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    Vom Wert jedes Geschöpfs

    Noch nie war das Tierleiden so immens wie heute. Daraus folgt: Menschen und Tiere müssen ihre Beziehungen fairer ausgestalten. Ein Plädoyer. Von Björn Hayer

    Hühner und Ei
    Mit Bewusstsein ausgestattet: Diese Hühner scheinen sich das Staunen über den Anfang des Lebens bewahrt zu haben. Foto: dpa

    Und alljährlich nähert sich wieder das Weihnachtsfest. Sehnsuchtsvoll erwarten viele die Abende vor dem Kaminfeuer samt der Vorfreude auf den Schnee, die vielen Lichter in der Dunkelheit, die wohlige Besinnlichkeit. Und nicht zuletzt die christliche Botschaft der Liebe. Während sich die Menschen zusammenfinden, bricht für die Tiere hingegen eine höllische Zeit an. Damit überall die Braten auf den Tisch kommen, schlachtet man Gänse, Schweine und andere Lebewesen im Akkord, versteckt hinter den sterilen und anonymen Hallen der Fleischindustrie. Normalerweise werden allein in Deutschland pro Sekunde 3 000 sogenannter Nutztiere getötet, vor Heiligabend steigt die Zahl exponentiell. Darunter, auch das sei betont, viele junge wie Lämmer und Kälber, die zumeist skrupellos ihren Eltern entrissen werden. Es ist eigentlich keine Neuigkeit, dass Rinder, Puten, Schweine oder Hühner in hohem Maße leidensfähig sind, Schmerzen empfinden und trauern können.

    Obwohl die neurobiologischen Forschungen längst bewiesen haben, wie nah uns jene Lieferanten von Fleisch, Milch und Eiern sind, hat sich die Situation für sie innerhalb des letzten Jahrhunderts massiv verschlechtert. Die Fordisierung der Industrie im ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich auch in der Landwirtschaft durchgesetzt. Der Lebensrhythmus der Vierbeiner wurde den Zyklen von Maschinen und dem Profitstreben der großen Produzenten unterworfen: Kurze Aufzucht unter Fütterung vornehmlich agrochemischer Erzeugnisse, enge Haltung, Tiertransporte, deren bestialisches Ausmaß erst neulich wieder in einer ZDF-Dokumentation gezeigt wurde, und nicht zuletzt unwürdige Schlachtbedingungen kennzeichnen ihr zumeist erbärmliches Dasein. Fazit: Nach über hundert Jahren ist die Tierschutz- und Tierrechtsbewegung gescheitert, das damit verbundene Staatsziel muss man wohl als das am wenigsten beachtete bezeichnen. Und überdies eskalieren die Diskussionen über die rechte Ernährung: Hier klagen die Veganer, Vegetarier und die Tierschützer, dort die Fleischesser, Jäger und Landwirte. Spinner gegen Realisten, Empathiker gegen Mörder – solche polemischen Zuspitzungen (zumeist aus neokonservativen Kreisen befeuert) zeugen von einer aller Maßstäbe beraubten Kommunikation. Schade nur, dass diese ideologischen Debatten auf dem Rücken der schwächsten, eben der Tiere, ausgetragen werden, die im Grunde genommen nicht mehr im Zentrum der Aufregung stehen. Vielmehr verbirgt sich hinter der erhitzten Debatte ein verkappter Liberalismusdiskurs nach dem Motto: Man wird doch wohl noch essen dürfen, was man will.

    Wie privat kann und darf aber sein, was wir auf unseren Tellern anrichten? Im ersten Moment mag wohl jeder jedem das seine gönnen. Beim genaueren Hinschauen gibt sich die Ernährung jedoch als ein Politikum zu erkennen, die trotz individueller Präferenz stets gesellschaftliche Konsequenzen hervorruft. Nur eine beispielhafte Kausalitätskette sei an dieser Stelle wiedergegeben: Für den Anbau von Soja, das weltweit übrigens nur zu fünf Prozent für die Herstellung alternativer Nahrungsmittel verbraucht wird, müssen Regenwälder gerodet werden. Anschließend werden die Pflanzen unter hohem CO2-Aufkommen zu den Mastanlagen transportiert. Jenseits des ungemein hohen Wasserverbrauchs geht bei der Verfütterung des Getreides ein beträchtlicher Anteil an Energie verloren, die by the way zur Verbesserung der Welternährung geeignet wäre. Hinzu kommen der hohe Methanausstoß und die Übersäuerung der Böden. Was diese Aufstellung veranschaulicht, sind die enormen Umweltfolgekosten der exzessiven Tierhaltung. Letztlich tragen sie alle von uns und vor allem die zukünftigen Generationen. Und letztlich tragen sie auch jene mit, die längst auf tierische Produkte verzichten. Ist das fair?

    Sieht man von diesen Umwelt- und Klimafragen ab, so stößt die Diskussion darüber hinaus wichtige ethische Überlegungen an, die auch theologische Positionen betreffen. Dass das Humanum über dem Animal steht und sich das damit einhergehende Machtgefälle über Jahrhunderte hinweg „normalisiert“ hat, hängt durchaus auch mit einer traditionellen Auslegung der heiligen Schrift zusammen. Vor allem der göttliche Appell an die Menschen – „Macht euch die Erde untertan!“ – festigt seit jeher deren Hegemonie über dem Planeten. Allerdings finden sich auch andere Stellen, welche der Herrschaft Grenzen setzen und eher eine Verantwortungsethik als einen Unterwerfungsimperativ ins Spiel bringen. So spricht Gott weiterhin in der Genesis: „Als Nahrung gebe ich euch die Samen der Pflanzen und die Früchte, die an den Bäumen wachsen, überall auf der ganzen Erde. Den Landtieren aber und den Vögeln und allem, was auf dem Boden kriecht, allen Geschöpfen, die den Lebenshauch in sich tragen, weise ich Gräser und Blätter zur Nahrung zu.“ Jenseits dieser Weisung zu einer vornehmlich pflanzenbasierten Ernährung wohnt ebenso der Geschichte Noahs ein tierethischer Impetus inne. Um der Welt zu einem Neuanfang zu verhelfen, muss er jeweils ein männliches und ein weibliches Wesen verschiedener Tierarten auf sein Schiff mitnehmen. Angesichts der Flut, welche Gottes Schöpfung vom Bösen reinigen soll, avanciert Noah zum Beschützer der Natur. Als Bewahrer verkörpert er eine Moral des Respekts und der Empathie. Er sinnt nicht auf Differenz zwischen den Spezies, übt sich nicht in Abgrenzungs- und Repressionsgesten, sondern hat den Wert jedes einzelnen Geschöpfs vor Augen, das seinen funktionellen Platz im metaphysischen Plan hat.

    Selbst wenn diese Tugendethik bis heute auch noch Bestand hat, verfolgen die philosophischen Auseinandersetzungen inzwischen eine andere Strategie. Mit einem Theoretiker wie Tom Regan verbindet sich die Idee, animalischen Mitwesen bestimmte Rechte zuzubilligen. Er und weitere Vertreter dieser Schule stellen primär infrage, ob das Fehlen bestimmter Eigenschaften Ausbeutung oder Tötungen von Tieren legitimieren. Am radikalsten in der Kulturgeschichte hat sicherlich René Descartes letzteren jegliche Form von Bewusstsein abgesprochen. Ihm galten Tiere als Maschinen, ohne Seele und Verstand.

    Die Liste der Merkmale zur Abgrenzung von Mensch und Tier ist bis in die Moderne lang: Den Vierbeinern fehle es an Vernunft, an einem Todesverständnis, an Sprachkompetenz, an einer Zukunftsperspektive. Doch wer definiert überhaupt, worin Bewusstsein besteht? Äußert es sich in mathematisch-logischem Denken? Oder ist es nicht schon sehr basal als eine Selbst- und Weltwahrnehmung aufzufassen? Geht man von der eher grundlegenden Ansicht aus, so dürfte man dem Hasen durchaus ein Bewusstsein zusprechen. Sobald er einen Jäger erkennt, tritt er die Flucht an. Besäße er nicht ein einfachstes Reflexions- und Entscheidungsvermögen, könnte er den Angreifer nicht als solchen identifizieren und folglich ebenso wenig den intuitiven Schluss daraus ziehen davonzurennen.

    Diese Überlegung verdeutlicht, welch künstlicher Natur die aus der Kulturgeschichte hervorgegangenen Trennungsmerkmale sind. Ein Gedankenexperiment hilft hierbei schon weiter. Drehen wir die Verhältnisse einmal um: Angenommen, wir lebten auf einem utopischen Planeten, wo die bereits angesprochenen Hasen die führende Spezies darstellten und frei das Kommando über die Menschen hätten. Würde man sie fragen, worauf ihre Regentschaft gründe, könnten einige sagen: Na ja, das humane Wesen kann nicht so schnell rennen wie wir, oder: es kann nicht so gute Tunnelsysteme bauen wie wir, oder: es kann bei Weitem nicht so gut hören wie wir. Ist es vor dem Hintergrund dieser Skizze sowie der philosophischen Erwägungen also geboten, über die Mensch-Tier-Beziehungen neu nachzudenken? Ja, unbedingt. Auch in der katholischen Kirche tut sich etwas. So plädiert der Theologe Michael Rosenberger für eine Bestattungsmöglichkeit von Haustieren, was einen gewaltigen Fortschritt impliziert. Es ist ein erster Schritt zur Anerkennung von Tierrechten, den er folgendermaßen begründet:

    „Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist viel kleiner, als noch vor wenigen Jahrzehnten gedacht. Immer deutlicher erkennen wir, wie großartige Fähigkeiten Tiere besitzen und dass es praktisch keine Fähigkeiten gibt, die allein dem Menschen vorbehalten sind – wenn auch der Mensch eine Quantität von Fähigkeiten besitzt, wie sie in dieser Fülle kein Tier haben dürfte. Die Selbstbestimmtheit im eigenen Handeln wird man aber zumindest höher entwickelten Tieren kaum mehr absprechen können. Die aus christlicher Sicht entscheidende Frage ist jedoch nicht, welche Fähigkeiten Tiere haben, sondern wie es um die Beziehung Gottes zu ihnen und ihre Beziehung zu Gott steht. Und hier können wir heute unbefangener als früher feststellen: Das Tier hat einen unmittelbaren Gottesbezug, denn es ist von Gott gut erschaffen, für gut befunden und in die Erlösung einbezogen worden.“ Obgleich dieser Vorschlag den Abbau der Ungleichheit zwischen den Spezies begünstigt, sind wir gesellschaftlich und kulturell weiter denn je von einer gerechten Ausgestaltung unseres Umgangs mit den Vierbeinern entfernt. Indem Tierrechtler weiterhin auf die Maximalforderung eines Egalitarismus pochen, (der – das muss man sagen – philosophisch völlig schlüssig ist!), verschärfen sich nur die Konfrontationsformen innerhalb der Gemeinschaft. Stattdessen wäre es zu empfehlen, vielleicht vor der Realisierung eines moralischen Idealzustandes einen moderateren Ansatz zu favorisieren, wie ihn beispielsweise die Politikwissenschaftler Donaldson und Kymlicka in ihrem epochalen Werk „Zoopolis“ entwickeln. Hierbei handelt es sich um eine Staatstheorie: Von den Wild- bis zu den sogenannten Nutztieren werden verschiedene Rechtsstatus erwogen. Juristische Regelungen werden gemeinhin dort nötig, wo Beziehungen geordnet werden müssen. Je näher uns unsere animalischen Begleiter stehen oder je mehr wir in der Produktion von Gütern auf sie scheinbar angewiesen sind, desto eher sollten wir ihnen fundamentale Schutzmöglichkeiten bieten. Dies bedeutet in letzter Konsequenz auch das Recht auf Unversehrtheit des Körpers und des Lebens. Der Unterschied zu den traditionellen Modellen der Tierethik sowie der Reformbewegungen im 20. Jahrhundert besteht allerdings darin, dass die Bande zwischen Menschen und ihren Gefährten nicht gekappt werden. Vereinfacht gesagt: Diese Theorie berücksichtigt Rechte und Pflichten.

    Bezogen auf die Praxis wäre demnach denkbar, dass wir weiterhin die Eier von Hühnern essen, diesen aber umfassende Daseinsqualität gewährleisten und sie schließlich nicht schlachten, sobald ihr Legeverhalten ineffizient wird. Kühen dürften ihre Kälber nicht genommen werden, Küken dürften nicht mehr geschreddert werden. Aber eines bleibt dabei: Die gemeinsame Kontakt- und Begegnungszone zwischen den Spezies. Sie hat schon immer bestanden, allerdings nie zuvor in der perversen Ausprägung der Spätmoderne. Ausgehend von „Zoopolis“ wäre ein neuer Gesellschaftsvertrag von Nöten, im Geiste des Respekts, der Empathie und einer Liebe, die nicht auswählt, sondern die Nächste und Fernste einschließt.