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    Vielseitiger Sänger mit flammender Energie

    Nein, ein Sänger des hohen C ist er nie gewesen, der Jubilar Placido Domingo. Der spanische Tenor, der morgen seinen 70. Geburtstag feiert, wollte das auch nie sein. Zwar gibt es die berüchtigte Angstnote der Tenöre bei ihm auch; in seiner ersten Aufnahme von Verdis „Trovatore“ legt er sie strahlend und urwüchsig über das Orchester. Aber 1998 von der „Opernwelt“ befragt, sagt er klipp und klar, er halte das C „nicht für den interessantesten Teil einer Tenorrolle“. Viel entscheidender seien, so Domingo, „Phrasierung, Ausdruck, Tonschönheit, Tongebung, Textverständlichkeit“. Und nach all diesen Kategorien – das mussten ihm auch strenge Kritiker stets bescheinigen – gehört der Tenor mit der ungebrochenen Lebensenergie zu den Spitzensängern des 20. Jahrhunderts.

    Letzten September in Los Angeles: Placido Domingo glänzte in der Rolle des chilenischen Dichters Pablo Neruda in der Ope... Foto: dpa

    Nein, ein Sänger des hohen C ist er nie gewesen, der Jubilar Placido Domingo. Der spanische Tenor, der morgen seinen 70. Geburtstag feiert, wollte das auch nie sein. Zwar gibt es die berüchtigte Angstnote der Tenöre bei ihm auch; in seiner ersten Aufnahme von Verdis „Trovatore“ legt er sie strahlend und urwüchsig über das Orchester. Aber 1998 von der „Opernwelt“ befragt, sagt er klipp und klar, er halte das C „nicht für den interessantesten Teil einer Tenorrolle“. Viel entscheidender seien, so Domingo, „Phrasierung, Ausdruck, Tonschönheit, Tongebung, Textverständlichkeit“. Und nach all diesen Kategorien – das mussten ihm auch strenge Kritiker stets bescheinigen – gehört der Tenor mit der ungebrochenen Lebensenergie zu den Spitzensängern des 20. Jahrhunderts.

    Klug gehaushaltet hat Domingo dafür nicht. Er sparte nie in der Zeit und hatte in der Not doch immer noch etwas zuzusetzen. Es gab auch für ihn Krisen. Zeiten, in denen das Hetzen von einem Auftritt an der Met zum nächsten nach Wien und von La Scala in Mailand nach Chicago, vom Plattenstudio auf die Bühne und zurück selbst einer so robusten, virilen und widerstandsfähigen Stimme anzumerken war. Müde war Domingo dann, gaumig seine Töne, unspezifisch ihr Klang, angestrengt die Höhe.

    Aber dann gibt es – und sie sind weitaus in der Mehrzahl – die Abende, an denen er sang, wie er es im Herzen spürte. Vorstellungen, in denen sich sein untrüglicher Bühneninstinkt mit einer flammenden Energie der Tongebung, einer passionierten Phrasierung und einer Intensität der Gestaltung verband, die unnachahmlich und zum Markenzeichen des Tenors wurden. Domingo wehrte sich immer gegen Stimmen, die ihm zu Ruhe und Mäßigung rieten. Sein Leben glich nicht einem geruhsamen Sonntag – wie man seinen Namen übersetzen könnte. Er beharrte darauf, selbst zu wissen, wie viel Singen er verträgt, wie lange und wie oft er auftreten könne. Während etwa perfekte Stilisten wie Alfredo Kraus kaum mehr als fünfzig Abende pro Jahr auftraten, brachte es Domingo auf 70, 80 Vorstellungen, ohne die zahllosen Sitzungen für seine Tonträger-Aufnahmen.

    Domingo will arbeiten, solange er das Gefühl hat, gut zu singen und seinem Publikum alles zu geben. „Wenn ich raste, roste ich“, wird als sein Leitspruch zitiert. Davon ist er, auch durch seine Karriere als Dirigent und Manager der Opernhäuser von Washington D.C. und Los Angeles in USA, weit entfernt. Die Kraft dafür gibt ihm wohl auch sein Glaube. Domingo gilt als sehr religiös. Seine Karriere sehe er als „Bestimmung“ an, hat er einmal gesagt. Das Gebet vor jeder Aufführung gehört für ihn dazu: zur heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Musik, und zu Blasius, dem Heiligen, der für die Gesundheit des Halses zuständig ist. Domingo ist sich bewusst, dass Menschen nicht alles aus eigener Kraft schaffen: „Ich muss auch Gott dafür danken, dass ich so lange auf so hohem Niveau habe singen dürfen, fast schon ein ganzes Leben lang, das ist doch etwas Wunderbares. Man muss demütig sein.“

    Aus seiner Sympathie und Bewunderung für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. hat Domingo nie ein Hehl gemacht: „Karol Wojtyla, das hat ihn auch für mich so außergewöhnlich gemacht, war eigentlich ein ganz normaler Mensch, einer wie du und ich, und so blieb er auch später, als Papst. Das habe ich sehr an ihm bewundert“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein Ausdruck dieser Bewunderung ist eine CD, auf der Domingo mit anderen Künstlern Lieder und Gedichte des Papstes singt: Der Titel „Infinito amore“ spielt auf die Lebensbotschaft Karol Wojtylas an.

    Er verweist aber auch nach Domingos eigenen Worten auf das Charisma und das Zeugnis dieses Papstes, die stark genug seien, nicht nur Katholiken, sondern alle Menschen zu überzeugen. Von den Begegnungen mit Johannes Paul II. könne er „seine Heiterkeit und die Tiefe und Güte seines Blicks“ nicht vergessen, bekannte Domingo der italienischen Zeitschrift „Famiglia Cristiana“. Kein Wunder, dass es ihm ein Anliegen war, in Warschau zum ersten Todestag des Papstes die „Messa da Requiem“ Giuseppe Verdis zu dirigieren.

    Schon wer seine ersten Plattenaufnahmen von 1968 hört, ist überrascht von der Vielseitigkeit des damals 27-Jährigen, der gerade erst begann, die großen Bühnen der Welt zu erobern. Man hört eine sicher sitzende Stimme mit brillantem Klang und baritonaler Tönung. Das Metall des angenehmen, neutralen Timbres ist wenig ausgeprägt, die Tongebung stetig, der Klang geflutet, ohne dick und aufdringlich zu wirken. „Il mio tesoro“ aus Mozarts „Don Giovanni“ singt er mit leuchtender Kühle, die langen Phrasen auf einem Atem, die Notenwerte präzis.

    Donizettis „Angelo casto e bel“ aus „Il Duca d'Alba“ ist ein Musterbeispiel kontrollierten Belcantos, überzeugend in der Kantilene und in den Momenten des Zurücknehmens. Die große Szene des Eléazar aus Hálevys „Jüdin“ erfüllt er mit brillantem Zugriff, leuchtendem Klang, offensiver Energie, doch nicht mit den wehmütigen Schattentönen, mit denen Neil Shicoff in seinen besten Jahren die Parte verinnerlichen konnte. Aber „In fernem Land“ aus dem „Lohengrin“ besticht mit weitgehend klarer Diktion und einer leichten, leuchtenden Emission, die später selbst für ihn nicht mehr so unbekümmert erreichbar war.

    Die Aufnahmen kündigen einen Tenor an, der – mit den besten Traditionen des Singens vertraut – einer damals noch erdrückenden Konkurrenz gewachsen war. Aufgewachsen in Spanien und Mexico als Kind von Zarzuela-Sängern, mit sechzehn von Carlo Morelli, einem chilenischen Bariton, in Mexico City in den Anfängen des Singens begleitet, mit achtzehn als Borsa in Verdis „Rigoletto“ erstmals auf der Opernbühne, erhielt Domingo seine erste Hauptpartie, den Alfredo in Verdis „La Traviata“ 1961 an der Oper von Monterrey in Mexico. Sein USA-Debüt gab er in Forth Worth im Dezember 1962 in „Lucia di Lammermoor“ an der Seite Joan Sutherlands. Es folgten knapp drei „Galeerenjahre“ in Tel Aviv. Im Herbst 1965 kehrte er in die Neue Welt zurück; an der New York City Opera sang er in der amerikanischen Erstaufführung von Alberto Ginasteras „Don Rodrigo“ und hatte damit, wie er selbst in einem Interview sagte, in Sachen atonale Musik seine Pflicht getan. Der Durchbruch gelang ihm, als er 1969 an der Met für den erkrankten Franco Corelli als Maurizio in Cileas „Adriana Lecouvreur“ einsprang – eine Rolle, die er vierzig Jahre später, im Februar 2009, an gleicher Stelle wieder sang. Im Sommer sah ihn die Arena di Verona als Calaf in „Turandot“; im Dezember 1969 gab Domingo mit Verdis „Ernani“ sein Scala-Debüt. Zwei Jahre zuvor hatte er sich schon in Hamburg, Wien und Berlin vorgestellt – Häuser, mit denen ihn eine lange Zusammenarbeit verbindet.

    Für die Annäherung an Wagner auf der Bühne ließ sich Domingo nach dieser Erfahrung viel Zeit. Als er 1992 endlich am Grünen Hügel anlangte, ließen es sich vornehmlich deutsche Kritiker nicht nehmen, an seiner Diktion zu mäkeln.

    Auch in den kommenden Monaten ein volles Programm

    Bayreuth-Besucher, die jedem schrill-voluminösen Sopran ein horribel verballhorntes Italienisch großmütig verzeihen, begann es bei Domingos Parsifal zu stören, dass er nicht jedes deutsche Konsonantengezisch und jeden Umlaut in der erforderlichen Reinheit wiedergegeben habe. Der Spanier sang den Parsifal auch 1993 und 1995 in der Inszenierung Wolfgang Wagners und kehrte 2000 noch einmal zurück, um an der Seite von Waltraud Meier den Siegmund in der „Walküre“ zu verkörpern.

    Den Wälsungenspross hat sich Domingo als eine seiner 130 Rollen bis in die Gegenwart gerettet: 2009 sang er ihn in Los Angeles, New York und Valencia. Doch seine 3 500. Vorstellung feierte der Sänger, der inzwischen wieder zu seinen Ursprüngen als Bariton zurückgekehrt ist, nach überstandener Darmkrebsoperation in Wien mit der brandneuen Oper „Il Postino“ des Mexikaners Daniel Catán.

    Selbst an seinem 70. Geburtstag steht Domingo auf der Bühne, als Oreste in Glucks „Iphigénie en Tauride“ in Madrid. Denn er wird nicht müde, sich immer noch neue Partien zu erarbeiten: Franco Alfanos „Cyrano de Bergerac“ gehörte in den letzten Jahren dazu, oder der Kaiser in Tan Duns neuer Oper „Emperor Qin“.

    Seit 1973 ist Domingo auch als Dirigent tätig; so wird er im Frühjahr 2011 in Washington „Madama Butterfly“ und in New York Gounods „Roméo et Juliette“ leiten. Wer ihn als Sänger hören und nicht zu den über 100 von ihm aufgenommenen Tonträgern greifen will, muss im Februar/März an die Met oder im Mai nach Washington fliegen, wo er erneut in Glucks „Iphigénie“ singt – oder im Juni am Pariser Chatelet Catáns „Il Postino“ hören.