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    Verzaubert vom Klang der Hymnen

    Derzeit arbeitet die katholische Kirche an einem Nachfolgewerk für das Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“. Die Verantwortlichen für die Auswahl der Lieder haben eine große Tradition zu sichten.

    Auftritt der Wiener Sängerknaben. Foto: KNA

    Derzeit arbeitet die katholische Kirche an einem Nachfolgewerk für das Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“. Die Verantwortlichen für die Auswahl der Lieder haben eine große Tradition zu sichten.

    Die Anfänge waren dramatisch: Der heilige Ambrosius, Bischof von Mailand, stellte sich gegen den römischen Kaiser, weil dieser der ketzerischen Lehre des Arius anhing. Nachdem der Kaiser die Mailander Neue Basilika beschlagnahmen ließ, stürmte das Volk das Gotteshaus und harrte darin aus, um seinem Bischof den Rücken zu stärken. Während Soldaten die Basilika umstellten, machten sich die Menschen Mut mit dem Singen von Hymnen und Psalmen. Am meisten liebten sie die Hymnen ihres Bischofs.

    „Man sagt, das Volk sei verhext von den Zauberweisen meiner Hymnen“, rief Ambrosius seinen Anhängern zu. „Und ich leugne dies gewiss nicht. Das ist eine gewaltige Zauberweise, wenn sie mächtiger ist als sonst etwas!“ Der Kaiser musste schließlich nachgeben, weil selbst seine Soldaten ins Lager des Ambrosius überliefen. Er gab die Basilika frei – zum ersten Mal hatte sich die Kirche gegen die Staatsgewalt durchgesetzt.

    Die lateinischen Hymnen des Ambrosius wirkten vorbildlich für eine blühende geistliche Poesie, aus der die gottesdienstliche Musik bis heute schöpft. Das deutsche Kirchenlied ist dagegen mit Martin Luther verbunden. Seine Reformation verbreitete sich mit den Liedern, die er in der Sprache des Volkes dichtete. Zwar sangen die Gläubigen schon im Mittelalter gelegentlich deutsche Lieder während des Gottesdienstes, wie etwa das uralte „Christ ist erstanden“ in der Osterfeier. Doch im reformatorischen Gottesdienst erhielten Gesänge in der Sprache des Volkes einen neuen Stellenwert. Sie waren dazu bestimmt, an die Stelle der lateinischen Liturgie zu treten – als Ausdruck dafür, dass die Laien nun selbst die priesterliche Würde beanspruchten. So gehörte das Gesangbuch im protestantischen Deutschland über Jahrhunderte zur Grundausstattung. Im katholischen Raum hatten es die Kirchenlieder dagegen schwerer, solange die lateinische Liturgie den Vorrang behielt. Doch befördert von den Anstrengungen der Jesuiten zur Rekatholisierung, entstanden nach und nach auch umfangreiche katholische Gesangbücher mit Liedern zur Marien- und Heiligenverehrung, für Wallfahrten und Prozessionen, für Andachten und zur Katechese.

    Die Wissenschaft von den Kirchenliedern, die Hymnologie, reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, geriet im 20. jedoch mehr und mehr in Vergessenheit. Mit dem in letzter Zeit gewachsenen Interesse der Wissenschaft an der Religion erwachte auch dasjenige an den Kirchenliedern wieder. Auf Initiative des Liturgiewissenschaftlers Hansjakob Becker und des Literarhistorikers Hermann Kurzke entstand an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität der Forschungsschwerpunkt Hymnologie. Von Anfang an bemühte man sich um den Dialog mit anderen Disziplinen. Neben der Verbindung zur Liturgiewissenschaft, zu der die Hymnologie traditionell gehört, knüpfte man Kontakte zur Ritual- und Religionswissenschaft, zur Literatur- und Geschichtswissenschaft, zur Musik- und Buchwissenschaft, zur Soziologie und Psychologie. Nach und nach wurde eine über 3 000 Bände umfassende Sammlung von Gesangbüchern aller Epochen zusammengetragen, die so im deutschsprachigen Raum einmalig ist und im „Gesangbucharchiv“ der Universität Mainz Interessierten offensteht. Aus dem interdisziplinären Netzwerk entstand ein Graduiertenkolleg, aus dem über zwanzig Dissertationen hervorgingen. Dazu gehören Untersuchungen über „Sterben und Tod im Kirchenlied des 19. Jahrhunderts“ oder „Kirchenlied im Nationalsozialismus“ ebenso wie Studien zu einzelnen Liedern, etwa „In dulci jubilo“ oder „Wunderschön prächtige“.

    Noch heute enthalten die Gesangbücher beider Konfessionen einen beträchtlichen Teil alter Lieder. Sie bilden damit ein einzigartiges Repertoire poetischer und musikalischer Kunstwerke, zu dem praktisch alle Epochen ihren Beitrag geleistet haben. So könnte man glauben, hier auf authentische, unverändert überlieferte Zeugnisse der Vergangenheit zu treffen. Tatsächlich sind Kirchenlieder jedoch äußerst wandelbar. „Christ ist erstanden“ etwa bestand im Mittelalter nur aus der heutigen ersten Strophe: „Christ ist erstanden von der Marter alle. Des soll'n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.“ Martin Luther machte daraus ein Lied mit sieben Strophen. Als Theologe gab er sich nicht mit einem bloßen Ausruf österlicher Freude zufrieden, sondern wollte Auferstehung und Erlösung gründlicher erläutern. Deshalb änderte er auch den Text: „Christ lag in Todesbanden für unsre Sünd gegeben, Der ist wieder erstanden und hat uns bracht das Leben.“

    Daneben bestand die alte Fassung weiter, schwoll aber ebenfalls immer weiter an – bis sie auf drei Strophen zurückgestutzt wurde. Diese Fassung findet sich heute mit kleinen Unterschieden sowohl im katholischen wie im evangelischen Gesangbuch. Solchen Veränderungen nachzuspüren, gehört zu den reizvollsten Aufgaben der Hymnologie, denn sie verraten viel über den Wandel des Zeitgeists und der Frömmigkeit.

    Für diese Aufgabe braucht man aber gesicherte Quellen: Um belastbare Aussagen machen zu können, muss man wissen, welches Gesangbuch an welchem Ort zu welcher Zeit jeweils maßgeblich war und wann es zum ersten Mal erschien. Nicht selten ist es auch gar nicht so einfach, etwa die Erstausgabe eines bestimmten Werkes ausfindig zu machen, denn in den Bibliotheken wurden Gesangbücher oft nicht systematisch gesammelt und erschlossen. Deshalb entstand in Mainz mit Unterstützung der DFG nach achtjähriger Recherche in deutschen und ausländischen Bibliotheken die Datenbank „Gesangbuchbibliographie“. Mittlerweile ist sie im Internet abrufbar. Soweit die gewaltige Materialfülle dies zulässt, erfasst sie sämtliche erreichbaren Titel, klärt die Auflagenfolge und gibt Auskunft darüber, in welcher Bibliothek das betreffende Werk vorhanden ist.

    Gesangbücher sind aber nicht nur Quellen der Kirchenmusik und Dichtung. In der Vergangenheit waren sie oft regelrechte Kunstwerke, mit Holzschnitten, Initialen oder kostbaren Einbänden geschmückt. Man illustrierte sie mit biblischen Szenen oder allegorischen Motiven. Im Barockzeitalter erschienen auf den Titelblättern frappierend detailtreue Stadtansichten, denn jede Stadt, die etwas auf sich hielt, gab damals ihr eigenes Gesangbuch heraus. Die Obrigkeit entdeckte es als Instrument zur Beeinflussung der Untertanen, und auch dies spiegelt sich in den Büchern: Ihre Titelseiten zierten jetzt die Porträts der jeweils herrschenden Fürsten.

    Allmählich veränderte sich die Einstellung zu den Kirchenliedern. An die Stelle der anfänglichen Suche nach Innovationen trat der Wunsch, eine als wertvoll empfundene Überlieferung zu bewahren. Kirchenlieder sind also gegensätzlichen Kräften ausgesetzt: dem Streben nach Veränderung ebenso wie dem Wunsch nach Beharrung und Erhaltung. Zwischen diesen beiden Polen müssen auch die Verantwortlichen für das neue Gotteslob abwägen. Mainzer Wissenschaftler waren und sind an diesem Prozess mit fachlicher Expertise beteiligt.

    Die Gesangbuchbibliographie ist zusammen mit weiteren Informationen auf der Homepage des Interdisziplinären Arbeitskreises Gesangbuchforschung der Universität Mainz im Internet abrufbar: www. uni-mainz.de/Organisationen/Hymnologie/Gesangbuchbibliographie.htm.