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    Vorhang auf für die Sagrada Família

    Hektisch geht es zu auf dem Petersplatz in der vorweihnachtlichen Adventszeit, an allen Ecken und Enden wird gehämmert und gewerkelt. Der Obelisk ist fast ganz und gar hinter großen braunen Leinentüchern verschwunden, die dazu dienen, die Errichtung der Weihnachtskrippe vor allzu neugierigen Blicken abzuschirmen. Der riesige Weihnachtsbaum – dieses Jahr übrigens aus der Ukraine – steht bereits und wartet auf seinen großen Auftritt.

    Holzmodell der Sagrada Família de Barcelona. Foto: Museum

    Hektisch geht es zu auf dem Petersplatz in der vorweihnachtlichen Adventszeit, an allen Ecken und Enden wird gehämmert und gewerkelt. Der Obelisk ist fast ganz und gar hinter großen braunen Leinentüchern verschwunden, die dazu dienen, die Errichtung der Weihnachtskrippe vor allzu neugierigen Blicken abzuschirmen. Der riesige Weihnachtsbaum – dieses Jahr übrigens aus der Ukraine – steht bereits und wartet auf seinen großen Auftritt.

    Folgt man dem linken Kolonnadenarm des Platzes, lässt man nicht nur den Rummel der Piazza hinter sich, sondern erreicht nach nur wenigen Metern die kleinen, aber feinen Ausstellungsräume der Citta del Vaticano im sogenannten Braccio di Carlo Magno, dem „Seitenarm Karls des Großen“. Diese Räumlichkeiten sind seit dem 24. November Schauplatz einer „Gaudí und der Sagrada Família de Barcelona“ gewidmeten Ausstellung.

    Eine der Prachtfassaden der Sagrada Família öffnet sich wie ein Vorhang im Eingangsbereich, durch den der Besucher hindurchschreitet und sogleich in Gaudis ganz eigene fantastische Welt entführt wird. Das schummrige Licht, in das die gesamte Ausstellung getaucht ist, bildet einen wunderbaren Gegensatz zu den kunterbunten, strahlend weißen oder bronzenen Architekturelementen und anderen Ausstellungsobjekten. Das Spiel mit Formen und verschiedenen Materialien und Baustoffen ist es, was Gaudís Architektur so anders, so besonders macht.

    Neben der Natur, die für ihn „das Buch ist, von dem alles abstammt“, waren die Gotik, die Romanik und sogar die maurische Architektur Quelle und Inspiration seiner Kunst, deren Elemente er vermischte und zu einer ganz und gar neuen, ihm eigenen Formensprache verband. Flachbildschirme an den Wänden zeigen dem Besucher Schritt für Schritt die Verschmelzung der verschiedenen Stilelemente und helfen dabei, Gaudí und seine Kunst besser zu verstehen. Doch nicht nur die Vermischung verschiedener kunstgeschichtlicher Epochen, sondern auch das Zusammenfügen von profanen und sakralen Elementen zieht sich wie ein roter Faden durch seine Kunst. Waren die Wohnhäuser eher von einem versteckten Spiel mit der christlichen Ikonographie geprägt, präsentiert die Sagrada Família die Mischung aus weltlicher und christlicher Symbolik ganz offen und selbstverständlich.

    Herzstück der Ausstellung ist ein Modell der vollendeten Basilika aus Holz, durch das der Betrachter hindurchgehen kann und so alle geplanten oder sich zuzeit im Bau befindenden Fassaden, Eingänge, Treppenläufe, Tribünen und Säulen des Baues bis ins kleinste Detail betrachten kann.

    Gaudí und die Sagrada Família gehören zusammen wie Pizza und Pasta, doch wissen wahrscheinlich die wenigsten, dass die von Josep M. Bocabella i Verdaguer 1866 gegründete Bruderschaft Associació Espiritual de Devots de Sant Josep, die Dank einer großzügigen Spende das Bauland erwerben konnte, gar nicht Antoni Gaudí Anfang der 1880er Jahre mit dem Bauprojekt beauftragt hatte, sondern den Architekten Francisco de Paula del Villar. Dieser trat jedoch nach Unstimmigkeiten mit den Bauherren nur kurze Zeit später von dem Projekt zurück. Gaudís große Stunde war gekommen. Das Bauprojekt der Sagrada Família sollte von nun an zur lebensbestimmenden Aufgabe werden. Das ursprüngliche Projekt gab er weitgehend auf. Die anfänglich drei geplanten Kirchenschiffe des Langhauses erhöhte er auf fünf, das Querhaus plante er dreischiffig und der Tambour sollte sich in 170 Metern Höhe über dem Kirchenraum erheben. Immer größer, immer mächtiger wurde der Bau und immer mehr Türme sollten ihn schmücken. Die Türme, unumstrittenes Markenzeichen der Sagrada Família, sind noch lange nicht abgeschlossen. Achtzehn Stück sollen es einmal werden. Davon sind zwölf den Aposteln geweiht sowie vier den Evangelisten. Der Turm der heiligen Jungfrau Maria zu Ehren soll eine Höhe von 125 Metern erreichen. Alle anderen überragen wird am Ende der Turm für Jesus Christus. Über 170 Meter hoch soll er einmal in den Himmel ragen. Das Ulmer Münster wird dann die längste Zeit den höchsten Kirchenturm der Welt gehabt haben. Doch werden wir uns noch einige Zeit gedulden müssen, bis es soweit ist. Vielleicht klappt es für das nächste Heilige Jahr 2025, der Anlass wäre passend. Gaudí, der am 10. Juni 1926 bei einem Verkehrsunfall von einer Straßenbahn überfahren wurde und seinen Verletzungen erlag, hatte noch die Fertigstellung des Barnabas-Turmes über der Fassade mit der Darstellung der Weihnachtsgeschichte miterleben dürfen.

    Nicht nur den Verlust des Baumeisters musste die Sagrada Família in den letzten hundert Jahren ihrer Baugeschichte verschmerzen. Finanzierungsengpässe und öffentliche Kritik machten ihr mehr als einmal das Leben schwer. Auch von Bränden blieb sie nicht verschont. Genauer gesagt brannte es zweimal. Einmal aufgrund mutwilliger Zerstörungswut Revolutionärer des spanischen Bürgerkrieges, die die Krypta und Gaudís Atelier in Brand steckten. Ein weiteres Feuer breitete sich vor nur wenigen Monaten im April 2011 wieder in der Krypta aus. Doch allen Schwierigkeiten, Problemen und Protesten zum Trost schreiten die Arbeiten voran und der Bau wächst von Tag zu Tag.

    „Der Herr dieses Hauses kennt keine Zeit“

    Ein Meilenstein in der Geschichte der Sagrada Família war zweifellos der 7. November 2010. Papst Benedikt XVI. weihte die Kirche im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes und verlieh ihr zugleich den Rang einer päpstlichen Basilica minor. Der Besuch des Pontifex Maximus hat allen Beteiligten des Mammutprojekts Sagrada Família wieder neuen Mut, neue Kraft und Durchhaltevermögen gegeben. Und der für Antoni Gaudí seit dem Jahr 2000 eingeleitete Seligsprechungsprozess ist sicherlich auch ein großer Anreiz, die Kathedrale in seinem Gedenken weiter und irgendwann auch zu Ende zu führen. Gaudí selbst kannte wohl keine Eile, denn auf die lange Bauphase angesprochen antwortete er: „Die Arbeiten der Sagrada Família gehen langsam voran, denn der Herr dieses Hauses kennt keine Zeit.“

    „Gaudí und die Sagrada Família de Barcelona“, in Rom, Citta del Vaticano, Braccio di Carlo Magno, Piazza San Pietro, geöffnet bis 15. Januar 2012.