glauben, glauben nicht an nichts, sondern „an alles Mögliche“. Foto: (290121039)

    Seit der Französischen Revolution, spätestens aber seit Friedrich Nietzsche 1882 in der „Fröhlichen Wissenschaft“ ausrief: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“, schien ein Großteil der Welt sich damit abgefunden zu haben, ja, brüstete sich damit, allen religiösen Krimskrams hinter sich gelassen zu haben. Fortan sollte nur noch „la raison“, die Vernunft herrschen.

    Dass dies auch für die Naturwissenschaft fatale Konsequenzen haben würde, war nur Wenigen klar. Die moderne Wissenschaft hat zwar Wurzeln in der Antike und der arabischen Kultur, ist aber im Wesentlichen ein Produkt des christlichen Abendlands. Auch ist es so, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, nicht an nichts glauben, sondern „an alles Mögliche“ (Gilbert K. Chesterton).

    Anfällig für Strömungen

    In der Wissenschaft führt dies dazu, dass man die eigenen Wurzeln kappt und anfällig wird für Strömungen, die nicht mehr auf Empirie, sondern allein auf Glauben basieren. Die enge deterministische und positivistische Sicht vieler Wissenschaftler macht sie dafür sogar besonders anfällig, denn ihnen fehlen die geistigen Werkzeuge, um zu erkennen, wenn das eigene Tun von Annahmen auszugehen beginnt, die mit Wissenschaft nichts mehr zu tun haben. So wundert es eigentlich nicht, dass man anfängt, Lebewesen, darunter Menschen, wie Lego-Bausteine zu behandeln. Dieses Vorgehen ist nicht nur ethisch und moralisch falsch, es ist aus wissenschaftlicher Sicht auch „unterkomplex“, da es eine fast kindliche Sicht auf biologische Prozesse offenbart.

    Der erstaunliche Erfolg des naturwissenschaftlichen Modells basiert darauf, dass es sich zur Deutung der Welt als besonders geeignet erweist. Zur Tradition dieses Modells gehört es, „die Wissenschaft“ als enthobenes Element darzustellen, das mit Hilfe der Trias aus Hypothese, Versuch und Bestätigung beziehungsweise Widerlegung ein immer genaueres Bild der Wirklichkeit zu zeichnen vermag. So entsteht der Eindruck eines Bauwerks, das Steinchen für Steinchen geordnet wächst, geleitet vom objektiven Streben nach Wissen und Wahrheit. Im Rahmen dieses monumentalen Unterfangens erweist sich der eine oder andere Weg freilich als Irrtum. Solche Irrtümer werden nicht nur akzeptiert, sondern geradezu gefeiert, denn aus dem Verwerfen eines bis dahin als sicher geltenden Befundes verspricht man sich den größten Erkenntnisgewinn.

    Falsche Paradigmen gibt man ungern auf

    An dieser skizzenhaften Darstellung des naturwissenschaftlichen Modells ist alles richtig. Und gleichzeitig nichts. Denn in der Praxis hat Naturwissenschaft so nie funktioniert. Naturwissenschaftler sind Menschen mit allen Stärken und Schwächen, die unserer Gattung eigen sind. Der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn hat gezeigt, dass Wissenschaftler einem Paradigma so lange verhaftet bleiben, bis es durch ein anderes abgelöst wird. So haben fast alle damaligen Astronomen versucht, die Abweichungen der beobachteten von den berechneten Bahnen der Himmelskörper durch immer kompliziertere „Epizyklen“ zu erklären, bis sich nach der kopernikanischen Wende das neue heliozentrische Modell durchsetzte. Selten sieht die alte Garde ihre Fehleinschätzung ein und gibt ein falsches Paradigma auf. Regelmäßig geschieht die Transformation auf biologische Art: die alte Riege tritt ab oder verstirbt und wird nach und nach durch eine neue ersetzt, die einem anderen Paradigma verpflichtet ist. Soziologisch betrachtet ist der Wissenschaftsbetrieb also genauso anfällig für Irrationalitäten wie andere Bereiche der Gesellschaft auch.

    Und doch hat die Irrationalität in den letzten Jahren eine neue Qualität angenommen. In verschiedenen Bereichen der Wissenschaft sehen wir, dass sich die Protagonisten nicht bloß auf einem wissenschaftlichen Holzweg befinden, sondern sich vom klassischen Erkenntnisweg der Wissenschaft überhaupt verabschiedet haben. Hier haben wir es nicht mehr mit „science“, sondern mit „scientism“, nicht mit Wissenschaft, sondern mit Szientismus zu tun. Friedrich A. Hayek beschreibt Szientismus als „die sklavische Imitation der Methoden und der Sprache der Wissenschaft“, als Aktivität, die nach Wissenschaft aussieht, de facto aber das genaue Gegenteil ist. Zwei Fachgebiete, bei denen sich diese Entwicklung besonders gut beobachten lässt, sind die Gentechnik und die Künstliche Intelligenz. Gemeinsam ist ihnen das Streben nach „Optimierung“ von Menschen.

    Erschaffung von „Designer-Babys“

    Seit vielen Jahren – erst recht seit der Entwicklung der CRISPR/Cas9-„Genschere“ – ist die Erschaffung von „Designer-Babys“, also die Idee, durch gezielte genetische Manipulationen Menschen zu schaffen, die besonders intelligent, schön, ausdauerfähig oder auf andere Weise herausragend sind, ein beliebtes Thema der Feuilletons und der Unterhaltungsindustrie. Jedoch verraten derartige Befürchtungen eine tiefe Unkenntnis über die tatsächliche Wirkweise der Genetik und die Möglichkeiten der Optimierung durch Genmanipulationen. Denn so gut wie alle „interessanten“ Eigenschaften sind „polygenetisch und multifaktoriell“ geprägt. „Polygenetisch“ meint eine Eigenschaft, die von einer Vielzahl von Genen mit kleiner Wirkung bestimmt wird.

    „Multifaktoriell“ heißt, dass die Ausprägung nicht allein von den Genen, sondern auch von Umweltfaktoren wie Ernährung, Zuwendung und Pflege abhängt. Auch lässt sich die Größe solcher Effekte nur als statistisches Maß in einer großen Zahl von Menschen ermitteln. Bei einem Individuum können sich die Faktoren ganz anders auswirken als im statistischen Mittel. Die Summe dieser Ungenauigkeiten führt dazu, dass es für komplexe Eigenschaften zumindest derzeit, aber vielleicht auch prinzipiell unmöglich ist, vorherzusagen, wie sich eine bestimmte Genmanipulation auf die Ausprägung einer Eigenschaft auswirkt.

    Künstliche Mutationen und die Folgen

    Der zweite und wichtigere Einwand gegen die Herstellung von „Designer-Babys“ besteht darin, dass bisher keine einzige künstliche Mutation beschrieben wurde, die die allgemeine Widerstands- und Überlebensfähigkeit eines Organismus‘ verbessert hätte. Vielmehr handelt es sich bei ihnen, sei es nun „Genmais“, seien es Humaninsulin produzierende Bakterien, um „Krüppel“, die nur unter artifiziellen Bedingungen und ohne Konkurrenten gedeihen können. Im Gegensatz zu den Science-Fiction-Helden der Marvel Comics gehen echte Mutanten in der freien Laufbahn unter. Dies ist auch der Grund, warum „Genmais“-Sorten neben wachstumsfördernden Genen auch ein Gen implantiert bekommen müssen, das ihnen eine Resistenz gegen das Pflanzengift Glyphosat verleiht. Damit der mutierte Genmais überhaupt ausreichend wächst, werden alle anderen Pflanzen anschließend mit Glyphosat getötet.

    Auch die Entwicklung künstlicher Intelligenz und mehr noch die Bestrebungen des Transhumanismus unterliegen grundsätzlichen Missverständnissen. Die menschliche Intelligenz ist viel mehr als nur eine Summe von Verknüpfungen („Kombinatorik“). In der reinen, algorithmusgetriebenen Kombinatorik hat die Maschine den Menschen längst überholt. Zur menschlichen Intelligenz gehören jedoch auch Faktoren wie Intuition und Selbstreflektion, die Maschinen vollkommen fehlen. Woraus Selbstreflektion oder Selbstbewusstsein besteht, ist bisher vollkommen unklar.

    So wenig wie wir sagen können, wo und wie Langzeitgedächtnisse gespeichert werden, so wenig wissen wir, was und wo der Sitz des Bewusstseins ist. Diese Frage gilt als eines der „hard problems“ der Naturwissenschaft. Eines, für das bislang nicht einmal brauchbare Lösungsansätze existieren. Hinter ihm verbirgt sich ein noch tieferes Rätsel: das „mind-brain-problem“. Dabei geht es um die Frage, ob Bewusstsein („mind“) gleichsam ein Nebenprodukt – eine „emergente Eigenschaft“ – der Gehirnaktivität ist, bei dem sich das Bewusstsein vollständig innerhalb des Schädels befindet, oder ob nicht ein besseres Bild das eines Radioempfängers ist, bei dem das Gehirn ein wie auch immer geartetes Bewusstseinssignal von einem externen Lokus empfängt und zum Ausdruck bringt. So oder so basieren alle Gedanken von der „Singularität“ als Zeitpunkt, von dem an die gesammelte Intelligenz der Maschinen die der Menschheit übersteigt, oder die Vorstellung, dass es irgendwann möglich sei, das menschliche Bewusstsein in eine Maschine „hochzuladen“ und so unsterblich zu werden, auf einem völligen Missverständnis von Materie.

     Illusion künstlicher Intelligenz

    Solche Gedanken sind nicht einmal neu. Bereits 1978 hat Hubert Lederer Dreyfus (1929–2017) in seinem Buch „What Computers Can‘t Do“ die Illusion künstlicher Intelligenz entlarvt. Dennoch hat der utopische Wunschtraum von der Herstellung eines „besseren“, genmanipulierten Menschen, beim Transhumanismus gar von Maschinenmenschen, die Eigenschaften von Göttern besitzen, an Virulenz nichts verloren. Ein Phänomen, das sich mit Opportunismus oder Ideologie allein nicht erklären lässt und eine wesentlich tiefere Wurzel besitzt, nämlich die dem Menschen eigentümliche Suche nach Transzendenz.

    Trotz der wissenschaftlichen Attitüde und dem wissenschaftlichen Jargon handelt es sich beim Transhumanismus daher nicht um Wissenschaft, sondern um Religion. Es geht auch nicht um „religiöse Tendenzen“ oder um „Ersatz-Religion“, sondern um eine voll ausgewachsene Religion mit eigener Ethik, eigenen Erlösungsvorstellungen und eigener Eschatologie. Im Gegensatz zu den Anhängern klassischer Religionen weisen die Adepten dieser neuen Religion jedoch den religiösen Ansatz, den sie meist mit Aberglauben gleichsetzen, weit von sich. Diese Konstellation macht den rationalen Dialog nicht leichter und die Situation nicht ungefährlich. Denn wie der Journalist und Bioethik-Experte Stefan Rehder einmal anmerkte, bemisst sich „die Gefährlichkeit einer Idee nicht daran, wie realistisch sie ist, sondern allein danach, wie weit ihre Anhänger für deren Verwirklichung zu gehen bereit sind“.

    Tatsächlich besteht ein Umkehrverhältnis zwischen der Praktikabilität einer Idee und ihrer Gefährlichkeit. Zwar muss bei einer unerreichbaren Idee der erhoffte „Erfolg“ notwendig ausbleiben. Nur führt dies bei ihren Eiferern statt zur Aufgabe der Idee, meist zur Verdoppelung ihrer Anstrengungen. Das 20. Jahrhundert wartet mit einer Vielzahl erschreckender Belege dieses Mechanismus auf. Wir täten also gut daran, Virulenz und Toxizität dieser Ideen nicht zu unterschätzen. Ein erster Ansatz wäre, das Glaubens- und Orientierungsvakuum, in das sie hineinstoßen, durch echte Glaubensinhalte aufzufüllen.

    Kurz gefasst

    Designer-Babys und das Versprechen des Transhumanismus, durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine Unsterblichkeit zu erlangen, haben mit Wissenschaft im eigentlichen Sinne nichts tun. Ihre Hohepriester bedienen sich zwar des Wissenschafts-Jargons, verwalten jedoch in Wirklichkeit eine neue und überaus gefährliche Religion.

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