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    Vestalinnen - ein zölibatäres Leben in der Antike

    Vesta, die Tochter des Saturn und der Ops, galt als die „antiquissima dea“, die „allerälteste Göttin“. In ihrem Tempel auf dem Forum Romanum gab es kein Bild von ihr. Sie bedurfte keiner künstlerischen Darstellung, sie manifestierte sich im ständig brennenden Feuer des Staatsherdes. „In einer Zeit ohne Streichhölzer oder Feuerzeug war Feuer etwas kostbares; daher gehörte Vesta, die Göttin des Herdfeuers, seit undenklicher Zeit zu den am meisten verehrten Göttinnen“, kommentiert der Historiker Robert M. Ogilvie ihre Bedeutung. Zu allen Zeiten der heidnischen Antike fand sich große Verehrung für die Göttin. Berühmt und berührend ist Vergils Gebet an „Mutter Vesta, die du den tuskischen Tiber und Roms Palatium schirmest (Georgica, 1,498–499).

    Vesta, die Tochter des Saturn und der Ops, galt als die „antiquissima dea“, die „allerälteste Göttin“. In ihrem Tempel auf dem Forum Romanum gab es kein Bild von ihr. Sie bedurfte keiner künstlerischen Darstellung, sie manifestierte sich im ständig brennenden Feuer des Staatsherdes. „In einer Zeit ohne Streichhölzer oder Feuerzeug war Feuer etwas kostbares; daher gehörte Vesta, die Göttin des Herdfeuers, seit undenklicher Zeit zu den am meisten verehrten Göttinnen“, kommentiert der Historiker Robert M. Ogilvie ihre Bedeutung. Zu allen Zeiten der heidnischen Antike fand sich große Verehrung für die Göttin. Berühmt und berührend ist Vergils Gebet an „Mutter Vesta, die du den tuskischen Tiber und Roms Palatium schirmest (Georgica, 1,498–499).

    Der Tempel der Vesta war der älteste auf dem Forum. Hier brannte für alle sichtbar das Staatsfeuer. Im Inneren des Tempels befand sich u. a. das „palladium“, ein Standbild der Göttin Athene, das der Sage nach von Aeneas aus Troja gerettet worden war und das ewige Wohlergehen Roms garantierte. Dem Kult der Vesta „sollen sechs Jungfrauen vorstehen, damit die Wache zur Behütung des Feuers leichter ist und die [römischen] Frauen einsehen, dass die weibliche Natur zur Reinheit jeglicher Art fähig ist“, merkte Cicero in seinem Werk „Über die Gesetze“ an (De legibus, 2). Diese ursprünglich vier, dann sechs – später sogar sieben – vestalischen Jungfrauen, die „virgines Vestalis“, sollen vom zweiten König Roms, Numa Pompilius (715–673 vor Christus), offiziell in ihren Dienst eingesetzt worden sein.

    Die vestalischen Jungfrauen gehörten als einzige Frauen zu den „Sacerdotum quattor amplissima Collegia“, den vier Priesterkollegien Roms. Ihr Dienst war von staatserhaltender Bedeutung, ihrem Gebet wurde gewaltige Kraft zugemessen, denn „wenn die Götter ihre Bitten verschmähten, dann könnte dieses Gemeinwesen nicht heil sein“ (Cicero, Pro Fonteio, 48). Die Kandidatinnen für dieses Priesteramt mussten aus freier und ehrenhafter Familie stammen, körperlich und geistig ohne Makel sowie nicht jünger als sechs und nicht älter als zehn Jahre sein. Die sakralrechtliche Aufnahme vollzog der Pontifex Maximus durch die sogenannte „captatio“ (Ergreifung); in feierlicher Prozession wurde sie sogleich zum Haus der Vestalinnen beim Vesta-Tempel geleitet, wo sie für zumindest dreißig Jahre lebte und ihren Dienst versah.

    Das Brechen des Gelübdes war eine Katastrophe

    Zu den Pflichten der Vestalinnen gehörte es unter anderem: das immerwährende Heilige Feuer zu unterhalten; im Heiligtum der Vesta wichtige Testamente und Staatsverträge treuhändlerisch aufzubewahren (durch das strikte Verbot für Außenstehende, den Tempel zu betreten, war eine hohe Sicherheit und Unantastbarkeit für diese Dokumente garantiert); täglich Speiseopfer aus einfachen Nahrungsmitteln für das Staatswesen darzubringen und das Gebet „pro salute populi Romani“ (für das Wohl des Römischen Volkes) zu verrichten; vor dem Beginn der Spiele (etwa im Circus Maximus oder im Kolosseum) den Segen der Göttin herabzurufen. Nicht einmal der Pontifex Maximus, der höchste der römischen Priester, konnte eine Vestalin aus ihrem Amt entfernen – einzig im Falle der Unkeuschheit, und dann auch nur durch Tötung. Wenn die Vestalin öffentlich erschien, ging ein Liktor, ein römischer Staatsbeamter, erkennbar an seinem Rutenbündel, vor ihr her.

    Schritt die Vestalin durch die Stadt, waren alle Römer gehalten, beiseitezutreten und ihr den Weg freizumachen. Selbst der Konsul pflegte ihr den Vortritt zu lassen; er verneigte sich vor der Priesterin, und seine Liktoren senkten zum Zeichen der Ehrerbietung die Rutenbündel. Begegnete einer Vestalin ein zum Tode verurteilter Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Wer unter die Sänfte einer Vestalin trat, wenn diese sich austragen ließ, wurde mit der Todesstrafe belegt. Die Beleidigung einer Vestalin wurde strengstens geahndet, manchmal sogar mit dem Verlust des Lebens – Kaiser Augustus soll den Dichter Ovid (43 vor Christus bis 18 nach Christus) nach Tomi an das Schwarze Meer verbannt haben, weil er in seinen Werken anzügliche Bemerkungen über die Göttin Vesta und die Vestalinnen gemacht hatte.

    Wenn eine Vestalin ihr Keuschheitsgelübde brach, so galt diese Tat als ein Verbrechen unermesslichen Ausmaßes, ja als eine Katastrophe für das Gemeinwesen, und daher als ein Staatsverbrechen. Bezeichnet wurde diese Tat als „incestum“ (Inzest). Plutarch (um 45–125 nach Christus) schilderte mit eindringlichen Worten die Konsequenzen eines solchen Vergehens: die lebendige Einmauerung in einem unterirdischen Raum beim Collinischen Tor. In der Frühzeit wurden Vestalinnen zur Strafe auch vom Trapeischen Felsen gestürzt.

    Die geschichtlichen Quellen kennen kaum mehr als ein Dutzend von Fällen von Todesurteilen gegen die Priesterinnen der Vesta. Überliefert sind die Namen von neunzehn in elf Prozessen wegen Inzests verurteilten Vestalinnen, in einem Zeitraum von ungefähr 750 Jahren (Tarquinius Priscus bis Caracalla). Die beiden spektakulärsten Prozesse, bei denen jeweils drei Vestalinnen verurteilt wurden, fallen zusammen mit schweren militärischen Krisen: 216 vor Christus, der Niederlage gegen Hannibal bei Cannae, und 114–113 vor Christus, dem Beginn des Krieges gegen die Cimbern und Teutonen. Es ist zu vermuten, dass diese Tötungen Justizverbrechen waren, um eine Massenhysterie zu kanalisieren, die so nicht hätte anders eingedämmt werden können.

    Antiker Streit um Verbot der alten Religion

    Die Vestalin sollte keine Familie haben, sie war keinem Mann untertan und keiner Nachkommenschaft verpflichtet. Sie ging ganz in ihrem Amt auf. Obwohl es den Vestalinnen nach dreißigjähriger Dienstzeit frei stand, eine Ehe einzugehen, nahm kaum eine der ihren von diesem Recht Gebrauch. Occia, eine bedeutende und einflussreiche „Virgo maxima Vestalis“ (Oberpriesterin) zur Zeit des Kaisers Augustus, starb 19 nach Christus., nachdem sie 57 Jahre lang ihren Dienst als Vestalin verrichtet hatte. Der Kult der Vesta und der Dienst ihrer Priesterinnen waren für den Bestand des römischen Staatswesen existenziell. Daher war man in allen politischen Epochen – sei es zur Zeit der Könige, in der Republik sowie auch unter den Cäsaren – bemüht, den Kult zu fördern und für sich zu vereinnahmen. Es lag im höchsten Interesse der herrschenden Autorität, die vestalischen Jungfrauen auf das engste an den Staat zu binden. Die Nähe und Anwesenheit der Göttin, repräsentiert durch ihre Priesterinnen, diente der politischen Legitimation. Im 4. Jahrhundert, der Zeit, in der sich auch das offizielle Rom dem christlichen Glauben zuwandte, blieb auch der noch immer hochgeschätzte Kult und Dienst an der Vesta von den epochalen Umwälzungen nicht verschont. Im Jahre 382 wurden allen heidnischen Tempeln die Stiftungsgelder entzogen. Die Priesterinnen der Vesta verloren ihren Unterhalt, ihre Steuerfreiheit und sämtliche Privilegien. 394 mussten die letzten Vestalinnen den Tempel verlassen; das Feuer der alten Staatsgöttin wurde für alle Zeiten gelöscht.

    Symmachus (um 345–402), Heide, römischer Staatsmann und Redner, hatte sich mit großer Leidenschaft in einem berühmt gewordenen Plädoyer gegen das Verbot der alten Religion gestellt; unter anderem betonte er, wie die Jungfräulichkeit der vestalischen Priesterinnen auf das öffentliche Wohl ausgerichtet war (Relatio III, 11, 14). Der christliche Dichter Aurelius Prudentius Clemens wandte sich mit scharfen Worten gegen den heidnischen Apologeten. Der Mailänder Bischof und Kirchenvater Ambrosius (+397) sah in der Jungfräulichkeit eine der schönsten Errungenschaften des Christentums über die heidnischen Sitten; er spottete, gerade einmal zu sieben – „vix septem“ – Jungfrauen habe der alte Götterglaube gereicht.

    Bei aller harschen Kritik eines Prudentius und Ambrosius zeigte sich jedoch am Beispiel der Vestalinnen, dass es auch in der nicht-christlichen Antike ein tiefes Bewusstsein darum gab, dass jungfräuliches Leben, wenn es sich nicht als Selbstzweck begriff, auf ein höheres Ziel ausgerichtet war und als aufopfernder Dienst verstanden wurde, für den Erhalt eines Gemeinwesens, einer Gesellschaft, von unschätzbarem Wert war und auf eine andere Wirklichkeit zeichenhaft hinwies.