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    Vom Sinn des Kreuzestodes

    Christus starb wegen unserer Sünden; sein Kreuzestod hat uns Erlösung und Versöhnung mit Gott gebracht, so glauben Christen konfessionsübergreifend. Paulus formuliert: „Durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheser 1,7). Aber warum ist das so? Kann der allmächtige Gott so grausam sein, das Blutopfer seines Sohnes zu verlangen? Und warum sollte das Selbstopfer Jesu uns noch 20 Jahrhunderte später eine neue Gottesbeziehung schenken? Diese Fragen beantwortet der Rektor und Dogmatiker der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, der Zisterzienserpater Karl Wallner, in seinem neuen Buch, dessen souveräner Umgang mit dem Thema sich aus der engen Anlehnung an Schrift und Tradition speist.

    Gott schenkt dem Menschen Gerechtigkeit und Heiligung – Beichtgelegenheiten bei einem Weltjugendtag. Foto: KNA

    Christus starb wegen unserer Sünden; sein Kreuzestod hat uns Erlösung und Versöhnung mit Gott gebracht, so glauben Christen konfessionsübergreifend. Paulus formuliert: „Durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheser 1,7). Aber warum ist das so? Kann der allmächtige Gott so grausam sein, das Blutopfer seines Sohnes zu verlangen? Und warum sollte das Selbstopfer Jesu uns noch 20 Jahrhunderte später eine neue Gottesbeziehung schenken? Diese Fragen beantwortet der Rektor und Dogmatiker der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, der Zisterzienserpater Karl Wallner, in seinem neuen Buch, dessen souveräner Umgang mit dem Thema sich aus der engen Anlehnung an Schrift und Tradition speist.

    Dabei nimmt der Autor zunächst die aus der Angst vor dunklen Mächten geborenen Opferrituale der außerbiblischen Welt in den Blick, das Opferwesen der Naturreligionen, aber auch des Konfuzianismus, Hinduismus und sogar des Buddhismus, um dann die große Wende zu skizzieren, die Gottes Bund mit seinem Volk gebracht hat. „Eine Grundstimmung der Angst vor der Elementarmacht der unheimlichen Götter beherrschte den vorchristlichen Menschen“, schreibt Pater Karl Wallner und skizziert das Bemühen der Menschen, die aus Willkür prüfenden und strafenden Götter gnädig zu stimmen: „Im Letzten ist das heidnische Opfer die Verzweiflungstat des Menschen, der die Liebe Gottes nicht kennt, wie Christus sie uns geoffenbart hat.“ Zur Frohbotschaft des Alten Testaments gehöre bereits, dass Gott es dem Menschen ermöglicht, durch Sühne den Weg zur Vergebung seiner Sünden und zu neuem Leben zu beschreiten. Ausführlich erklärt Karl Wallner die Opfertheologie und die Sühneriten im Judentum. Entscheidend für das alttestamentliche Denken sei, „dass Gott der Verzeihende und Barmherzige ist, also der, der von sich her den Bund immer wieder aufrichtet und erhält“.

    Der Autor widerlegt die etwa von Bultmann vertretene Auffassung, Jesus habe „vorösterlich“ seinen Tod nicht als stellvertretenden Sühnetod vorausgesehen, sondern es seien erst „nachösterlich“ Jesus die entsprechenden Leidensvorhersagen in den Mund gelegt worden: „Wenn Jesus seinen Tod nicht wirklich als Sühne verstanden hat und bloß menschlich gescheitert ist, wenn der Tod nicht Wesensbestandteil seines Lebens, Lehrens und Wirkens war, sondern bloß ein unbeabsichtigter ,Unfall‘, dann verliert die apostolische und kirchliche Auffassung, dass wir ,durch den Tod Christi mit Gott versöhnt wurden‘, sowohl Halt wie Inhalt.“ Wallner zeigt, dass Jesus seinen drohenden Tod nicht nur voraussagte, sondern ihm erlösenden Sinn zusprach.

    Dabei nähert er sich – immer die biblische Darstellung, die Kirchenväter und die zeitgenössischen theologischen Größen im Blick – dem Geheimnis von Stellvertretung und Sühne. In Anlehnung an Hans Urs von Balthasar erklärt Wallner das Selbstopfer des Lammes, das laut 1 Petrus 1,20 „schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen“ war, trinitarisch: „Von Ewigkeit bietet sich der ewige Sohn dem ewigen Vater als Sühne für die möglichen Sünden der Geschöpfe an.“ Gott schafft aus Liebe, und aus derselben Liebe ist er bereit, das Leiden am Kreuz auf sich zu nehmen. Der Zorn Gottes wider die Sünde offenbare sich als Liebe, „denn es ist die Liebe zum Menschen, die hier gegen die Lieblosigkeit des Menschen zürnt, um sie durch leidende Liebe zu besiegen“. Anders als in den Opferkulten der alten Religionen ist nicht der die Götter erzürnende und wieder versöhnende Mensch der Handelnde, sondern Gott selbst: „Gott schenkt dem Menschen von sich her Gerechtigkeit und Heiligung: Nicht der Mensch ist es, der sich durch Gesetzesbefolgung und Werke vor Gott rechtfertigen müsste, sondern Gott tut es von sich aus.“ Aus der Unüberbietbarkeit des Selbstopfers Christi folgt aber das Umfassende und Endgültige des göttlichen Heilswillens: „Der Inhalt des Kreuzes ist die unendliche Sühne, mit der Gott in der Gestalt seines gekreuzigten Sohnes alle Menschen meint und umfasst.“ Was kann aber der Mensch dann noch tun, wenn doch Gott in Christus bereits alles zu seiner Erlösung getan hat, wenn durch Jesu unüberbietbares und vollständiges Selbstopfer „alle weiteren Sühnopfer überflüssig geworden sind“? Auch darauf gibt Karl Wallner Antwort, wenn er auf die Vergeistigung des Opfergedankens im frühen Christentum eingeht, die Gesinnung in den Vordergrund rückt und die Buße für die eigenen Sünden sowie die Sühne für andere, als freiwillige Teilnahme an den Leiden Christi, erläutert. Sühne sei für den Christen nie eigene Leistung oder gar Selbsterlösung, sondern Nachahmung Christi und Teilhabe an seinem Leiden: „Unsere stellvertretende Sühne ist gleichsam von Ewigkeit in die einmalige Sühne Christi eingerechnet und schöpft von ihr her eine wirkliche und wirksame Kraft, die den anderen zum Heil wird.“

    Karl Josef Wallner: Sühne. Suche nach dem Sinn des Kreuzes“, Media Maria Verlag, Illertissen 2015, ISBN 978-3-

    9454011-3-2, 208 Seiten, Euro 17,95