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    Vom Sein zum Design

    Der Mensch ist sich nicht mehr gut genug. Er beginnt damit, sich zu überwinden. Von Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

    Tattoo Week in Brasilien
    Eine Frau wird am 14.07.2017 auf der «Tattoo Week» in Sao Paulo (Brasilien) tätowiert. Tattoo-Künstler aus der ganzen We... Foto: Marcelo Chello (Marcelo Chello via CJPress)

    Im August 2005 zeigte das Kunstmuseum Bern eine geköpfte Möwe mit dem aufgepflanzten Kopf eines menschlichen Fötus – eine Arbeit des Chinesen Xiao Yu. Er war zuvor schon durch das operative Zusammennähen zweier Mäuse aufgefallen, die in ihrer „plötzlichen Einleibigkeit“ und ihren hilflosen Bewegungen als „Kunstwerk“ auf Video verkauft wurden. Das „Möwe-Fötus-Objekt“ wurde innerhalb weniger Tage wieder entfernt, nicht aus ethischen Bedenken, sondern weil der große Besucherandrang nicht mit der Sicherheitstechnik bewältigt werden konnte. Ähnlichen Erfolg hatten die leichenhaften „Körper-Welten“, in denen Tote als Pseudo-Lebende auftraten. Welche grauenvolle Lust oder welches lustvolle Grauen zieht die Menschen an?

    Wir stehen heute in der Brandung des „Fortschritts“, uns selbst konstruieren zu können. Transhumanismus setzt auf die Mechanik des Körpers, die sich nachbauen, mehr noch verbessern, steigern, ja ersetzen lässt. Der Wunsch nach „übermenschlichem Dasein“ tastet sich in die Möglichkeit hinein, die körperlichen und seelischen Grenzen des Menschen technologisch zu weiten, sogar sie zu sprengen – in unbekanntes Neuland des Könnens und Machens einzutreten. Utopien im Sinne des totalen Selbstentwurfs setzen sich zunehmend durch.

    Brave New World, Schöne Neue Welt war der Titel der 1932 erschienenen Negativ- utopie von Aldous Huxley, die schon damals das Schreckensbild einer künftigen rein biologistisch verfassten und manipulierten Menschheit vorführte, in der Menschen industriell fabriziert und kollektiv erzogen werden. Der neue Mensch sollte sich nicht als gezeugt und geboren, sondern als gemacht verstehen, als factum, nicht als genitum und natum. Es war der Halbbruder von Aldous Huxley, der Biologe Julian Huxley, der offen von „Transhumanismus“ sprach: von nicht-staatlichen, individuell übernommenen eugenischen Programmen zur Verbesserung der Nachkommenschaft. Solches Bio-Engineering ist Arbeitsweise und Ziel des homo faber, die vater- und mutterlose Gesellschaft seine Schmiede.

    Einige Wege dahin sind bereits gebahnt. Dem Mathematiker Roy Kurzweil schwebt der Einbau von Nanocomputern in den menschlichen Körper vor – natürlich können sie beständig neu programmiert werden. Seine „fortschrittliche“ Frage lautet: „Braucht die Zukunft noch den (bisherigen) Menschen?“ Die Antwort heißt natürlich „Nein“. Grenzen zwischen Fleisch und Plastik, Körper und Computer verwischen sich. Das heißt aber auch: Grenzen zwischen Ich und Fremdsteuerung werden durchlässig. Unsere Lebenswelt ist damit auf dem gefährlichen Weg zur „Überwindung“ des Menschseins, mittlerweile auch des gegebenen Geschlechts. Der Mensch wird seine eigene Software mit angeblich immer wieder möglicher Formatierung. Was bin ich? Nur eine Momentaufnahme im Fluss weiterer Entfaltungen. Dafür einige Beispiele – keineswegs nur Fantasien.

    Fleisch wird „Kunst-Stoff“: „Angekommen im neuen Jahrtausend steht der Körper selbst zur Disposition. Menschliche Körper fungieren als bloße Kunstobjekte, sie bilden lebendige Skulpturen, ein bewegliches Ereignisfeld oder sind überhaupt nur noch ‚undifferenziertes Fleisch’.“ So der Kunsthistoriker Philip Sampson. Tatsächlich erscheint schon seit Jahrzehnten in der Kunst ein neues Material: Anstelle von Stein, Holz, Ton, Bronze wird das menschliche Fleisch zum Kunst-Stoff. Schon seit den 1960er Jahren kommt es zum Einsatz: Die Französin Orlan (ein Pseudonym) verkauft ihre Gesichts-OP-Videos als Kunstwerk; in den Verdauungstrakt eingeführte Kameras filmen die Darmbewegungen – auch als Video erhältlich; Schweiß, Blut, Urin, Sperma dienen als Gestaltungsmittel. So verliert der Körper seine angebliche Starre und wird immer wieder neu „inszeniert“, wie das Zauberwort heißt.

    Männlich und weiblich fließen ineinander: Seit den 1990er Jahren legt die Gender-Theorie nach: Es gebe überhaupt keinen „natürlichen“ Körper „vor“ der Sprache und Deutung der Kulturen. Körperliche Geschlechtsunterschiede seien allesamt sozial bearbeitet. Schlicht ausgedrückt: Auch „Biologie“ sei Ergebnis der Kultur. So werden auch biologische Vorgaben dem „Rollenspiel“ unterstellt. Widerstandslos, ja nichtig bietet sich der Leib angeblich als „vorgeschlechtlicher Körper“ an.

    Die Sprengwirkung solcher Vorstellungen ist beträchtlich. Der offene Körperbegriff und eine „fließende Identität“ unterlaufen mittlerweile den Gegensatz männlich und weiblich. Der eigene Körper ist nicht mehr „festgelegt“ und legt nicht mehr fest. Auch Geschlechtsleben wird „inszeniert“, das Ich trage nur die jeweilige geschlechtliche Maske – mit der möglichen Folge, dass „diese Maske gar kein Ich verbirgt“.

    Transvestismus und Geschlechtsumwandlung, psychisch wie physisch, werden denkbar und sogar wünschbar. Der Popstar Michael Jackson ließ sich mit Hilfe mehrerer Operationen ein transsexuell-synthetisches Gesicht schneidern. Berichte über berühmte Transsexuelle bestärken diese Tendenz. So schwelgte Roberta Klose, geboren in Brasilien als Luiz Roberto Gambine Moreira, über die Möglichkeiten der Medizin in der Schweiz: Mit einem Zürcher verheiratet, wollte sie/er ein Kind „mit eigenem Samen“, der in einem Schweizer Laboratorium lagert. Vor der Geschlechtsumwandlung im Londoner Charing-Hospital hatte Roberta Klose vorgesorgt, eine gute Freundin werde die Leihmutter spielen. In Berlin brachte vor kurzem ein Mann, der zuvor eine Frau war, ein Kind zur Welt; das Gericht untersagte ihm aber, sich als „Vater“ zu bezeichnen. Es ist fast schon alltäglich: Ein Kind könnte heute bereits fünf oder mehr Eltern haben: Ei-Mutter, Leihmutter, „Dabei“-Mutter, Samenspender und Soziovater. So ist das Überschreiten natürlicher Grenzen zum Wunschtraum (Albtraum?) einer „androgyn-multiplen“ Kultur geworden.

    Transhumaner Maschinen-Körper: Solche Utopien der Selbstschöpfung haben tiefe Wurzeln, eine davon steckt im neuzeitlich-technischen Umgestalten, ja visionären Neuschaffen von Welt und Mensch. Tatsächlich fasst die europäische Neuzeit schon seit der Renaissance die Natur als eine Art mechanischer Werkstatt auf. Adam fühlt sich zum Allherrscher ernannt, der die Mitgeschöpfe als anonymes Gegenüber sieht, als Hohlraum seines Austobens, als „Vorwurf“ und „Widerstand“ (die wörtliche Übersetzung von Ob-jekt), den es zu brechen gilt. Francis Bacon, einer der Väter der neuzeitlichen Naturwissenschaft, erklärte, man müsse die Natur auf die Folterbank legen, um ihr die Geheimnisse abzupressen; Kant verwendet in der Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ das Bild der Richterin Vernunft, die die Natur unter Anklage stellt. Der Forscher muss mit Theorien „in einer Hand und mit dem Experiment (...) in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt“.

    1748 erschien das berühmte Buch L’Homme machine (Die Mensch-Maschine) von La Mettrie – und dass Tiere nur Maschinen seien, hatte bereits Descartes behauptet. E. T. A. Hoffmann schuf in der Puppe Coppelia den Automatenmenschen; einzig ihr starres Auge, sonst der Sitz des Gemüts, verriet die seelenlose Hülle. Im 19. Jahrhundert betrachtete eine atheistisch eingefärbte Medizin – im Sog der Aufklärung – alle Leibvorgänge als bloße Maschinenreaktionen. Auch seelische Empfindungen, die Liebe eingeschlossen, wurden als steuerbar-mechanische Abläufe gedeutet. So gab es „Geschlechtsteile“ an der Körpermaschine.

    Das Mensch-Maschinen-Modell findet jedoch mit der Digital-Technik weiter ausgreifende, ungeheure Verwirklichungen. Vom Designer-Kind zum Mischwesen aus Mensch und Roboter reichen die Wunschvorstellungen. „Enhancement“, Leistungssteigerung durch Pillen, ist schon bekannt und wird praktiziert, aber könnte man nicht ebenso das Gedächtnis steigern durch eingebaute Chips, das Bewusstsein auf externe Festplatten laden, Muskelkraft hochtreiben durch elektronisch gesteuerte Prothesen, durch genetische Veränderungen? Muss es überhaupt beim vergänglichen menschlichen Fleisch bleiben, ließen sich nicht die Organe nach und nach durch haltbare Materialien ersetzen?

    Nicht mehr geht es darum, durch Roboter menschliches Leben zu erleichtern, sondern den Roboter einzubauen, also den Körper zu einem „Cyborg“ (Cyber Organismus) umzumodeln. Ab wann wird dann der eigene Körper wirklich zum Roboter? In Kalifornien wird zurzeit eine Real Doll („Wirkliche Puppe“) zur baldigen Serienfertigung entwickelt, zunächst noch weiblich (später auch männlich), Alter um 20 Jahre, aus „gefühlsechtem“ Plastik, hübsch, sexuell auch von sich aus aktiv, aber ebenso beschlagen in Literatur (sie kann Shakespeare zitieren), empfiehlt Kunstausstellungen und Theater, ist nie launisch oder redet zuviel, kann auch einfach abgeschaltet und als Plastikmüll entsorgt werden. Eine gespenstische Begleiterin.

    Der Philosoph Hans Jonas kennzeichnete in „Prinzip Verantwortung“ treffend den Umschlag der menschlichen Macht über die Natur in ein Übermächtigtwerden, ja, in Ohnmacht. Er sprach vom „Verlust der Kontrolle über sich selbst, welcher die Unfähigkeit bedeutet, nicht nur den Menschen vor sich selbst, sondern auch die Natur vor dem Menschen zu schützen“. Die Selbstzerstörung beginnt bei der Degradierung des menschlichen Leibes zum Körper. Körper kann alles Dinghafte sein, auch das Tote. Das deutsche Wort Leib aber verbindet in der Wortwurzel „lb“ Leben und Liebe. Leib ist immer schon beseelter Leib, meine mir eigene Lebendigkeit. Leibhaft ist lebhaft, liebesfähig. Helmuth Plessner formulierte um 1930 den großen Satz: „Ich habe einen Körper, aber ich bin mein Leib.“

    Transhumanismus bedeutet Decarnation, Entfleischlichung. Die Kultur braucht eine neue Inkarnation, eine wirkliche, endliche, nicht erträumte, nicht künstlich ersetzte Fleischwerdung des Menschen. Wer löst dem biblischen Wort wieder einmal die Zunge, um solche tiefen Einsichten ins Licht zu heben?