• aktualisiert:

    Von Judas und Jesus

    Der neue Roman des israelischen Schriftstellers Amos Oz (geboren 1939) mit dem schlichten Titel „Judas“ scheint von der Thematik in eine leicht erkennbare Richtung zu deuten, nämlich dass er vom Verrat handelt. Judas als zum Synonym gewordener Begriff des Verräters im Besonderen und Allgemeinen. Ja, auch davon erzählt der Roman. Und es ist ein vielsagender Lapsus, dass im Klappentext des Buches die Examensarbeit des Hauptprotagonisten Schmuel Asch falsch zitiert wird, nämlich „Judas in der Perspektive der Juden“, während es heißen muss „Jesus in der Perspektive der Juden“. Das nämlich ist ein wesentlicher Gesichtspunkt des ganzen Romans. Es geht um die Geschichte Israels und des Christentums, insbesondere um Jesus als Juden und ganz nebenbei auch um eine Liebesgeschichte.

    Judas verrät Jesus, Gemälde von Ugolino di Nerio (1280–1349). Foto: IN

    Der neue Roman des israelischen Schriftstellers Amos Oz (geboren 1939) mit dem schlichten Titel „Judas“ scheint von der Thematik in eine leicht erkennbare Richtung zu deuten, nämlich dass er vom Verrat handelt. Judas als zum Synonym gewordener Begriff des Verräters im Besonderen und Allgemeinen. Ja, auch davon erzählt der Roman. Und es ist ein vielsagender Lapsus, dass im Klappentext des Buches die Examensarbeit des Hauptprotagonisten Schmuel Asch falsch zitiert wird, nämlich „Judas in der Perspektive der Juden“, während es heißen muss „Jesus in der Perspektive der Juden“. Das nämlich ist ein wesentlicher Gesichtspunkt des ganzen Romans. Es geht um die Geschichte Israels und des Christentums, insbesondere um Jesus als Juden und ganz nebenbei auch um eine Liebesgeschichte.

    Schmuel Asch, ein 25-jähriger Student in Jerusalem, bricht zu Beginn des Romans sein Studium ab, weil seine Eltern durch den Konkurs ihres Geschäfts ihn nicht mehr finanziell unterstützen können. Doppeltes Pech hat er, weil ihn gleichzeitig seine Freundin Jardena verlässt und überdies noch einen Freund von früher heiratet, offenbar einen Langweiler ganz im Gegensatz zum sensiblen, ein wenig kauzigen Schmuel, der sich für „Gott und die Welt“ existenzphilosophisch interessiert.

    Zeitpunkt des Romangeschehens ist der Winter 1959/1960. Ihn nicht in der Jetztzeit spielen zu lassen, ist ein kluger Schachzug des Erzählers. Es ist ja bekannt, dass Amos Oz ein Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina und prominenter Vertreter der Friedensbewegung „peace-now“ (1978 von ihm mitbegründet) ist. Als solcher ist es auch ihm wiederholt widerfahren, als Verräter der israelischen Sache beschimpft zu werden. Der Romanautor kann durch die Zurückverlegung der Romanhandlung seinen Protagonisten gleichsam prophetische Worte in den Mund legen: „Wenn es keinen Frieden gibt, werden uns die Araber eines Tages besiegen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Geduld.“ Zwei Kriege und die Staatsgründung Israels haben stattgefunden, doch schlimmere Kriege stehen noch bevor. In das alte Haus in der Rav-Albas-Gasse mit seinen geheimnisvollen Bewohnern Gershom Wald, dem 70-jährigen gehbehinderten Gelehrten, und der schönen 45-jährigen Atalja Abrabanel zieht also der scheue Student Schmuel Asch auf der Suche nach Einsamkeit und Zerstreuung, aber auch Inspiration zur Weiterführung seiner Magisterarbeit.

    Im Innern des Hauses findet Schmuel neben der real existierenden zerbrochenen Stufe, die ihm am Ende zum Verhängnis, nämlich einem Sturz und einem gebrochenen Bein, auf der anderer Seite aber zum Durchbruch in seiner Liebe zu Atalja verhilft, eine traurige Atmosphäre vor. Die Ursache dafür erfährt er erst nach und nach. Gershom Wald hat seinen einzigen Sohn Micha verloren, der im Krieg 1948 auf grausame Weise zu Tode kam. Seitdem hadert er mit der Welt. Er war ein junger Gelehrter, dem eine glänzende Universitätslaufbahn bevorstand, bevor er sich, durch seinen Patriotismus verblendet, freiwillig an die Front meldete.

    Mit den Protagonisten wird man beim Lesen immer vertrauter, folgt ihren sehr verschiedenen Gedankengängen mit Verständnis. Amos Oz zeichnet seine Charaktere anschaulich und psychologisch fein konturiert. Bei den Gesprächen meint man selbst anwesend zu sein, so lebendig sind sie gestaltet. Als Schmuel und Gershom Wald sich über die Juden und die Schwierigkeiten, die sie in Israel in der Nachbarschaft mit den Arabern haben, unterhalten zum Beispiel. Schmuel: „Bis zu einem gewissen Grad kann man vielleicht das Volk verstehen, das seit tausenden Jahren die Macht der Bücher anerkannt hat, die Macht des Gebets, der guten Taten, die Kraft des Studierens und des Lernens, die Kraft der religiösen Treue, die Macht des Handels und der Vermittlung, aber die Macht der Macht kannte es nur von seinem geschlagenen Rücken. Und nun hat es plötzlich selbst einen schweren Schlagstock in den Händen. (…) Ich glaube, dass man mit einer solchen Macht alles erobern kann.“ Worauf der weise Gershom Wald antwortet: „Das glauben Sie. Das glauben auch die Juden in Israel, weil sie keine Ahnung von den Grenzen der Macht haben. Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann.“ Das Grundproblem der Nächstenliebe trieb auch Ataljas Vater um. Er setzte sich für ein friedliches Miteinander von Juden und Arabern ein, war gegen eine Staatsgründung. Dieser Schealtiel Abrabanel wird von Amos Oz so glaubhaft geschildert, dass man kaum glauben mag, dass es sich um eine fiktive Gestalt handelt, wo er doch in höchsten politischen Kreisen um Ben Gurion und in der Jewish Agency agiert. Durch seine Versöhnungsbemühungen mit den Arabern wird er aber als Verräter geächtet und aus seinen Ämtern gejagt. Fortan lebt er bis zu seinem Tod verbittert und verstummt gemeinsam im Haus mit seiner Tochter und dem alten Wald. „Er hüllte sich in seine Kränkung wie in ein Leichentuch.“

    All dies, die Geschichten von Einsamkeit, Verrat, Liebe und Enttäuschung sind kunstvoll verwoben mit der eigentlichen Metaebene des Romans (zugleich Forschungsthema von Schmuel Asch) „Jesus in der Perspektive der Juden“. Denn Amos Oz lässt Asch und Wald nächtelang darüber diskutieren, warum die Juden seit nunmehr zweitausend Jahren immer noch gehasst werden. Den Autor, der sich stets als Atheisten bezeichnet, treibt dieses Thema derart um, dass man sich fragt, wie kann es einem Ungläubigen gelingen, einen fast religiösen Text zu schreiben von einer Intensität, die einen erschauern lässt.

    Schmuel und Wald sprechen über den Verräter. Schmuels Meinung war folgende: „Wer bereit ist, sich zu verändern, wer den Mut hat, sich zu verändern, wird immer von jenen als Verräter bezeichnet werden, die zu keiner Veränderung fähig sind und eine Heidenangst vor Veränderung haben, die Veränderungen nicht versuchen und sie ablehnen.“ Fast wörtlich hat Amos Oz diesen Satz in seiner Rede zur Verleihung des erstmals verliehenen Siegfried-Lenz-Preises im November 2014 in Hamburg gebraucht, woran man erkennt, wie wichtig ihm dieses Thema ist.

    Aber nun Kapitel 47: Schmuel weilt am Schabbatabend in einem Gasthaus und fühlt sich beim Anblick einer armen schwangeren Bedienung urplötzlich in die Szenerie auf Golgatha versetzt, während er sinniert: „Es gibt kein Erbarmen auf der Welt. Vor drei Stunden wurde in Jerusalem die Gnade getötet, sie haben das Erbarmen getötet.“ Schmuels Bewusstsein schwankt zwischen seiner realen Anwesenheit im Schankraum und der geistigen Präsenz am Ort der Kreuzigung, als sei er leibhaftig dort zugegen: „In den Mittagsstunden ergoss sich die Hitze wie flüssiges Blei über die Erde, die Gekreuzigten und die Zuschauermenge.“ Und dann, als noch von Judas als dem großgewachsenen Mann, der am Rande steht und an das Wunder glaubt, dass dieser Jesus nun sofort vom Kreuz herabsteigen wird, die Rede ist, wird dieser Judas zum ICH. „Ich habe ihn ermordet. Er wollte nicht nach Jerusalem und ich habe ihn fast gegen seinen Willen gedrängt, dorthin zu gehen.“ Dieser Judas offenbart seinen Glauben, dass Jesus der Messias sei, der einzige Sohn Gottes, der endlich zu ihnen gekommen war. Diesen Jesus mit seinen „Botschaften, die das Herz ergriffen, Botschaften von Liebe und Erbarmen und von Verzicht und Freude und Glauben“ hat er dazu überredet, nach Jerusalem zu gehen und glaubte, damit einen Heilsplan zu erfüllen. „Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt und an ihn geglaubt… Ich war überzeugt, dass sich heute in Jerusalem das größte Wunder von allen ereignen würde. Das letzte Wunder, nach dem es auf der Welt keinen Tod mehr geben würde. Das Wunder, nach dem kein einziges Wunder mehr nötig wäre. Das Wunder, das das himmlische Königreich bringen würde, sodass es auf der Welt nur noch Liebe gäbe.“

    Nach diesem mitreißenden, ja aufwühlenden Diskurs über die Rolle des Judas im Erlösungsgeschehen wechselt die Szenerie unversehens zurück in den Schankraum. Und nun passiert der zweite unerhörte Wechsel, eine verdoppelte Ichwerdung sozusagen. Denn plötzlich ist das ICH nicht mehr Judas, sondern Schmuel – und man könnte ohne weiteres schlussfolgern: der Erzähler Amos Oz selbst. Er hört die durchdringenden Schreie von der Kreuzigungsstätte und weiß, dass diese nie vergehen werden. „Alle Worte, die aus unserem Mund kommen, werden vergehen, aber das alles wird nicht vergehen und nie ausgelöscht werden, sondern für immer bestehen.“ Denn, so weiß das ICH: „Ich habe ihn aufs Kreuz geschlagen. Ich habe die Nägel in sein Fleisch getrieben. Ich habe sein Blut vergossen.“ Das Kapitel endet mit dem Selbstmord des Judas durch einen Strick, denn nach dem Tod seiner Hoffnung ist für ihn die Welt nur noch leer.

    „Mit oder ohne Judas“, so belehrt Gershom Wald seinen jungen Gesprächspartner einmal, „der Jude hätte für die Gläubigen immer den Verräter verkörpert. Generationen um Generationen von Christen hätten nie vergessen, dass das Volk vor der Kreuzigung gerufen hat: Kreuzige ihn, kreuzige ihn, sein Blut komme über uns und unsere Kinder. Und ich sage Ihnen, Schmuel, dass der Streit zwischen uns und den Arabern nichts anderes ist als eine kleine Episode in der Geschichte, eine kurze, vorübergehende Episode. In fünfzig oder hundert oder zweihundert Jahren wird sich keiner mehr daran erinnern, während das, was wir mit den Christen haben, etwas Tiefes und Dunkles ist… und solange auf der Welt noch Menschen herumlaufen, die Gott getötet haben oder die Nachfahren dieser Menschen, die Gott getötet haben, so lange werden wir keine Ruhe haben.“

    Das Ende des Romans ist kurz und prosaisch. Schmuel nimmt Abschied und bricht auf in die Wüste, in der eine neue Stadt erbaut werden soll. Wer will, kann auch dies als Allegorie auffassen, als die himmlische Stadt Jerusalem. Denn völlig überraschend fallen von ihm alle Ängste ab. „Alles gefiel ihm, und alles machte ihn froh.“ Es war der Tag vor dem Pessachfest.

    Amos Oz: Judas. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 352 Seiten, EUR 22,95